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Phasendrescher: Der übermotivierte 17-Jährige

Schwer verliebt oder übermotiviert? In dieser Phase werden wichtige Weichen gestellt (©Laven)

16.12.2019 - Wie verläuft die typische Karriere eines Tischtennis-Amateurspielers? Diese Frage stellt sich Philipp Hell in der dritten Reihe seines Phasendrescher-Blogs. Nachdem sein prototypischer Spieler die schwierige Phase der Pubertät erfolgreich überstanden hat, sind allerdings noch immer nicht alle Gefahren gebannt. Denn auch wenn das eine Herz in der Brust alles für eine Bezirksligakarriere tun will, schlägt das andere halt doch für Lisa.

Wer trotz intensiver Pubertät auch nach dem 16. Geburtstag tapfer Mitglied der Tischtennis-Abteilung seines Vereins bleibt, ist entweder Masochist, übermäßig talentiert oder aber sichtlich übermotiviert. Beim 17-jährigen Finn ist übermäßiges Talent durchaus im Bereich des Möglichen, mit Sicherheit ist aber Letzteres der Fall: Übermotivation. Und so ist er zusammen mit seinem kongenialen Kumpel Ferdinand der einzige der anfangs 25 Kindern, die damals mit elf Jahren plötzlich und unverhofft das Tischtennis-Training stürmten, der immer noch dabei ist. Und zwar topmotiviert.

Übermotiviert bis in die Haarspitzen

Finn und Ferdinand zeichnen sich gar durch eine gewisse Übermotivation aus, die dem einen oder anderen alteingesessenen (und daher gemütlichen) Tischtennis-Spieler ein bisschen auf die Nerven geht. Sie sind bei jedem Jugend-Training anwesend, obwohl natürlich keiner der achtjährigen Knirpse auch nur zwei Ballwechsel mit ihnen zustande bringt. Stattdessen üben sie, angeleitet von ihrem äußerst ehrgeizigen Trainer Edmund, meistens die Feinheiten des Topspin-Topspin-Offensivspiels an einer abgetrennten Platte (zack-zack-zack-zack-cho, zack-zack-zack-cho, zack-zack-zack-zack-zack-zack-zack-cho!) oder nehmen sich stundenlang den Balleimer zum Aufschlagtraining zur Brust. Selbstverständlich bleiben sie auch zum anschließenden Herren-Training noch vor Ort, besiegen munter einige Mitglieder der zweiten Mannschaft und trainieren immer noch, wenn sich die ersten Routiniers nach dem Duschen bereits in die Vereinskneipe begeben. 

Dieses Prozedere wird, solange es nicht von Punktspieleinsätzen in der Jugend-Landesliga (zu denen leider auch zwei talentfreie Achtjährige mitfahren müssen) gestört wird, auch im zweiten Training der Woche wiederholt. Hinzu kommen dann noch einige Freitagabend-Einsätze bei den Herren (um ein bisschen Bezirksliga-Luft zu schnuppern), samstags fährt man gerne zu Meisterschaften (irgendein Jugend-Ranglistenturnier ist immer) und sonntags finden oftmals noch ganztägige Tischtennis-Lehrgänge in der nahen Großstadt statt. Allein die Möglichkeit, ab Montag in der Schule in der großen Pause auch noch beim Rundlauf mitzuspielen, wird von den beiden seit einiger Zeit nicht mehr genutzt.

Mädchen und Muskeln

In ihrer sonstigen Freizeit, also etwa in der Schule oder wenn die Sporthalle tatsächlich mal geschlossen oder gar von den brüllenden Fußball-Trotteln belegt ist, sehen sich Finn und Ferdinand hunderte von Tischtennis-Clips auf YouTube an, studieren neue innovative Trainingsformen und schmökern im aktuellen Katalog des Tischtennis-Händlers ihres Vertrauens – schließlich gibt es immer irgendeinen neuen Belag oder ein neues Holz, mit dem man noch mal einen Leistungssprung von zwei bis drei Prozent herauskitzeln könnte.

Eigentlich müssten sich Finn und Ferdinand ja auf ihre nahenden Abschlussprüfungen vorbereiten, aber die große Chance auf so eine Tischtennis-Bezirksligakarriere wollen die beiden eben nicht ungenutzt verstreichen lassen. Dies gibt immer wieder Anlass zu regen Debatten am heimischen Esstisch, doch eigentlich ist die Familie sehr stolz auf Finn: Zahllose Pokale schmücken schon Papas Hobbyraum (das Kinderzimmer ist bereits vollgestellt), Mama kommt mit dem Waschen der verschwitzten Trikots zwar kaum mehr hinterher, steckt Finn aber heimlich ein bisschen Geld für die teuren neuen Beläge zu, Opa ist stolz wie Bolle, wenn er von den Erfolgen seines Enkels im Regional-Sportteil der Zeitung liest (mit Foto!) und Oma kommt sogar ab und zu heimlich zum Zuschauen vorbei – nur Finns kleine Schwester Anna findet, dass Tischtennis ein Luschen-Sport sei und er so nie ein Mädchen für den Abschlussball finden werde.

Das mit dem Abschlussball ist tatsächlich so eine Sache, denn heimlich hat Finn schon ein kleines Auge auf Annas beste Freundin Lisa geworfen, während Ferdinand Finns Schwester mehr als nur nett findet. Und wie jeder erfahrene Tischtennis-Jugendtrainer weiß, gibt es vor und während der Pubertät zwar jede Menge Gründe, Spieler wieder zu verlieren (Fußball, Tennis, kein Talent, gar kein Talent, keinen Bock mehr, gar keinen Bock mehr, Hausarrest, herausgefunden, dass Tischtennis uncool ist, etc.), doch für diejenigen, die so lange durchgehalten haben wie Finn und Ferdinand, gibt es anschließend nur noch zwei Gefahren: Mädchen und Muskeln. 

Muckibude statt Sporthalle

Klar, dass einerseits das plötzliche Vorhandensein einer Freundin die Art der Freizeitaktivitäten drastisch verändert. Hiermit ist allerdings nicht der klassische Trainerspruch „kein Sex vor dem Spiel“ gemeint, sondern der Umstand, dass plötzlich überhaupt keine Zeit mehr für eben dieses Spiel vorhanden ist. Oder für das Training. Von Turnieren am Samstagnachmittag mal ganz zu schweigen.

Andererseits ist aber auch das plötzliche Interesse an Kraftsport mit dem Ziel von überdimensioniertem Muskelaufbau ein großes Problem. Zwar ist es nur zu verständlich, wenn der spätpubertäre Hänfling endlich mehr für seinen sogenannten ‚Body‘ tun will (vor allem um der Abwesenheit einer Freundin entgegenzuwirken) als nur Vorhand-Topspin zu trainieren. Andererseits hat dieses Hobby sowohl zeitliche als auch körperliche Auswirkungen auf die Tischtennis-Karriere: Statt Sporthalle heißt es nun Fitnessstudio und statt Schnellkraft heißt es nun nur noch Kraft – eine ganz fatale Entwicklung für Freunde des schnellen weißen Plastikballes!

Doch noch ist es nicht so weit für Finn und Ferdinand, noch stehen sie regelmäßig in der Halle, und ohne den Blick nach links oder rechts zu bewegen, geht es zack-zack-zack-zack-cho, zack-zack-zack-cho, zack-zack-zack-zack-zack-zack-zack-chochocho!!! Gottseidank hat Trainer Edmund neulich Anna und Lisa rechtzeitig auf der Zuschauertribüne entdeckt und sie unbemerkt schleunigst aus der Halle komplimentiert. Damit hat er sich, den beiden Jungs und dem gesamten Tischtennis-Sport zumindest eine Gnadenfrist von ein paar Monaten erkauft. Und so geht es einfach immer weiter: Zack-zack-zack-zack-zack-cho, zack-zack-zack-zack-cho, zack-zack-zack-zack-Ballonabwehr-zack-Ballonabwehr-Fehler-choooo!!!

Zur ersten Phase "Der TT-Knirps"
Zur zweiten Phase "Das talentierte Kind"
Zur dritten Phase "Der pubertierende Jugendliche"

(Philipp Hell)

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