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Jans Blog: Verliert Deutschland seine Ausnahmestellung?

Früher top, heute top - Dimitrij Ovtcharov verkehrte schon in seiner Jugend an Europas Spitze (©Roscher/Fabig)

30.07.2018 - Ist der deutsche Tischtennissport auf dem absteigenden Ast? Oder werden wir in Zukunft von ‚Spätzündern‘ profitieren, die in ihren Jugendjahren noch hinterherhinken, aber dann einen Aufschwung erfahren? Die Frage stellt sich nach dem schwachen Abschneiden der deutschen Mannschaft bei der Jugend-EM in Cluj-Napoca zwangsläufig. Jan Lüke denkt in seinem Blog darüber nach, wo Ursachen liegen und wie die Zukunft aussieht.

Das europäische Tischtennis ist fest in deutscher Hand. Seit über einem Jahrzehnt führen Siege auf dem alten Kontinent ausschließlich über die besten Spielerinnen und Spieler vom Deutschen Tischtennis-Bund (DTTB). Das könnte sich bald ändern: Bei den 61. Jugend-Europameisterschaften zeigte sich der deutsche Nachwuchs einmal mehr weit entfernt von der Ausnahmestellung der Deutschen im Erwachsenensport. Im rumänischen Cluj-Napoca gewannen die Mädchen und Jungen, Schülerinnen und Schüler gerade einmal zwei von 42 möglichen Medaillen. Der Bayer Mike Hollo holte Bronze im Schüler-Einzel, ebenso wie die Jungen im Mannschaftswettbewerb. Einen Titelgewinn gab es nicht.

Hinter anderen Nationen

Das Ergebnis setzt einen Trend der vergangenen Jahre fort. Wenn sich der beste Nachwuchs Europas misst, dann zählen die Athleten des DTTB meist nur noch zur erweiterten Spitze. 2017 holten die Jungen-Mannschaft und das Schülerinnenduo Anastasia Bondareva/Sophia Klee bei einer insgesamt ordentlichen EM in Guimarães Gold, 2016 gewann das Jungen-Doppel aus Tobias Hippler/Nils Hohmeier einen Titel. Es waren vereinzelte Erfolge in durchwachsenen EM-Bilanzen. Das bisher letzte Mal, dass Deutschland in einem Einzelwettbewerb ganz oben stand, liegt mittlerweile fünf EM-Turniere zurück: 2014 besiegte Chantal Mantz in einem deutschen Mädchen-Finale Nina Mittelham.

Eva Jeler erklärte das mäßige Abschneiden in diesem Jahr mit mangelnder Erfahrung. „Wenn du um die Medaillen spielst, musst du wissen, wie du sie bekommst“, sagte die Cheftrainerin Nachwuchsförderung im DTTB. Das habe mit Erfahrung zu tun. Das mag stimmen, bedeutet aber gleichzeitig auch, dass der Verband in der Vergangenheit Fehler gemacht hat: Entweder weil man Spielerinnen und Spieler für große Turniere nominiert hat, die heute nicht mehr zu den Besten zählen. Oder weil man Akteure aus den ältesten Jahrgängen eingesetzt hat, um erfolgreiche Turniere zu spielen, statt jungen Jahrgängen schon eine Chance zu geben. Dass man vermeintlich unerfahrene Spielerinnen und Spieler ins Turnier schickte, ist eine Tatsache, die der DTTB selbst zu verantworten hatte. Letztlich aber gibt das Ergebnis des DTTB in Cluj-Napoca den Leistungsstand des deutschen Tischtennis gut wieder: Deutschlands Nachwuchs zählt mit vielen anderen Ländern zur erweiterten europäischen Spitze. Allerdings hinter Nationen wie Frankreich, Rumänien, Russland oder neuerdings Aserbaidschan.

Weniger Trainingsstunden

Eva Jeler erklärte nicht nur, sie relativierte auch. Sie sagte, dass es bei den Europameisterschaften um mehr gehe: „Es geht um die Ausbildung unserer Talente. Wir arbeiten dafür, später erfolgreiche erwachsene Spieler zu haben.“ In diesem Punkt hat Jeler Recht, auch wenn das Argument nicht nur in Jahren gezogen werden sollte, in denen die Ergebnisse nicht stimmen. Gute Nachwuchsförderung ist kein Selbstzweck. Sie dient einem Verband dazu, Spielerinnen und Spieler für ihre Nationalmannschaften zu entwickeln, mit denen sie internationale Erfolge bei Europa- oder Weltmeisterschaften oder im besten Fall gar bei Olympischen Spielen erzielen können. Jugendturniere sind allenfalls Zwischenzeugnisse auf dem Weg dorthin. Dass auf erfolgreiche Jahre in der Jugend allerdings nicht zwangsläufig eine Profi-Karriere bei den Erwachsenen folgen muss, zeigten vor allem die Topnationen im europäischen Nachwuchs immer wieder. Bestes Beispiel sind Frankreichs Schüler und Jungen, die Europa über Jahre dominierten, aber die Ergebnisse kaum bei den Erwachsenen bestätigen konnten.

Deutschlands durchschnittliche Ergebnisse beim Nachwuchs lassen sich in der Tiefe auch damit erklären, dass Kinder und Jugendliche in Deutschland nicht nur im Vergleich mit Asien, sondern auch im europäischen Vergleich auf weniger Trainingsstunden kommen. Das Schulsystem lässt es anders nicht zu, die Strukturen für Leistungssport sind verhältnismäßig starr, die Anreize gerade in Randsportarten zudem gering. Der DTTB weiß das. Und er regierte unter anderem, indem er vor wenigen Jahren einen Perspektivkader aus U23-Spielern ins Leben rief. Die Spieler sollen dort die Möglichkeit bekommen, nach ihrem Schulabschluss einige Jahre hoch intensiv und mit enormen Umfängen zu trainieren, um den Sprung in die europäische Spitze oder gar die Weltspitze verspätet schaffen zu können, eine Art Aufbaustudium. Benedikt Duda, mittlerweile unter den Top 50 der Weltrangliste, aber gerade in frühen Jugendjahren nie mit herausragenden Ergebnissen, gilt als Musterbeispiel für diesen Weg. Seine Entwicklung nahm Fahrt auf, als andere stagnierten.

Was läuft schief?

Ob das ausreicht, wenn Deutschland weiterhin den Anspruch hat, bei den Damen und Herren die führende Nation im europäischen Tischtennis zu sein, ist allerdings fraglich. Denn auch Deutschlands herausragende Akteure und A-Nationalspieler wie Timo Boll, Dimitrij Ovtcharov oder Patrick Franziska, aber auch in den Jahren zuvor Christian Süß oder Patrick Baum, waren vor ihrem Sprung in die Herren-Nationalteams die allerbesten europäischen Spieler ihrer Jahrgänge. Und auch im diesjährigen Jungen-Endspiel sah man mit dem griechischen Sieger Ioannis Sgouropoulos und vor allem dem Schweden Truls Möregårdh zwei Akteure, die ihre Klasse bereits bei den Erwachsenen unter Beweis gestellt haben. Ihr Weg in Europas Elite bei den Erwachsenen ist vorgezeichnet. Im deutschen Nachwuchs gibt es solche Spieler seit Jahren nicht.

Natürlich ist das Argument, dass es sich bei Spielern wie Timo Boll und Dimitrij Ovtcharov um Ausnahmetalente handelt, augenfällig und richtig. Allerdings hat man sie frühzeitig erkannt und ihnen wurden in den entscheidenden Entwicklungsjahren die optimalen Bedingungen geboten. Das ist nicht beliebig oft wiederholbar. Doch muss sich der DTTB die Frage stellen, warum es ihm derzeit nicht gelingt, herausragenden Nachwuchs frühzeitig zu sichten und entsprechend zu fördern. Das Ergebnis könnte zwar lauten, dass es dem Verband unter den gegebenen Umständen derzeit nicht besser möglich ist. Das würde aber auch bedeuten, dass Deutschland perspektivisch seine Ausnahmestellung im europäischen Tischtennis verlieren würde. 

(Jan Lüke)

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