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Phasendrescher: Der treue Edelfan

Der Edelfan ist bei jedem Spiel eine Konstante auf der Tribüne (©Laven)

14.12.2020 - Das Jahr 2020 neigt sich dem Ende zu und die dritte Reihe des Phasendrescher-Blogs von Philipp Hell tut es auch. Somit steigen wir heute in die letzte Phase einer typischen Amateur-Tischtenniskarriere ein und betrachten den Edelfan, der zwar selbst nicht mehr aktiv ist, dafür aber auf der Tribüne und bei der anschließenden Analyse in der Kneipe alles gibt. Allen Phasendrescher-Fans sei versichert: Keine Sorge! Die nächste Reihe ist schon in der Mache.

Als Richard wenige Tage nach seinem 87. Geburtstag von seiner Roswitha freundlich aber bestimmt zum Beenden seiner Tischtennis-Karriere gezw…. nun ja, dezent überredet wird (sie hatte auf seinen anhaltend zu hohen Bluthochdruck verwiesen und ihm wenig subtil mit einer sehr sehr späten Scheidung gedroht), gibt er schweren Herzens und viel zu früh den zahllosen Signalen seines Körpers nach. Ausschlaggebend ist letztendlich aber weniger Roswitha (von solchen leeren Versprechungen wie Scheidungen hatte sich Richard schon mit 60 Jahren nicht blenden lassen), sondern die Unmöglichkeit, sich passende neue orthopädische Sportschuhe zu kaufen und diese auch noch als Kassenleistung absetzen zu können. 

Irgendwann ist also jede Tischtennis-Karriere einmal vorüber, was jedoch nicht heißt, dass damit automatisch das Interesse am Tischtennis erlahmt. Ganz im Gegenteil.

Pilgerfahrten von Spiel zu Spiel

So pilgert Richard nun weiterhin jeden zweiten Freitag zum Verbandsliga-Heimspiel seiner „Ersten“, jeden anderen zweiten Freitag zum Bezirksliga-Spiel seiner „Zweiten“ und an Montagen, Dienstagen, Mittwochen und sogar Donnerstagen zu den diversen Kreis- und Bauernliga-Spielen aller weiteren Mannschaften. Tatsächlich hat er nun sogar mehr Zeit für sein Zuschauer-Dasein, seit er nicht mehr selbst an der Platte stehen muss. Sogar das eine oder andere Jugendspiel hat er bereits besucht, bevor sich einige esoterische Helikopter-Eltern über die Anwesenheit dieses doch sehr alten Mannes beschwerten, welcher angeblich einen negativen Einfluss auf das Karma ihres offensichtlich so talentierten Sohnemannes Sören-Malte habe.

Richard ist abends also mehr als ausgelastet, kennt – dank des regelmäßigen Studiums der Regionalsportseiten des örtlichen Käseblattes – alle Tabellenplätze und Bilanzen seiner ehemaligen Mitspieler auswendig, erfährt dank alter Kontakte von sämtlichen anstehenden Spieler-Wechseln in der näheren Umgebung und hat immer noch irgendeinen Funktionärsposten im Verband inne. Manchmal, wenn die Anfahrt nicht allzu weit ist oder ihn sein Schwiegersohn fahren kann, macht er sogar eine Auswärtsfahrt mit. 

Rufe von der Tribüne

Zudem ist Richard bei allen besuchten Spielen ein sehr euphorischer Fan. Da kann es schon mal vorkommen, dass er sich mit einem Gegner anlegt, der unerlaubtes Coaching („Schieß ihn ab!“) während des Satzes praktiziert, dass er eifrig eigene Punktgewinne per Netzball bejubelt und nach bösen Blicken ebenso entschuldigend wie ungerührt auf seine Sehschwäche verweist, dass er seinen Vereinskollegen wertvolle Tipps von der Tribüne herunterruft („Der Johnny da drüben konnte schon vor 30 Jahren nichts!“) und dass er der Verzweiflung nahe ist, wenn wichtige angepeilte Saisonziele (vorderes Mittelfeld) nicht eingehalten werden können („Das wird doch wieder nichts dieses Jahr…“). Kurz: Beim Fußball würde man Richard einen Ultra nennen.

Aus irgendeinem Grund ist Richard jedoch nie bereits zu Spielbeginn in der Halle, sondern schleicht sich gewöhnlich während der Eingangsdoppel auf die Zuschauer-Tribüne. Geht der Blick eines der Spieler im zweiten oder dritten Satz zwischen zwei Ballwechseln nach oben zur Tribüne, ist dann zumeist schon Richard mit seiner unverkennbaren Haarmode von kurz nach dem Krieg zu sehen, der mit beiden Daumen nach oben „seine Jungs“ begrüßt. Manchmal kann es auch ein bisschen später werden, bis Richard auftaucht. Unruhig werden die jungen Recken jedoch, wenn selbst im Entscheidungssatz des Doppels oder gar während des ersten Einzels weit und breit noch nichts von Richard zu sehen ist. Schließlich möchte niemand, dass sich die gesamte Tischtennis-Abteilung demnächst zu einem sehr unschönen Ereignis auf dem örtlichen Friedhof treffen muss. Meist jedoch ist Roswitha die angebliche Schuldige, die Richard nicht rechtzeitig vom Abendessenstisch hat aufstehen lassen. Wobei böse Zungen behaupten, dass er nur mal wieder beim Biathlon im Vorabendprogramm vor dem Fernseher eingenickt sei.

Der Erste in der Kneipe

Nach dem Spiel ist Richard dann immer der Erste in der Kneipe (klar, er muss ja nicht duschen) und hat schon das erste oder zweite Bier intus und das Spielgeschehen mit dem sichtlich uninteressierten Wirt analysiert, bevor seine Helden langsam und abgekämpft eintrudeln. Es folgt nochmal eine messerscharfe Kurzanalyse des Tagesgeschehens („Heute warst du aber schwach, Thomas!“) oder ein paar aufmunternde Worte („Irgendwann wird es auch bei dir mal klappen, Hansjürgen…“) bevor sich Richard vorzeitig nach Hause verabschiedet. Er braucht schließlich seinen Schönheitsschlaf, isst nach 18 Uhr nur noch Joghurt, muss in seinem Alter eben auf seine Gesundheit achten und will sich heute Abend doch auch noch um seine Roswitha kümmern – zwinker, zwinker!

Zur ersten Phase "Der TT-Knirps"
Zur zweiten Phase "Das talentierte Kind"
Zur dritten Phase "Der pubertierende Jugendliche"
Zur vierten Phase "Der übermotivierte 17-Jährige"
Zur fünften Phase "Der abwesende Student"
Zur sechsten Phase "Der ehrgeizige Endzwanziger"
Zur siebten Phase "Der unpässliche Familienpapa"
Zur achten Phase: "Zweite Luft in den Vierzigern"
Zur neunten Phase: "Der gesellige Mittfünfziger"
Zur zehnten Phase: "Der brandgefährliche Routinier"
Zur elften Phase: "Der Tischtennis-Opa"
Zur zwölften Phase: "Der Tischtennis-Greis"

(Philipp Hell)

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