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Phasendrescher: Der Tischtennis-Opa

Philipp Hell schreibt in seinem Blog über den klassischen ,Tischtennis-Opa'. (©Laven)

07.09.2020 - Jeder Tischtennisspieler wird ihm in seinem Verein oder bei einem Meisterschaftsspiel schon einmal begegnet sein. Die Rede ist vom ,Tischtennis-Opa', der für unseren Blogger Philipp Hell die elfte Phase einer typischen Amateurkarriere einnimmt. Unser Phasendrescher erklärt, wie ein solcher Opa sich im Verein verhält. Ob beim Jugendtraining oder beim Pokern. Der ,Tischtennis-Opa' ist im Vereinsleben meistens tief verwurzelt.

Seitdem Adalbert die 75 Lebensjahre überschritten hat, hat er endgültig beschlossen, sportlich künftig etwas kürzer zu treten. Er ist also nicht mehr in zwei Mannschaften Stammspieler und spielt zusätzlich Ersatz in drei weiteren Mannschaften, wenn die Studenten mal wieder Prüfungsphase haben oder auf Erasmus-Semester sind. Pokalspiele sind in seinem Verein aus unerfindlichen Gründen seit Jahren ohnehin kein Thema, zu den bekannten Turnieren wie Kreis- und Bezirksmeisterschaften oder gar diesen neumodischen Turnierserien fährt er schon lange nicht mehr und im ersten Paarkreuz oder im Einser-Doppel möchte er eigentlich auch nicht aufgestellt werden. Doch Tischtennis spielt er trotzdem nach wie vor für sein Leben gern, nicht dass da jemand etwas missversteht.

Gleicher Ehrgeiz wie vor 59 Jahren

Trotz zahlloser Wehwehchen an Armen und Beinen, die mit unzähligen Bandagen bekämpft werden (mit äußerst überschaubarem Erfolg), zuletzt deutlich verminderter Sehfähigkeit gerade in der Mitteldistanz an der Platte, einem großen und daher unpraktischen Hörgerät, erhöhtem Bluthochdruck als dem Klassiker der Senioren-Krankheiten sowie – das ist das Schlimmste – der vom Arzt verordneten Alkohol-Abstinenz (an die er sich an allen Tagen hält, die nicht auf ,g' enden; außer mittwochs) trifft er sich jeden Dienstag mit seinem Freund aus Jugendtagen, Friedhelm, zum Training. Dort spielen sie ihre vermutlich zehntausendste sowie gleich im Anschluss ihre zehntausend und erste Partie gegeneinander mit dem gleichen Ehrgeiz wie vor 59 Jahren und hängen höchstens noch ein gemeinsames Doppel dran, bevor sie sich dann vorzeitig zum Duschen verabschieden und noch auf ein Bier in die Kneipe gegenüber gehen. Gegessen wird jedoch nichts mehr, es ist ja bereits nach 17 Uhr! Gegen die ganzen ebenfalls im Training anwesenden Jugendlichen treten beide nicht mehr so gerne an, die sind ihnen zu motiviert, zu schnell, zu gut – kurz: zu jung.

Doch prinzipiell ist Adalbert bei Punktspielen nach wie vor im Einsatz, wenn auch seit letzter Saison in der hintersten Mannschaft in der untersten Liga. Denn hier kann er immer noch gut mithalten, den ein oder anderen 16-Jährigen mit seinen Noppen ärgern, seinen 45-jährigen Mitspielern großväterliche Ratschläge erteilen („Das Trikot gehört in die Hose, junger Mann!“) und sich daran erfreuen, dass er seine Abende nicht alleine zu Hause vor dem Fernseher verbringen muss, sondern auf viel zu niedrigen Bänken in einer miefigen Schulturnhalle mit lauwarmen Duschen und dem in der Umkleide konservierten Schweißfußgeruch der letzten vier Jahrzehnte.

Große Freude beim Jugendtraining

Zusätzlich hilft er seit Jahren beim Kinder-Training mit, indem er sich mit einer Engelsgeduld auf eine Seite einer Platte stellt, auf deren anderer Seite bis zu zehn Knirpse in einer Schlange darauf warten, der Reihe nach einen Ballwechsel mit ihm ausführen zu dürfen. Wer den Ball dabei zweimal in Folge übers Netz spielen kann, scheint zu den großen Talenten im Verein zu gehören. Wer es überhaupt schafft, sich korrekt in dieser Reihe aufzustellen, ebenso. Für Adalbert jedenfalls ist das jede Woche eine große Freude zu sehen, wie viel Spaß diese Kinder am Tischtennis-Sport haben (wenn sie sich nicht gerade kreischend durch die Halle jagen und gegenseitig mit Tischtennis-Bällen abschießen), haben sich seine Enkel doch trotz seines intensiven Zuredens nur für so profane Sportarten wie Fußball und Tennis interessiert.

Auch zu den sozialen Anlässen wie regelmäßigen Vereinsturnieren, Sommerfesten, den klassischen Ausflugsfahrten und – leider immer öfter – Beerdigungen von Adalbert seit einer Ewigkeit freundschaftlich verbundenen Sportkameraden aus dem ganzen Tischtennis-Bezirk ist Adalbert immer anwesend. Ja, gerade auf ihn ist absolut Verlass, wenn mal wieder zwei helfende Hände gesucht werden, sei es um Bier zu zapfen, als Abteilungs-Delegierter auf die öde Vereinsversammlung zu gehen oder mitten im tiefsten Winter mittels einer langen Autofahrt den fürchterlich unergiebigen Bezirkstag zu besuchen, Sponsoren für die große Sommerfest-Tombola zu organisieren oder gar spontan als Auswärtsfahrer für die dritte Jugendmannschaft einzuspringen. Nur beim Kuchenbacken ist er raus, seit seine Helga nicht mehr ist und das sind nun auch schon wieder über 15 Jahre.

Pokern mit den jungen Spielern

Sogar für die von den sehr jungen Spielern der „Ersten“ gegründete Pokerrunde hat er sich einmal überreden lassen. Doch da war ihm dann doch zu viel Hektik drin, er konnte noch nicht mal in Ruhe sein Kaltgetränk genießen, von den ganzen englischen Fachbegriffen hat er keinen einzigen verstanden und als er am Ende des Abends mehr als 50 Euro verloren hatte und die Jungens nur schelmisch grinsten, wollte er fast schon die Gründung einer Rommee- und Canasta-Runde vorschlagen. Doch dann hat Adalbert einfach beschlossen, dass er so alt dann doch noch nicht ist. 

Zur ersten Phase "Der TT-Knirps"
Zur zweiten Phase "Das talentierte Kind"
Zur dritten Phase "Der pubertierende Jugendliche"
Zur vierten Phase "Der übermotivierte 17-Jährige"
Zur fünften Phase "Der abwesende Student"
Zur sechsten Phase "Der ehrgeizige Endzwanziger"
Zur siebten Phase "Der unpässliche Familienpapa"
Zur achten Phase: "Zweite Luft in den Vierzigern"
Zur neunten Phase: "Der gesellige Mittfünfziger"
Zur zehnten Phase: "Der brandgefährliche Routinier"

(Philipp Hell)

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