Buntes

Warum TT-Spieler von Pokerprofis lernen können

Julian Peters und Manuel Mutke haben eine Leidenschaft für Tischtennis und Poker entfacht. (©TV Refrath/privat)

11.02.2021 - Knapp 13 Jahre hat Manuel Mutke sein Geld mit professionellem Poker verdient. Der 34-jährige Verbandsklassenspieler vom TTC Karlsruhe-Neureut nahm sogar mehrfach an der World Series of Poker in Las Vegas teil. Auch Julian Peters, A-Lizenz-Trainer beim TV Refrath, entdeckte die Leidenschaft fürs Bluffen für sich. In seinem demnächst erscheinenden Buch stellt er heraus, was Tischtennissportler von Pokerprofis lernen können.

Manuel Mutke spielt seit Kindertagen für sein Leben gerne Tischtennis. Als er 2003 im Deutschen Sportfernsehen (heute Sport1) zum ersten Mal die bekannteste und prestigeträchtigste Turnierreihe ‚World Series of Poker‘ (WSOP) einschaltete, packte ihn zusätzlich zur Vorliebe für den kleinen weißen Ball das Pokerfieber. Der US-amerikanische Amateurspieler Chris Moneymaker räumte beim TV-Event einen satten Millionengewinn ab und löste damit einen regelrechten Boom in der Szene aus. Mutke war auf Anhieb begeistert und fing an, hobbymäßig mit wenig Einsatz zu ‚daddeln‘. „Nach dem Abi 2006 habe ich mich jeden Tag mit Poker beschäftigt, sehr viel darüber gelernt und mir eine Expertise angeeignet“, berichtet Mutke über seine Anfänge auf dem Weg zum Profi. Da es irgendwann immer steiler bergauf ging, brach der Computer-Nerd sein Informatik-Studium ab und fokussierte sich voll und ganz auf seine Karriere mit den Karten in der Hand. 

Poker-Traum in Las Vegas geht in Erfüllung

Neben unzähligen Online-Erfolgen setzte sich der Cashgame-Spezialist zunächst in Tschechien, Österreich und Deutschland an die Casinotische. 2012 erfüllte sich sein großer Traum. Mutke flog von nun an einmal jährlich nach Las Vegas zur WSOP. „Es war immer ein super Erlebnis. Beim ersten Mal hatte ich einen Mega-Flash von der Stadt“, schwärmt der 34-Jährige. Von wenigen 100 Euro bis hoch in die Millionen. Die Range der Start- und Preisgelder ist je nach Portemonnaie und Fähigkeiten unterschiedlich breit. „Es war eigentlich ganz einfach. Man musste nur sehr viel Zeit investieren, so konnte es fast jeder schaffen“, blickt der Karlsruher zurück. So einfach wie damals gehe es heute nicht mehr. Mittlerweile sei nicht nur der Markt stark zurückgegangen, auch der Hype (Werbe-/TV-Präsenz etc.) habe stark nachgelassen.

In der ‚Germany All Time Money List’ steht Manuel Mutke auf Rang 78, seine ,Total Live Earnings’ liegen bei 627.114 Dollar. Lange konnte er von den erspielten Summen gut leben. „Bis zur Rente ist es aber nichts“, war sich Mutke früh im Klaren. Schlafrhythmus und Profitabilität litten auf Dauer zunehmend. Die Gegnerschaft wurde besser, das Spiel immer genauer analysiert. So zog der 34-Jährige einen Schlussstrich und möchte nun in der Blockchain- und Bitcoin-Branche fußfassen. Seinem Verein TTC Karlsruhe-Neureut hielt er über die Jahre die Treue. Groß geworden in einer echten Tischtennis-Familie (seine Mutter spielte semiprofessionell), trainiert Mutke derzeit einige Stunden pro Woche am heimischen Tisch, um schon „hoffentlich bald“ wieder als Leistungsträger in der badischen Verbandsklasse Süd aufzuschlagen. 

Pokerstrategien auf Tischtennis übertragen

Auch im Leben von Julian Peters spielen Tischtennis und Poker eine große Rolle. Der 37-Jährige betrachtet vor allem die theoretische Seite beider Felder. Seinen Ehrgeiz weckte der A-Lizenz-Inhaber vor gut neun Jahren, ähnlich wie Mutke zunächst aus Freizeitgründen. Schon früh fand der ehemalige Bundestrainerassistent im D/C-Minikader (2011 bis 2013) Interesse daran, sein spielerisches Niveau durch gezieltes Strategie-Training zu erhöhen. Während seines selbsternannten „Poker-Studiums“ entwickelte Peters viele nützliche Denkansätze und Herangehensweisen, die er hervorragend in seine Arbeit als Tischtennistrainer einfließen lassen kann. „Besonders fasziniert hat mich dabei das Thema Mindset, also die richtige innere Haltung in Bezug auf die mentalen Herausforderungen im Poker“, erklärt Peters, der von 2007 bis 2017 als Honorartrainer und Lehrreferent des WTTV arbeitete. 

Durch die gewonnenen Erfahrungen entstand eine eigene Tischtennis-Philosophie, die neben seiner Arbeit als Trainer und Coach auch als Grundlage für sein demnächst erscheinendes Buch ‚Das Tischtennis-Mindset – was Tischtennissportler von Pokerprofis lernen können‘ (zum Klappentext) diente. „Tischtennis ist ein mental anspruchsvoller Sport. Je höher das Spielniveau, desto höher der Qualitätsdruck in Bezug auf die eigenen Schläge. Um in kurzer Zeit die richtigen Entscheidungen zu treffen, muss ein Spieler in einem guten mentalen Zustand sein“, so Peters. Den angestrebten Optimalzustand (auch ‚A-Game‘ genannt) abzurufen, in dem ein Spieler handlungsschnell, chancenorientiert und risikobereit ist, sei nicht immer leicht zu erreichen. Der alleinige Versuch, beim Schlag lediglich einen Fehler zu vermeiden, erzeuge oft ein zögerliches Agieren. Anhand dieser Faktoren zieht der hauptamtliche Trainer des TV Refrath spannende Parallelen zwischen Poker und Tischtennis.

Rückschläge am Tisch richtig wegstecken

So endet zum Beispiel jeder Ballwechsel mit einem Erfolg oder Misserfolg. Bis zum nächsten Punkt verbleiben oft nur wenige Sekunden zur Selbstregulierung. Daraus resultieren zu kontrollierende Emotionen, die das Spiel positiv, aber auch negativ beeinflussen können. Ein gutes Mindset kann enorm dabei helfen, mit diesen und anderen Herausforderungen wie zum Beispiel Netzrollern, besonderen Spielständen, Nervosität, Zeitdruck oder dem natürlichen Wunsch nach unmittelbarer Belohnung besser umzugehen und sich eine Vielzahl an Vorteilen zu verschaffen. Im Poker wird jede Abweichung vom Bestmöglichen als Tilt bezeichnet. In seiner Arbeit vermittelt Julian Peters ein Mindset, das es Tischtennissportlern ermöglicht, Tilt zu vermeiden und ihren Sport erfolgreicher und mit mehr Spaß auszuüben.

Konzentration und Antizipation haben beiden Zockerexperten mit TT-Affinität in irgendeiner Weise dabei geholfen, ihr persönliches Pokerface aufzulegen und dem Gegner immer einen Schritt voraus zu sein – in welcher Sportart auch immer.

Alle Infos zu unserer Serie ,Tischtennisspielende Multitalente'

(FKT)

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