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Walther: "WTT eine Turnierreihe für Auserwählte“

Ricardo Walther (r.) bei den German Open 2020 (©Gohlke)

23.02.2021 - Nach einigen Monaten ohne internationales Turnier wird das ITTF-Wettkampfjahr am Sonntag mit einem Contender-Turnier in Katars Hauptstadt Doha eingeläutet, auf das am gleichen Ort ein Star-Contender-Turnier folgt. An den Start geht bei beiden Turnieren auch Ricardo Walther. Er muss sich jeweils in der Qualifikation beweisen. Im Interview kritisiert der 29-Jährige das Konstrukt WTT und spricht über Turniere in Coronazeiten.

myTischtennis.de: Wann geht es für dich nach Doha und was ist im Hinblick auf Hygienemaßnahmen geplant? Wie wird der Ablauf sein? 

Ricardo Walther: Innerhalb von 48 Stunden und sieben Tagen vor dem Abflug muss man einen negativen Coronatest vorweisen. Das war bei mir der Fall, ich habe gestern den zweiten, negativen Test gemacht. Bei der Anreise läuft ansonsten jetzt erst einmal alles wie immer, ich werde morgen früh zum Frankfurter Flughafen fahren. Bei der Ankunft werden wir empfangen und müssen uns vor Ort eine App herunterladen. Wie es dann im Einzelnen weitergeht, weiß ich noch nicht. Auch, ob Zuschauer vor Ort erlaubt sein werden, weiß ich nicht.

myTischtennis.de: Wisst ihr schon, in welchem Spielsystem bei den Turnieren gespielt wird? Wie klappt insgesamt die Kommunikation mit der ITTF bzw. WTT?

Ricardo Walther: Die Kommunikation ist ausbaufähig. Meistens erfahre ich Dinge über den DTTB, mit dem ich im Austausch stehe und fast jeden Tag etwas Neues höre. Bis zum Halbfinale sollen nur drei Gewinnsätze gespielt werden, erst dann vier Gewinnsätze. Die Qualifikation ist auf 96 Spieler beschränkt, nur acht Spieler schaffen den Sprung in die Hauptrunde. Man weiß auch nicht, wie gelost wird, wo man von der Auslosung erfährt und wo man die Ergebnisse nachschauen kann, ob auf der ITTF-Seite oder der WTT-Seite. Statt auf rotem Hallenboden soll wohl auf schwarzem gespielt werden. Und man darf sich nur in der Halle und dem Hotel aufhalten, das Gelände nicht verlassen. Sonst drohen hohe Geldstrafen...

myTischtennis.de: Was hältst du von der Änderung hin zu drei statt vier Gewinnsätzen?

Ricardo Walther: Bei den großen Events hat man bisher eben immer vier Gewinnsätze gespielt. Spiele mit vier Gewinnsätzen halte ich für einen Tick spannender, da gehen die Partien einen Tick länger. Für den Favoriten ist es bei drei Gewinnsätzen noch unangenehmer, wenn er den ersten Satz verliert und dann nicht mehr so viel Puffer hat. Ich bin kein großer Fan von drei Gewinnsätzen. Und ich selbst werde ja wahrscheinlich gar nicht so weit kommen, dass ich vier Gewinnsätze spielen kann... 

myTischtennis.de: Was sind denn dann deine sportlichen Ziele bei den beiden Turnieren?

Ricardo Walther: Ich gehe ohne große Erwartungen an die Sache, schließlich habe ich über ein Jahr kein internationales Turnier gespielt. Vor Ort werden wir erst einmal zwei Tage in Quarantäne sein und das Essen aufs Zimmer geliefert bekommen. Das werden zwei Tage sein, an denen man sich nicht bewegt und nur auf dem Zimmer herumhockt. Damit geht der eine besser, der andere schlechter um. Ich möchte bei den Turnieren erst einmal meine Form aus der Bundesliga zuletzt bestätigen. 

myTischtennis.de: In „tischtennis“ in der Ausgabe von Oktober hast du kritisiert, dass der ITTF mit Blick auf die WTT-Turniere die Interessen der Spieler egal seien. Welche Meinung vertrittst du heute? 

Ricardo Walther: Ich bleibe dabei: Bei den WTT-Turnieren sollen, wenn es nach der ITTF geht, nur noch Auserwählte mitspielen dürfen. Schon in der ersten Qualifikationsrunde kann einem da ein Spiel auf Bundesliganiveau drohen. Man wird als Spieler außerhalb der Top 20, Top 30 kaum einbezogen. Nur die Topspieler werden mit Informationen versorgt und für sie sind diese Turniere auch ausgelegt. Alle Spieler, die in der Weltrangliste hinter den Top 130, Top 150 folgen, werden kaum noch gebraucht. 

myTischtennis.de: Dazu passt Kilian Orts Aussage in seinem Blog, dass bei der China-Bubble im letzten Herbst während der Quarantäne selektierte Topspieler einen Roboter fürs Training auf das Zimmer geliefert bekommen haben sollen, andere aber nicht...

Ricardo Walther: Ja, in China war das wohl so. Das wäre natürlich Wettbewerbsverzerrung und ein Zeichen dafür, dass die ITTF diese Spieler fördern möchte. Wie gesagt: Wir bekommen kaum Informationen von der ITTF bzw. WTT. Ich habe nun z. B. nämlich gehört, dass die für April angedachte China-Bubble doch abgesagt werden soll. Wissen tue ich das aber nicht. 

myTischtennis.de: Würdest du sagen, dass durch die Pläne rund um WTT eine Zwei-Klassen-Gesellschaft unter den Spielern entsteht? 

Ricardo Walther: Ja, das auf jeden Fall. Manche Spieler sollen Verträge mit WTT abgeschlossen haben, die ihnen alleine schon ein Antrittsgeld bei den Turnieren garantieren. Dahinter gibt es eine breite Masse an Spielern, die nicht beachtet wird. Benedikt Duda, Ruwen Filus, Dang Qiu und ich z. B. haben noch die Chance, an kleineren Turnieren teilzunehmen. Auf die deutschen Spieler, die hinter uns stehen, also auch die jüngeren, trifft das nicht zu. Die haben gar keine Turniere mehr, bei denen sie spielen dürfen, weil die Teilnehmerzahl einer Nation pro Turnier begrenzt ist. Aber auch wir Spieler aus der ‚zweiten internationalen Reihe’ sind z. B. schon bei Turnieren oberhalb der Star-Contender-Reihe, also bei Champions-Turnieren und Grand Smashes, außen vor. Auch sonst ist es immer ein Abwarten, ob man mitspielen darf oder nicht.  

myTischtennis.de: In einem früheren myTischtennis-Interview hast du angeprangert, dass sich internationale Turniere finanziell kaum lohnen für die Spieler und eher ein Minus-Geschäft sind. Ist nicht zumindest in der Hinsicht WTT ein Schritt in die richtige Richtung? 

Ricardo Walther: Nein. Bei den Contender-Turnieren z. B. gibt es gar kein Preisgeld, nicht einmal für die Gewinner. Das Preisgeld beschränkt sich auf Star-Contender- und Champions-Turniere sowie Grand Smashes. Im Endeffekt wird also das ganze Geld in die Topleute, die Top 30 der Welt, investiert. 

myTischtennis.de: Was würdest du dir denn von der ITTF bzw. WTT wünschen? 

Ricardo Walther: Der Wunschzettel wäre viel zu lang...wie schon erwähnt sollte zumindest die breite Masse miteinbezogen werden. Es sollten Turnieren stattfinden auch für die Spieler zwischen den Top 100 und Top 400, 500 der Welt. 

myTischtennis.de: Ein Hauptgrund, warum Hugo Calderano in der kommenden Saison nicht mehr für Ochsenhausen spielt und zu Orenburg wechselt, ist, dass er so dann mehr Zeit für Turniere hat. Glaubst du, dass weitere Spieler der TTBL den Rücken kehren könnten? 

Ricardo Walther: Ich glaube schon, dass das der Fall sein könnte oder sich die Spieler in ihren Verträgen zumindest zusichern lassen könnten, z. B. nur die Hälfte der Spiele machen zu ‚müssen’. Für manche wird es wichtig sein, mehrere Turniere am Stück spielen zu können, was sich mit dem Liga-Alltag dann nicht vereinbaren lässt. 

myTischtennis.de: Eine andere Thematik, die Kilian Ort auch schon erwähnt hat und die Tischtennisspieler in Deutschland zurzeit beschäftigt, ist, dass Profis in die Halle dürfen, Amateure aber nicht. Wie siehst du das?

Ricardo Walther: Das ist grundsätzlich ein schwieriges Thema und ich kann die Amateure natürlich total verstehen. Trotz alledem denke ich, dass wir Profis sind und nur unserem Beruf nachgehen. Der Spitzensport findet weltweit statt, nicht nur bei uns. Jeder Verein legt ein Hygienekonzept vor, wir werden regelmäßig getestet. Das ist in den unteren Spielklassen leider nicht der Fall. Deshalb wird der Profisport etwas anders als der Amateursport behandelt. Das kann ich auf der einen Seite nachvollziehen, auf der anderen Seite aber als Amateur hätte ich sicherlich die gleiche Ansicht. Eben jene, dass ich es unfair und schade fände, nicht Tischtennis spielen zu können. Es ist ein sehr, sehr schwieriges Thema...

myTischtennis.de: Als abschließende Frage, bevor es für dich morgen nach Doha geht: Katar an sich steht oft in der Kritik wegen Menschenrechtsverletzungen und Co. Was denkst du darüber, dass im Sport dort so oft Turniere stattfinden? Ist es ein notwendiges Übel, weil da eben Geld vorhanden ist? 

Ricardo Walther: Das ist eine schwierige Frage. Dass Katar den Zuschlag für die Fußball-Weltmeisterschaft bekommen hat, ist schon sehr fragwürdig. Bei Turnieren im Tischtennis, Handball oder Tennis geht es meiner Meinung nach aber nicht nur um Geld. Hier schaut man, dass die Turniere weltweit einigermaßen verteilt sind. Mit der Organisation vor Ort haben wir bisher auch immer gute Erfahrungen gemacht, darüber kann ich nichts Schlechtes sagen. 

(DK)

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