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Phasendrescher: Die zweite Luft in den Vierzigern

Die Kinder sind aus dem Gröbsten raus und endlich ist wieder Zeit für Tischtennis da (©Laven)

18.05.2020 - Wenn sich die Vaterpflichten nur noch auf ein paar Fahrdienste in der Nacht reduzieren, kann der Mittvierziger auch wieder an seine Tischtenniskarriere denken und das alte Hobby wieder aufgreifen. Unser Phasendrescher Philipp Hell erzählt uns diesmal von der siebten Phase einer typischen Amateurkarriere in der Kreisliga, die von der zweiten - und manchmal sogar schon von der dritten - Luft in den Vierzigern bestimmt wird.

Seitdem Carstens drei Kinder in der Pubertät sind und ihren Vater nur noch nachts als Discotaxi benötigen, hat Carstens Kreisliga-Tischtenniskarriere einen klaren Aufwärtstrend zu verzeichnen. Zwar ist er mit seinen 45 Jahren nicht mehr so lernfähig wie mit 16, nicht mehr so fit und agil wie mit Mitte 20 und nach zahllosen dringend nötigen familiären Investitionen (Stichwort: Immobilienkredit!) nicht mehr so finanzstark wie mit Anfang 30, um sich maximal alle drei Monate den allerheißesten Scheiß auf dem Schlägerbelag-Markt kaufen zu können – doch mit Trainingseifer und Spaß an der Sache lässt sich vieles ausgleichen. Beispielsweise eine hohe Stirn. Und eine Brille. Sogar weitgehend fehlendes Talent, so munkelt man jedenfalls. 

Wiedergewonnene Freiheit ausnutzen

Nach Jahren mangelnder Freizeit dank Kleinkindern weiß Carsten nämlich seine wiedergewonnene Freiheit auszunutzen: Zwei Mal die Woche ins Training ist ohnehin das Mindeste, dazu kommt freitags das obligatorische Punktspiel, eventuell kann er mal dienstags in den Bezirksliga-Mannschaften aushelfen, ein Pokalspiel absolvieren und am Wochenende oft noch ein Turnier einstreuen – seinen Schläger fasst er inzwischen häufiger an als seine Kathi. Und zärtlicher. Nix für ungut, die ist ohnehin ständig tagelang mit ihrer Kegeltruppe unterwegs, und so hat Carsten eben endlich wieder Lust auf und Zeit für Tischtennis. Und zwar jede Menge. Und sei es eben auch nur Kreisliga-Tischtennis.

Hinzu kommt, dass er seinen durchaus vorhandenen sportlichen Ehrgeiz jahrelang leider beim Mensch-ärgere-dich-nicht-Spielen hat zügeln müssen, um einen größeren Familienzoff zu vermeiden. Und selbst an der verbogenen Tischtennis-Platte im Garten mit dem schiefen Netz, dem abblätternden Anstrich und der einen fehlenden Ecke hatten seine gemeinen Aufschläge technisch gesehen zwar den erwünschten Effekt, führten aber nicht zu bewundernden Blicken eines Achtjährigen, sondern zu regelmäßigen cholerischen Heul- und Schreianfällen – normalerweise unter den wachsamen Augen und vor allem Ohren der Nachbarschaft. 

Keine Rücksicht auf Minderjährige

Da hieß es sich zusammenzureißen, die Bälle hoch (aber nicht zu hoch!) zurückzuspielen, dem Jüngling mühsam „das Schmettern“ beizubringen, zu applaudieren wenn drei Ballwechsel in Folge zu Stande kommen, Rundlauf mit neun ebenso talentfreien wie disziplinlosen und regelunkundigen Nachbarskindern bedingungslos großartig zu finden und auch sonst niemanden sportlich zu enttäuschen. Zwar hat Carsten mal die Nachbarschaftsmeisterschaft gewonnen, aber da waren alle anderen teilnehmenden Papas am Vatertag auch sichtlich angeschickert (oder einfach nur rotzevoll), darauf kann er sich nun wirklich nichts einbilden. Nun aber kann er völlig verantwortungsfrei in der vierten oder dritten Kreisliga (in der zweiten Kreisliga klappt das für Carsten definitiv nicht mehr) wieder jeden dahergelaufenen minderjährigen Gegner von der Platte blasen, wenn ihm danach ist – und wenn es seine spielerischen Fähigkeiten hergeben.

An eben diesen Fähigkeiten arbeitet Carsten daher mit dem Eifer eines 17-Jährigen und mit der Erfahrungen eines Mittvierzigers – eine beinahe unschlagbare Kombination und definitiv besser als umgekehrt. Carstens Spielniveau geht folglich seit einiger Zeit kontinuierlich nur nach oben, fast schon steil nach oben, muss man konstatieren. Und auch wenn sich das vielleicht nicht immer in den gewünschten Ergebnissen widerspiegelt (ach, die Nerven! Und, nun ja, die Ausdauer…), so ist es doch eine sehr erfreuliche Entwicklung. Bald schon hofft er darauf, erstmals Stammspieler in der Ersten werden zu können. Zumindest wenn Hajo dank seiner vier Kinder im Grundschulalter weiterhin so selten Zeit hat, zu trainieren.

Vollgas in der Kneipe

Zu guter Letzt genießt Carsten nach jahrelanger Quasi-Abstinenz auch wieder das Gesellige während und vor allem nach den Spielen. Endlich kann er praktisch folgenlos bereits zwischen den Sätzen das ein oder andere Kampfbier zischen sowie anschließend stundenlang in der Kneipe die vergangene Partie analysieren (und alles andere natürlich auch), ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben, weil morgen früh um acht Flohmarkt in der Kinderkrippe oder Kommunion oder irgendein semiwichtiges E-Jugend-Fußballspiel ist. Morgen früh ist gar nichts, außer Ausschlafen bis halb elf und dann ein spätes Frühstück. Und da stört es Carsten auch nicht, dass er morgens um halb fünf einen Anruf seiner Ältesten erhält, ob er sie wohl vom "Sinners Club" abholen könne – schließlich war es ohnehin langsam Zeit nach Hause zu fahren und die örtliche Dorfdisco mit dem fragwürdigen Namen liegt glücklicherweise praktisch direkt auf dem Heimweg vom Vereinsheim.

Zur ersten Phase "Der TT-Knirps"
Zur zweiten Phase "Das talentierte Kind"
Zur dritten Phase "Der pubertierende Jugendliche"
Zur vierten Phase "Der übermotivierte 17-Jährige"
Zur fünften Phase "Der abwesende Student"
Zur sechsten Phase "Der ehrgeizige Endzwanziger"
Zur siebten Phase "Der unpässliche Familienpapa"

(Philipp Hell)

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