Olympia 2021

G. C. Foerster: „Die größte Chance, die sie je hatten“

G.C. Foerster (l.) arbeitete mit Jun Mizutani an dessen Olympiamission (©Manabu Nakagawa/ITTF)

23.07.2021 - Manche werden ihn noch aus seiner aktiven Zeit in den deutschen Ligen - bis zur 2. Bundesliga - kennen. Inzwischen lebt Gregor Clemens Foerster, genannt G. C., in Japan und kann von seiner Wohnung aus direkt ins Olympische Dorf schauen. Im myTischtennis.de-Interview erzählt der gebürtige Düsseldorfer, wie er die Unruhe in der japanischen Bevölkerung vor den Olympischen Spielen wahrgenommen hat, und von seiner intensiven Zeit mit Jun Mizutani, der seiner Meinung nach eine große Chance auf Gold hat.

myTischtennis.de: 2019, als wir das letzte Mal von dir gehört haben, lebtest du in Kawasaki. Ist das immer noch so?

G. C. Foerster: Nein, ich bin längst umgezogen. Inzwischen wohne ich in Tokio, etwa 200 Meter vom Olympischen Dorf entfernt. Aus dem Fenster meiner Wohnung kann ich die Häuser der Athleten sehen.

myTischtennis.de: Dann werden die Proteste mancher Japaner gegen die Austragung der Olympischen Spiele in diesem Sommer sicher nicht an dir vorbeigegangen sein. Wie hast du das vor Ort erlebt?

G. C. Foerster: Ich habe das hautnah mitbekommen, weil auf der anderen Seite meiner Wohnung das Olympische Komitee sein Büro hat und es in den vergangenen Monaten dort einige Demos gab. Also, eine japanische Demo kann man sich nicht wie in Deutschland mit zigtausend Menschen vorstellen, aber für japanische Verhältnisse war das schon bemerkenswert. Ich konnte sie selbst hier oben in meiner Wohnung hören. Die Leute - gerade hier in Tokio - sehen vor allem die Risiken, die damit einhergehen, wenn viele Ausländer in die Stadt kommen. Auf der anderen Seite muss man aber auch bedenken, dass hier in Japan längst nicht so viel getestet wird wie anderswo. Im März bin ich nach Deutschland geflogen und musste schon fast schmunzeln, als man mich dort einfach einreisen ließ - ohne Test oder ähnliches, einfach weil die Zahlen in Japan so niedrig sind. Ich habe dann trotzdem einen Test gemacht, sicherheitshalber. Andersherum kommt man gerade hingegen kaum noch nach Japan rein. Genauso darf man ganz normal zum Baseball oder Sumoringen gehen, aber die Olympischen Spiele finden ohne Zuschauer statt. Das ist schon eine seltsame Situation.

myTischtennis.de: Wie lautet deine Meinung? Ist es richtig, die Olympischen Spiele in den nächsten Wochen in Tokio auszurichten?

G. C. Foerster: Das ist schwierig für mich zu beantworten. Aus Sicht der Stadt ist es sicher richtig, die Spiele durchzuziehen. Die haben eh schon unfassbare Kosten - unabhängig davon, ob die Spiele stattfinden oder nicht - und können auf diese Weise zum Beispiel durch TV-Einnahmen zumindest ein bisschen Geld zurückholen. Aber ob es prinzipiell die richtige Entscheidung war, ist schwer zu beurteilen. Zumindest ist es auch Sicht der Organisatoren verständlich, dass sie die Spiele im vergangenen Jahr nur verschoben und nicht abgesagt haben. Dass uns das Thema Corona noch immer so sehr beschäftigt, konnte man kaum vorhersehen. 

myTischtennis.de: Eigentlich hättest du bei dieser Ausgabe der Olympischen Spiele auch eine wichtige Rolle spielen sollen. Du wärest als Jun Mizutanis Privatcoach direkt an der Box mit dabei gewesen, wenn er den Einzelstartplatz bekommen hätte. Wie haben Mizutani und du das verkraftet, dass es nicht geklappt hat?

G. C. Foerster: Wir waren beide sehr enttäuscht, weil das Einzel unser klares Ziel war. Im Nachhinein kann man sagen, dass alles unfassbar blöd gegen Jun gelaufen ist, ohne dass dies eine Entschuldigung sein soll. Der zweite Einzelstartplatz sollte entweder an Jun oder Koki Niwa gehen - je nach dem, wer in der Weltrangliste weiter oben stand. Nun war Jun zu zwei T2-Turnieren eingeladen gewesen, für die Koki eigentlich nicht qualifiziert war. Am Ende wurde das eine abgesagt und beim anderen rückte Koki noch nach, so dass Jun nicht, wie geplant, 600 Punkte auf ihn gutmachen konnte. Oder nimm das German-Open-Spiel gegen Timo Boll, wo Jun schon mit 1:3 hinten lag, sich zurückkämpfte, einen Matchball holte und doch noch verlor. Alles, was schieflaufen konnte, lief auch schief. 

myTischtennis.de: Ist der verpasste Einzelstartplatz auch der Grund, warum du nicht mehr sein Privatcoach bist?

G. C. Foerster: Ja, denn unser Ziel beschränkte sich nur auf das Einzel. Nichtsdestotrotz war es eine gute und lehrreiche Zeit für mich. Ich habe Jun von einer anderen Seite kennengelernt. Das Trainer-Spieler-Verhältnis ist schon noch mal was anderes. Ich habe den ganzen Stress 1:1 hautnah miterlebt und hatte eine sehr intensive Zeit mit ihm, er hat viel mit mir geteilt. Auf ihm lastete unfassbarer Druck, er wollte das unbedingt. Von daher hat ihn das mental schon ziemlich heruntergezogen. 

myTischtennis.de: Wirst du dann überhaupt irgendwie an den Spielen beteiligt sein? Vielleicht durch deinen Job bei TIBHAR?

G. C. Foerster: Der olympische Tischsponsor SAN-EI ist unser Partner und vertreibt TIBHAR-Produkte in Japan. Über diesen Weg werde ich eine Akkreditierung erhalten, um mir ein paar Spiele anschauen zu können, aber Kontakt zu den Spielern ist strikt verboten. Vielleicht mache ich mich auch noch nützlich und packe mit an, wenn die Tische im Innenraum abgebaut werden müssen. Die wiegen 320 kg!

myTischtennis.de: Was bedeuten Mizutani diese Olympischen Spiele in Tokio? Ich habe gelesen, dass er mit dem Gedanken spielt, seine internationale Karriere danach zu beenden.

G. C. Foerster: Wenn er das tut, wäre es das Traum-Ende seiner Karriere, in seiner Heimat, in seiner Stadt noch einmal anzugreifen. Im Mixed hat er die Chance auf Gold, im Teamwettbewerb liegt der große Fokus auf einer Medaille. Alles andere ist ihm gerade egal.

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