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Phasendrescher: Medienwart auf Content-Jagd

Der Medienwart hat nicht gerade den dankbarsten Job im Verein (©Laven)

02.05.2022 - Einer der Jobs, bei deren Verteilung sich die Anwesenden auf der Jahreshauptversammlung am liebsten unsichtbar machen würden, ist der des Medienwartes. Zu den typischen Phasen einer Funktionärskarriere gehört er aber natürlich auch dazu. Unser Phasendrescher Philipp Hell erzählt wie immer mit einem Augenzwinkern, wer die Aufgabe schließlich doch meist zähneknirschend übernimmt und mit welchen Schwierigkeiten derjenige zu kämpfen hat.

Der Medienwart eines Tischtennis-Vereins hat es wirklich nicht leicht. Früher galt es lediglich, einmal im Monat rechtzeitig die Spielergebnisse aller Mannschaften an den örtlichen Regionalsport-Journalisten oder den Pressewart des Verbandes weiterzugeben, damit es im Käseblatt einmal im Quartal „Aktuelle Ergebnisse und Tabellen vom Tischtennis“ nachzulesen gab. Oftmals führte man daher tendenziell skurrile Telefonate mit der Ehefrau des guten Mannes, die auf dem allzeit neben dem Festnetztelefon bereitliegenden Block alle wichtigen Details der Spiele notierte. Eine leichte Übung. Heute gilt es jedoch, eine Homepage zu betreuen.

„Content“ erzeugen für das neumodische Internet

Dafür bietet sich natürlich ein junges Vereinsmitglied an. Jemand der sich mit diesem ganzen Online-Zeug auskennt, der weiß wie man eine Homepage „programmiert“, der viel Freizeit hat und der sich eventuell schon in der Funktion als seriöser Mannschaftsführer bewährt hat. Sprich: Es trifft den Kapitän der ersten Jugendmannschaft. Denn eines schönen Tages war man zu vorgerückter Stunde in der Vereinskneipe auf die ebenso grandiose wie ausgefallene Idee gekommen, sich als Abteilung endlich auch in diesem neumodischen Internet zu präsentieren und so hoffentlich neue Mitglieder anwerben zu können. Klang nach einem einfachen Job, doch nun muss der Medienwart diese Seite eben auch mit Inhalten füllen. 

Wohl dem, der auf eine jahrelang gewachsene Webseite zurückgreifen kann, mit zahllosen historischen Beiträgen zu spannenden Kreisligaspielen aus den 60ern, Handicap-Turnieren aus den 70ern und wilden Auswärtsfahrten aus den 80ern. Bei den meisten Vereinen gibt es jedoch nur den Namen des Abteilungsleiters sowie dessen – hoffentlich noch aktuelle – Telefonnummer nachzulesen, garniert mit ein paar verwackelten Trainingsfotos aus den frühen 90ern. In einem solchen Falle gilt es für den Medienwart zuerst einmal, „Content“ zu erzeugen. Was spannend klingt bedeutet nichts anderes als das Abtippen der Vereinsmeisterschafts-Resultate der vergangen vierzig Jahre, das Einscannen fast verblichener Fotos von Saison-Abschlussfahrten kurz nach der deutschen Wiedervereinigung sowie das Verlinken aktueller Statistiken und Tabellen. 

Die „breite“ Öffentlichkeit

Der wirklich ambitionierte Medienwart möchte nun kurz nach der Übernahme seines neuen Amtes sogar eine regelmäßige Spielberichterstattung aufziehen. Zu diesem Zweck zwangsverpflichtet er aus jeder Mannschaft denjenigen Spieler, dem er noch am ehesten die korrekte Verwendung der deutschen Sprache in ihrer geschriebenen Form zutraut. Schwer genug.

Dann jedoch gilt es wöchentlich, diesen Berichterstattern einen Artikel zur aktuellen 2:9-Pleite beim Tabellenführer abzutrotzen. Trotz zahlloser Ausflüchte (keine Zeit, keine Lust, Spielbericht verlegt, erinnere mich nicht mehr, wen interessiert das schon?) lässt der Medienwart da nicht locker: Mit dreiwöchiger Verspätung wird auch noch der letzte Bericht aus der Kreisliga D zum Kampf um die goldene Ananas online gestellt, der zwar wenig mehr zu bieten hat, als die Ergebnisse aus click-TT in Prosa nachzuerzählen. Doch da geht es dem Medienwart ums Prinzip und die positive Darstellung der Abteilung in der breiten Öffentlichkeit. Gut, diese breite Öffentlichkeit besteht überwiegend aus Edelfan Horst (der sowieso jedes Spiel live verfolgt hat) sowie zwei bis drei anderen Tischtennis-Spielern des Kreises, welche sich auf diesem Weg über aktuelle Ausfälle und damit über wahrscheinliche Aufstellungen im kommenden Spitzenspiel informieren können. Doch sei's drum, der jugendliche Medienwart nimmt seinen Job eben ernst.

Ambitionen im Keim erstickt

Besonders ernst nimmt er ihn ein- oder zweimal im Jahr, wenn es entweder die offiziellen Ergebnisse der Vereinsmeisterschaft vom Januar oder einen im März in einem hochspannenden Relegationsspiel errungenen Aufstieg an die Lokalpresse zu senden gibt. Dann schreibt der Medienwart mit all seinen journalistischen Ambitionen nämlich tatsächlich einmal einen eigenen Artikel, auf dessen Veröffentlichung im Käseblatt er sich bereits wie ein Schneekönig freut und von dem er auch schon seiner Oma erzählt hat. Leider dauert es dann aber bis Mitte August, bis zwischen all den Schützenköniginnen und Taubenzüchtern auch mal ein Platz für die Tischtennisspieler frei ist. Zu allem Überfluss sind dann aber die wichtigsten Spielernamen falsch geschrieben, das Foto ist vom vergangenen Jahr und statt des Namens des völlig enttäuschten Medienwartes findet sich nur das kryptische Kürzel "oh" unter dem Bericht. Aus dem großen Traum vom Volontariat bei der „FAZ“ wird so natürlich nichts. Oma wird traurig sein.

Übrigens: "Phasendrescher" Philipp Hell ist inzwischen auch unter die Buchautoren gegangen. Wer mit einem Augenzwinkern durch die Kreisliga schlendern will, findet hier das passende Werk.

(Philipp Hell)

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