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Jochens Blog: Was ist uns Mannschaftssportlern wichtig?

Was für Rahmenbedingungen wünschen sich Tischtennisspieler im Mannschaftsspielbetrieb? (©Roscher)

04.02.2019 - Der Trend ist klar: Immer weniger Menschen entscheiden sich, Tischtennis in einem Verein zu spielen. Und von denen, die ein Anmeldeformular unterschreiben, möchten viele nur noch sporadisch eingesetzt werden. Wie kann man diese Entwicklung aufhalten? Dafür muss man zunächst einmal detailliert analysieren, was den Spielern wichtig ist und was ihnen den Spaß am Sport nimmt, findet myTischtennis-Geschäftsführer Jochen Lang und regt eine groß angelegte Umfrage an.

Brauchen wir 4er-Mannschaften, brauchen wir 6er-Mannschaften, wie wichtig ist ein einheitliches Spielsystem, Strukturreformen, Größe von Ligen bzw. Gruppen? Regelmäßig werden Fragen rund um unseren Mannschaftsspielbetrieb sowohl bei den verantwortlichen Verbänden als auch in Diskussionsforen und nicht zuletzt auch bei uns auf myTischtennis.de leidenschaftlich diskutiert.
Aktuell gibt es wieder einen neuen Vorschlag, der versucht, für die oberen fünf Ligen (exklusive TTBL) ein einheitliches Spielsystem zu etablieren. Eine Expertengruppe hatte einen Vorschlag erarbeitet, der dann auf vier Regionalkonferenzen mit mehr oder weniger verhaltener Resonanz diskutiert wurde. Der Ansatz, einen Vorschlag dezentral zu diskutieren, geht in die richtige Richtung. Wenn jedoch aus den oberen Ligen auch eine Signalwirkung in die unteren Regionen ausgehen soll, brauchen wir eine tiefergehende, breit angelegte Untersuchung.

Immer weniger Vereinsspieler

Die Zahlen sind seit Jahren alarmierend. Den Rückgang an Mitgliedern in Tischtennisvereinen/-abteilungen in den vergangenen Jahren kann jeder in der DOSB-Statistik nachlesen. In dieser Statistik reiht sich Tischtennis in eine größere Gruppe oft klassischer Sportarten ein, die allesamt noch keine Patentantwort auf die schwierigen Rahmenbedingungen aus geändertem Freizeitverhalten, Nachmittagsunterricht etc. gefunden haben. Was uns TT-Spieler jedoch aufschrecken lassen muss, ist die belegbare Tatsache, dass von den unserer Sportart zugeordneten Vereinsmitgliedern nur noch ca. die Hälfte aktiv am Wettkampfgeschehen (Mannschaftssport) teilnimmt. Es gibt Sportarten, bei denen diese Quote noch erheblich niedriger liegt, könnte man entgegnen. Da es aber im Tischtennis gang und gäbe war, dass jeder, der irgendwie einen Schläger halten konnte und die Halle betrat, mit einer Spielberechtigung ausgestattet wurde und spätestens am nächsten Wochenende in einer Mannschaftsaufstellung auftauchte, sollte uns dies umso mehr zu denken geben.

Selbstverständlich helfen uns die Hobby-, Senioren- und Gesundheitssport- oder weitere Nichtwettkampfgruppen in der Wahrnehmung unserer Sportart auch weiter, aber wir kommen nun mal aus einer anderen Richtung, weshalb die wenigsten Verbände, Vereine etc. schon gut im ‚alternativen‘ Bereich aufgestellt sind, diese Zielgruppen nachhaltig bedienen zu können.

Ergänzend zu der gesunkenen Zahl der ‚aktiven TT-Spieler‘ (wie auch immer das zu definieren ist), ist leider festzustellen, dass der Aktivitätsgrad ebenso gesunken ist. Dies ist meistens schon bei der Trainingsbeteiligung feststellbar. Bei den Mannschaftsspielen bekommt man die Zahlen allerdings schwarz auf weiß. Während früher lediglich Hochzeiten oder Beerdigungen als Ausrede für ein Nichterscheinen im Meisterschaftsspiel herhalten mussten, gibt es heutzutage eine Vielzahl von Ausreden bzw. alternativen Plänen oder anderen Freizeitbetätigungen, die einen Mannschaftsführer immer wieder kurz vor dem Spiel noch nach dem/der letzten Mann/Frau suchen lassen. Immer mehr Spieler möchten „nur noch die Hälfte“ spielen, „nur Heimspiele“ oder „nur im Notfall gefragt werden“.

Groß angelegte Basisbefragung wäre hilfreich

Ist das die gesellschaftliche Entwicklung? Können wir als Sportart da überhaupt etwas tun? Da ich den Fokus auf den Mannschaftssport bzw. die Mannschaftsspieler legen möchte, rege ich an, die Ursachen für die Entwicklung tiefer zu erforschen und die Bedürfnisse der Basis in einer größer angelegten Umfrage zu erfragen. Dabei sollte gleichzeitig auch sehr offen an bestimmte Fragestellungen herangegangen werden. Man kann sich der Thematik ohnehin von vielen Seiten nähern. Die Frage „Warum spielt jemand Tischtennis bzw. in einer Mannschaft?“ wäre naheliegend. Aus meiner Sicht gibt die aktuelle Entwicklung aber mehr Anlass zu fragen: Warum spielt jemand nicht mehr bzw. nicht mehr so viel?

Dabei sollten wir versuchen, Arbeit, Familie, Verletzungen, Krankheiten etc. außen vor zu lassen, sondern uns schlicht und einfach auf Rahmenbedingungen konzentrieren und aus diesen Ergebnissen Schlüsse für den Spielbetrieb ziehen. D.h. für mich wäre wichtig zu klären:

- Wie wichtig ist die Spieldauer?
- Wie wichtig ist eine Mannschaftsgröße?
- Wie wichtig sind Fahrtzeiten zu Auswärtsspielen?
- Wie wichtig ist die Leistungsdichte in meiner Gruppe bzw. wie wichtig sind möglichst gleich starke Gegner?
- Wie wichtig ist die Möglichkeit von Auf- und Abstieg?
- Wie wichtig ist der Wochentag bzw. der Unterschied zwischen „unter der Woche“ und „am Wochenende“? etc.

Spaß vor Sport?

Ich kann verstehen, dass der eine oder anderen denkt, dass man z.B. über Auf- und Abstieg im Sport nicht zu diskutieren braucht. Aber vielleicht käme bei einer solchen Umfrage ja auch heraus, dass es einem Großteil von Aktiven viel wichtiger ist, spätestens innerhalb von 30 Minuten beim Auswärtsspiel zu sein (um entsprechend schnell auch wieder daheim zu sein), und dafür auch in Kauf nimmt, dass das eine oder andere Mannschaftsspiel sportlich nicht so eine große Bedeutung hat, sprich der regionale Faktor eine ganz andere Rolle spielt. Auch jetzt gibt es bereits Mannschaften, die auf den Aufstieg verzichten, um die Auswärtsfahrten ‚im Rahmen‘ zu halten.

Auch für das Phänomen „Spaß vor Sport“ gibt es übrigens ebenfalls Beispiele aus anderen Sportarten. Im Tennis z.B. spielt man, anders als bei uns, ohnehin sehr schnell in irgendwelchen Altersklassen und nicht mehr in der ‚offenen‘ Klasse. Das bringt mit sich, dass dementsprechend auch viele Vereine Mannschaften in entsprechenden Ligen in einer Altersklasse haben, die sich sportlich aber eigentlich nicht mehr halten können, wenn die entscheidenden beiden Akteure z.B. schon wieder in die nächste Altersklasse wechseln. Mir selbst ist es durch diese Heterogenität so ergangen, dass ich oftmals bei sechs Mannschaftsspielen in einem Jahr bei fünf Einzeln bereits nach dem Einspielen wusste, ob ich das Spiel gewinnen oder verlieren würde, vom sportlichen Wert teilweise echt überschaubar. Im Tennis ist das für viele aber völlig okay, da es eben auch sehr wichtig (bzw. wichtiger) ist, einen Tag auf der Anlage mit netten Leuten aus der eigenen Mannschaft (und Altersklasse) zu verbringen. 

Im Tischtennis ist ein großes Plus immer gewesen, dass durch das Zusammenspielen von Groß und Klein, Alt und Jung stets eine sehr große Leistungsdichte entstanden ist und ein Spieler in seinen vielen Einzeln in einer Saison viele knappe Siege oder auch Niederlagen erleben darf. Was ist, wenn dies aber gar nicht mehr so wichtig ist? Wenn man z.B. einfach nur froh ist, aus dem stressigen Alltag rauszukommen und mit seinen Mannschaftskameraden (und Gegnern) einen netten TT-Abend zu verbringen, der im besten Fall auch noch mit einem anschließenden Getränk oder gar Essen ausklingt, da die Gaststätten noch nicht geschlossen sind, wenn man dort eintrudelt. 

Bedürfnisse herausfiltern

Ein anderer wichtiger Punkt ist die Größe der einzelnen Gruppen bzw. der jeweilige Spieltag. Hier gibt es allerdings schon heute sehr viele Unterscheide innerhalb von Landesverbänden einerseits und kreativen Lösungen andererseits. Es gibt Landesverbände inkl. ihrer Untergliederungen, für die das Spielen am Wochenende nicht vorstellbar ist, andersherum natürlich genauso. Manche Gegenden sind strukturell gar nicht in der Lage, unter der Woche zu spielen, weil die Fahrtstrecken selbst in den untersten Ligen schon viel zu weit sind. In den meisten Regionen wird in 10er-Gruppen gespielt, auch vor dem Hintergrund, dass damit für Familie und andere Aktivitäten genügend freie Wochenenden bleiben. Andere argumentieren, dass ein Wochenende immer noch zwei Tage hat und dementsprechend immer noch genügend Zeit bleibt und somit auch bei einer 12er-Gruppe nur 22 Tage im Jahr belegt sind. Gruppensitzungen vor einer Saison, in der ein Spielplan so zusammengebaut wird, dass möglichst alle ihre Terminwünsche, Heimspieltage etc. unter einen Hut bekommen können, gibt es ebenfalls bereits.

Dies sind selbstverständlich nur Beispiele, was aus einer detaillierten Umfrage als Ergebnis entstehen kann bzw. belastbar thematisiert werden kann. Genauso könnte gefiltert werden, dass man in jeder Saison gegen möglichst viele neue Gegner spielen kann, dass ein Auf- und Abstieg nach der Hinserie schon gewünscht wird oder auch, dass es genau so gut ist, wie es nun mal ist.

Diese Kernüberlegungen zum Mannschaftsspielbetrieb müssen natürlich auch noch zu ergänzenden Themen wie Einzelspielbetrieb, Außenwirkung etc. passen, ein reines „Wünsch-dir-was“ wird und soll es ohnehin nicht geben, ebenso wie Einheitlichkeit in allen Regionen und Ligen, was das Spielsystem, die Mannschaftsstärke, Termine, Altersklassen etc. betrifft. Wir sollten aber versuchen, die Motivation eines jeden Spielers/einer jeden Spielerin, welche Rahmenbedingungen denn eigentlich wichtig sind, mal näher herauszufiltern. Dann hätten wir zumindest auch eine hoffentlich belastbare Basis für Entscheidungen bzw. Änderungen. Dass etwas passieren muss, wenn unsere schöne Sportart nicht weiterhin einen solchen Aderlass verzeichnen soll, dürfte allen klar sein. Dass wir die Basis noch mehr einbeziehen müssen, leuchtet ein. Ich will mal versuchen, ob wir eine solche groß angelegte Analyse nicht auf den Weg bringen können.

(Jochen Lang)

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