Buntes

Bundestrainerin Eva Jeler: „Ich bin noch nicht fertig“

Eva Jeler blickt auf eine lange und glückliche Zeit beim DTTB zurück (©Steinbrenner)

31.07.2020 - Nach 37 Jahren in den Diensten des DTTB steht Eva Jeler heute vor ihrem letzten Arbeitstag. Die 66-jährige Trainerin, die auf zahlreiche Erfolge im Jugend- und Erwachsenenbereich zurückblicken kann und zuletzt für den DTTB-Nachwuchs verantwortlich war, erzählt der myTischtennis.de-Redaktion, dass sie noch große Pläne im Tischtennis hat, welche Erfahrungen sie als Cheftrainerin in einem männerdominierten Beruf gesammelt hat und wo die Probleme im deutschen Nachwuchs liegen.

 myTischtennis.de: Jetzt ist es nur noch ein Tag bis zum verdienten Ruhestand. Was überwiegt gerade bei Ihnen? Die Freude darüber, dass etwas Neues beginnt, oder die Trauer, dass ein großes, erfolgreiches Kapitel Ihres Lebens beendet ist?

Eva Jeler: Nein, ich bin absolut nicht traurig. Ich habe so viele schöne Momente im Tischtennissport erlebt und habe noch unheimlich viel vor. Ich bin noch nicht fertig. Das war eine Drohung… (lacht)

myTischtennis.de: Dann muss ich natürlich direkt nachhaken, welche Pläne Sie denn gerade konkret haben…

Eva Jeler: Hmm, nein, das erzähle ich noch nicht. Da bin ich ein bisschen abergläubisch. (lacht) Wenn es fertig ist, können wir uns gerne stundenlang darüber unterhalten. Mir macht Tischtennis noch unheimlich viel Spaß und deshalb bleibe ich dem Sport noch ein bisschen erhalten. Und wenn ich dann irgendwann keine Lust mehr auf Tischtennis haben sollte, warten eine Menge ungelesener Bücher auf mich. Außerdem habe ich einen Hund, einen Garten, ich gehe gerne wandern, schwimmen und Ski fahren. Also, ich habe so viel zu tun - da weiß ich gar nicht, wie ich das alles unterbringen soll.

myTischtennis.de: Ich habe gelesen, dass es bei Ihnen beruflich ursprünglich auch in eine andere Richtung hätte gehen können - dass Sie Diplombiologin sind. Haben Sie jemals in dem Beruf gearbeitet oder lief von Beginn an dann doch alles auf Tischtennis hinaus?

Eva Jeler: Noch bevor ich mein Diplom hatte, bat mich mein altes Gymnasium in Slowenien, für eine Biolehrerin einzuspringen, die länger ausfiel. Das habe ich etwa ein Jahr lang gemacht, als ich ein Angebot vom Bayerischen Tischtennisverband bekam. Dann bin ich nach Deutschland gegangen, dachte mir, dass ich etwa neun Monate bleibe, ein bisschen Deutsch lerne und ein bisschen im Tischtennis arbeite. Für neun Monate hatte ich meine Wohnung gemietet, so lange lief meine Aufenthaltserlaubnis. Nun, und dann hat es doch ein wenig länger gedauert…

myTischtennis.de: Das kann man wohl sagen - das ist jetzt über 40 Jahre her. Und seitdem haben Sie unzählige Spieler betreut und Turniere gewonnen. Gibt es trotz dieser vielen tollen Ereignisse einen Moment, der in Ihrer Karriere heraussticht und den Sie nie vergessen werden?

Eva Jeler: Ich muss sagen, dass ich wirklich im Glück gelebt habe. Da ist es schwer, etwas herauszuheben. Ich war nach jedem Training glücklich, wenn es gut war und ich das Gefühl hatte, dass unsere Spieler etwas gelernt haben. Aber natürlich - als Speedy und Rossi, die zur ersten Spielergeneration gehörten, die ich beim DTTB betreut habe, Weltmeister wurden, wusste ich gar nicht, wie mir geschah vor Glück. Oder als wir 1988 mit der Mannschaft Greil, Kunz, Pawlowski und Wosik in Novi Sad den ersten Schüler-Europameistertitel für Deutschland geholt haben oder als Christian Süß im Jahr 2000 Schüler-Europameister in Bratislava wurde - da habe ich geweint wie ein Schlosshund vor Glück. Ich habe viel geweint in all den Jahren - ob nach Siegen oder Niederlagen -, aber das sind vielleicht die Momente, wo am meisten Tränen geflossen sind.

myTischtennis.de: Gibt es denn neben all den schönen Momenten auch Dinge, an die Sie nicht so gerne zurückdenken?

Eva Jeler: Ich war sehr traurig, als Hans Wilhelm Gäb als DTTB-Präsident aufhörte, weil ich wusste, dass es danach anders werden würde, und ich befürchtete, dass der DTTB dadurch den Schwung verliert. Ich war sehr traurig, als mein Freund und Lehrer Charles Roesch ging. Zwar hat er den Cheftrainerposten an mich weitergegeben, was natürlich toll für mich war, aber ich hätte ihn gerne als Chef behalten. Es war sehr schade, als Mr. Li (Li Xianjue, Anm. d. Red.) zurück nach China ging - von ihm habe ich unglaublich viel gelernt. Und schließlich hat es mich sehr traurig gemacht, wie Eberhard Schöler am Ende seiner Funktionärskarriere behandelt wurde. Er hat nach seiner aktiven Karriere so viel für den Tischtennissport gemacht - er hätte einen würdigeren Abschied verdient gehabt.

myTischtennis.de: Sie haben es gerade schon erwähnt - als Charles Roesch ging, wurden Sie DTTB-Cheftrainerin und waren damit auch verantwortlich für die Herren - damals wie heute keine Selbstverständlichkeit…

Eva Jeler: Ja, das war ungewöhnlich - und es hieß damals sogar, dass ich die Erste, zumindest in Europa, war. Es ehrt vor allem die Verantwortlichen des Bayerischen Tischtennisverbands - und später dann des DTTB -, dass sie den Mut hatten, eine junge Frau aus dem Ausland auf diese Position zu setzen. 

myTischtennis.de: Inwiefern war das eine besondere Herausforderung und hatten Sie jemals Probleme damit, nicht ernst genommen zu werden?

Eva Jeler: Ich komme ja aus Slowenien und wenn es etwas Gutes am sozialistischen System gab, dann war es, dass nie in Frage gestellt wurde, ob Frauen und Männer gleichwertig sind oder nicht. So wurde ich auch erzogen und mit diesem Verständnis bin ich nach Deutschland gekommen. Zu verstehen, dass das hier keine Selbstverständlichkeit ist, dafür habe ich ein paar Jahre gebraucht. Diese Seite der Medaille kannte ich nicht. Hier muss eine Frau von Natur aus doppelt so viel leisten, um dieselbe Anerkennung zu bekommen. Trotzdem hatte ich nicht das Problem, dass mir die Spieler keinen Respekt entgegengebracht hätten. Ich kam aus Jugoslawien und wir waren gut im Tischtennis. Und dann kannten mich die Spieler ja meist schon aus ihren Schülertagen. Ich habe sie international eingeführt und ihre Tränen weggewischt. Für sie war das als Erwachsene also total normal, dass ich sie betreue und dass ich was zu sagen habe, weil sie es ja aus ihrer Jugend schon kannten.

Fortsetzung auf der zweiten Seite!

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