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Jans Blog: Die fetten Jahre sind noch längst nicht vorbei

Timo Boll feierte am Wochenende mit Bernadette Szöcs den Sieg beim Europe Top 16 (©ITTF)

05.02.2018 - Timo Boll ist ein Phänomen. In einem Alter, in dem andere das Karriereende einläuten, landet der in einem Monat 37-Jährige einen Erfolg nach dem anderen und hat unter anderem durch die Verlängerung seines Vertrags mit Borussia Düsseldorf bis 2022 deutlich gemacht, dass er nicht vorhat, die Tischtennisbühne so schnell zu verlassen. Unser freier Redakteur Jan Lüke analysiert die Welle, auf der der frisch gebackene Europe-Top-16-Sieger gerade reitet, in seinem Blog.

Das neue Jahr hat begonnen, wie das alte aufgehört hat: Dimitrij Ovtcharov gegen Timo Boll, Timo Boll gegen Dimitrij Ovtcharov. 2018 startete mit dem immer wiederkehrenden Duell der vergangenen zwölf Monate. Bei ihrem ersten gemeinsamen Turnier des Jahres, dem ITTF Europe Top-16 Cup, standen sich die beiden besten deutschen und europäischen Spieler gestern abermals im Finale gegenüber (zum Video). Diesmal gewann Boll – und machte sich zum Sieger des tristen Nachfolgers des einst renommierten europäischen Ranglistenturniers. Nach seinen Vorjahresleistungen mag Bolls Sieg nicht überraschend gekommen sein. Und dennoch passierte im schweizerischen Montreux Außergewöhnliches: Seit seinem ersten Triumph beim Europe-Top-12-Turnier, wie der Wettkampf seinerzeit noch hieß, sind mittlerweile 16 Jahre vergangen. Mit seiner Entscheidung, seinen Vertrag bei Borussia Düsseldorf bis 2022 zu verlängern und seine Karriere um mindestens vier weitere Jahre fortzusetzen, hat Timo Boll nun ein deutliches Signal gesetzt: Der Rekord-Europameister plant noch mit einigen Jahren auf Top-Niveau. Nicht nur Borussia Düsseldorf, sondern auch dem deutschen Tischtennis hätte nichts Besseres passieren können.

Rio sollte nicht der letzte große Wurf bleiben

Um Bolls derzeitige Rolle im Welttischtennis einzuordnen, lohnt der Blick zurück: Die Olympischen Spiele von Rio de Janeiro 2016 schienen Boll, der in einem Monat seinen 37. Geburtstag feiert, wie geschaffen als letzter großer Höhepunkt seiner Karriere. Als Fahnenträger eröffnete er für das deutsche Team im Maracanã-Stadion das Event, das Boll mit seiner dritten Olympia-Medaille abschließen sollte. Sein spektakulärer Sieg gegen Joo Saehyuk sicherte der deutschen Mannschaft Bronze. Der letzte ganz große Wurf? Der Verdacht jedenfalls musste nahe liegen.

In den Jahren zuvor hatte sich Boll immer wieder mit Verletzungen herumschlagen müssen. Er spielte zwar noch auf immens hohem Level und hielt sich unter den besten zehn Akteuren der Weltrangliste. Aber während die Lücke zu den besten Asiaten größer wurde, reichten einige Spieler aus Europa näher an den gebürtigen Hessen heran. Kein ungewöhnliches Bild: Der Star der Szene altert, junge Athleten rücken nach, um ihn irgendwann abzulösen. Ungewöhnlich war erst, was danach passierte: Denn Timo Boll spielt seit mehr als einem Jahr das vielleicht beste und konstanteste Tischtennis seiner Karriere. In einem Alter, in dem andere ihre Laufbahn beenden oder zumindest in Ruhe ausklingen lassen, legt Boll wieder zu.

Timo Boll, der Wettkämpfer

Das hat Gründe. Boll hat sich im vergangenen Jahr als Wettkämpfer wiederentdeckt. Er spielte nicht nur so erfolgreich wie lange nicht, er bestritt auch so viele Turniere wie in kaum einer Saison zuvor. In denen strahlt er eine Art Altersgelassenheit aus: Auf der einen Seite bringt Boll, der gerade in jungen Jahren an schlechten Tagen lethargisch wirkte, Aggressivität und Wettkampfhärte an den Tisch, er dreht Rückstände und entscheidet knappe Spielsituationen für sich. Auf der anderen Seite wirkt er dabei ruhig und beinahe entspannt. Wenn er gegen Lin Gaoyuan oder Wong Chun Ting in die Box geht, deren Spiel naturgemäß mittlerweile mehr Power hat, vermittelt er seinem Gegner mit seiner Körpersprache das Gefühl, am Tisch schon jede Situation gesehen und gelöst zu haben. Er hat gerade im Spiel über dem Tisch und im passiven Bereich eine große Ruhe am Ball, trifft zur richtigen Zeit die richtigen Entscheidungen. Boll selbst hat sein variables Spiel, mit dem er zuletzt vielen Gegner den Spielrhythmus genommen hat, „Kauderwelsch“ genannt – Understatement.

Zudem hat Boll sein Alter nicht daran gehindert, sein Spiel weiterzuentwickeln: Im Aufschlag/Rückschlag-Spiel ist er mit den neuen Plastikbällen nochmals variabler geworden, vor allem mit seinem eigenen Aufschlagspiel hatte Boll in den Vorjahren immer mal wieder Probleme. Auch eine andere Schwäche hat er abgestellt: seinen Rückhand-Topspin in der Spieleröffnung. Wo er früher von Gegnern gezielt attackiert wurde, kommt er mittlerweile zu vielen direkten Punktgewinnen.

Herz aus Plastik

Eine interessante Parallele zu Bolls x-tem Karrierefrühling gibt es in der Schwesternsportart Tennis. Dort spielt der fast gleichaltrige Schweizer Roger Federer, ebenfalls Jahrgang 1981, nach einigen schwächeren Saisons wie die zehn Jahre jüngere Kopie seiner selbst. Boll merkt man wie Federer an, dass er Wettkämpfe mittlerweile genießt. Noch eine Gemeinsamkeit eint die beiden Altstars: Sie denken nicht ans Aufhören. Bis 2022 hat Boll seinen Vertrag in Düsseldorf verlängert. Dann wäre Boll 41 Jahre alt. Das ist nicht nur eine erfreuliche Nachricht für den deutschen Rekordmeister, der bis zu Bolls Karriereende Dauerfavorit auf den Meistertitel bleiben wird. Boll hat damit auch ein Signal in Richtung der weltweiten Konkurrenz gesendet: Er hat weitere Weltmeisterschaften, Europameisterschaften und die Olympischen Spiele 2020 in Tokio ins Visier genommen. Er will die Welle abreiten, die ihn gerade trägt. Vielleicht auch deshalb, weil er selbst nicht mehr damit gerechnet hat, noch einmal dauerhaft auf einem derartigen Level Schritt halten zu können. 

Borussia-Manager Andreas Preuss lobte seinen Angestellten zur Vertragsverlängerung mit den warmen Worten: „Er ist ein Teamplayer mit einem großen Herz aus Zelluloid.“ Das war er vielleicht zu Beginn seiner Karriere. 20 Jahre später schlägt in ihm längst ein Herz als Plastik.

(Jan Lüke)

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