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Der Phasendrescher - Turnier-Edition: Die Vorrunde

Nach der Vorrunde ist für manchen Spieler meistens schon Schluss (©Laven)

17.05.2021 - Ob ein Turnier gut oder schlecht organisiert ist, zeigt sich oft schon in der Vorrunde. Wie groß sind die Gruppen und wie viele Spiele wird man sicher bestreiten? Wie lange sind die Wartezeiten zwischen den eigenen Partien? Und wie viele Spieler werden sich nachher für die K.o.-Runde qualifizieren? Unser Phasendrescher Philipp Hell weiß, was man alles in einer Turniervorrunde erleben kann, und nimmt uns mit in die dritte Phase eines typischen Amateurturniers.

Die Vorrunde eines Tischtennis-Turniers im Kreisklassen-Bereich kann natürlich so oder so laufen, es kann aber auch ganz anders kommen. Von sportlichen Ergebnissen einmal abgesehen muss man allerdings hauptsächlich zwischen gut und, nun ja, weniger gut organisierten Turnieren unterscheiden. Bei gut organisierten Turnieren hat jede Vorrundengruppe gleich viele Teilnehmer und die Spiele finden so gut verteilt über den Vormittag statt, dass man genügend Zeit hat, um zwischendrin ein wenig auszuschwitzen, ein bisschen mit anderen Teilnehmern zu fachsimpeln und sogar in Ruhe auf die Toilette zu gehen, ohne dass man sich durch zu langes Warten einen steifen Hals oder einen platten Hintern holt. Zumeist wird in Fünfer- oder Sechsergruppen gespielt, so dass man für die lange Anfahrt und das Startgeld im Tausch auch eine anständige Anzahl an garantierten Spielen bekommt, bevor es eventuell recht frühzeitig schon wieder vorbei ist. Außerdem wird eine sinnvolle Zahl von Spielern die K.o.-Runde erreichen, damit das Ziel „Weiterkommen“ für beinahe jeden nicht völlig blinden Teilnehmer zu Beginn des Turniers ein durchaus realistisches Ziel darstellt.

Aber es gibt auch andere…

Leider kennt Kreisklassenheld Udo auch die anderen Turniere. So wie neulich beim „Horst-Maier-Gedächtnisturnier“, bei dem er das erste Einzel direkt um 8:30 Uhr nach der Begrüßung spielte und dann erst wieder um 11:30 Uhr aufgerufen wurde. Nur um anschließend bis 13:00 Uhr praktisch ununterbrochen durchzuspielen. Anscheinend hat sich der Einsatz einer leistungsstarken Turniersoftware doch noch nicht überall in der Provinz durchgesetzt: Hier wurde immer noch mit Papier und Taschenrechner gearbeitet – und mit Radiergummi. So kam es, dass Udo sogar zum letzten Einzel bereits aufgerufen wurde, während er noch im Entscheidungssatz des vorletzten Einzels um seine theoretisch verbleibende Restchance aufs Weiterkommen kämpfte. Glücklicherweise ist Udos alter Kumpel Karsten immer ganz aufmerksam bei so etwas und brüllte umgehend ein recht aggressives „Der spielt noch an Tisch drei!“ durch die sich langsam leerende Halle – schließlich waren die Bratwürste für die Mittagspause bereits fertig.

Anders schlecht organisiert war wiederum die Kreismeisterschaft vor drei Monaten. Hier gab es ein fix qualifiziertes Starterfeld in Udos D-Klasse, von dem dann aber aus unerfindlichen Gründen (Vatertag, 30 Grad im Schatten) gefühlt ein Drittel nicht erschien. Udo war dann leider in eine der Dreiergruppen gelost worden und musste trotzdem mehrere Stunden auf seine beiden sehr kurzen Einsätze (0:3 und 0:3) warten, da parallel natürlich auch die viel wichtigeren Spiele der A-, B- und C-Klasse durchgeführt wurden und insgesamt nur acht Platten zur Verfügung standen. An diesem Tag kam es für Udo dann auch noch zu dem Klassiker schlechthin: Kaum hatte er es nach stundenlangem hungrigen Warten auf seinen zweiten Einsatz nicht mehr ausgehalten und sich an die Verpflegungsstation begeben, herzhaft in das letzte Stück seiner Wurstsemmel gebissen und gerade ein Bier getrunken, schon wurde er wieder an die Platte gerufen, ohne dem Magen auch nur eine Minimalzeit zum Verdauen geben zu können. Wobei man fairerweise sagen muss, dass dieser Umstand für das Ergebnis des zweiten Einzels in diesem Fall völlig belanglos war.

Lang gespielt - aber keine Belohnung

Doch auch freie Teilnehmerzahlen bieten nicht unbedingt nur Vorteile: Beim letzten „Superdiscounter Supercup“ gab es plötzlich mehr als hundert Teilnehmer. So wurden auch wieder nur Vierer- und Dreiergruppen gebildet, die in Udos Fall nach dem verletzungsbedingten Ausfall eines Kontrahenten sogar zu einer Zweiergruppe wurde. Trotz weniger Spiele für jeden Einzelnen dauerte die ganze Vorrunde auf Grund der Masse an Teilnehmern bis in den frühen Nachmittag, so dass Udos Gattin bei seiner ungewöhnlich späten Rückkehr schon mit einer Urkunde oder einem Fresskorb gerechnet hatte, was Udos allgemeiner Stimmung auch nicht gerade zuträglich war.

Die offenen Stadtmeisterschaften der nahen Landeshauptstadt wiederum stellten letzten Winter praktisch das genau Gegenteil dar: Perfekt organisiert durchgeführt in der riesigen Halle des örtlichen Tischtennis-Leistungszentrums waren fast so viele Tische wie Teilnehmer vorhanden – Udo gelang es ohne seine Brille kaum, die andere Seite der Halle zu sehen. Da man beim Tischtennis-Leistungszentrum normalerweise ein überwiegend junges und kein übergewichtiges altes Publikum gewöhnt ist, wurden ambitionierte Zehnergruppen gebildet. Schließlich sollte der Trainingseffekt möglichst groß sein, um sportliche Erfolge geht es im Tischtennis-Leistungszentrum bei so einer Veranstaltung natürlich nur am Rande. Am Rande (seiner körperlichen Leistungsgrenze) war Udo dann auch spätestens nach der sechsten oder siebten Runde (so genau hatte er nicht mehr mitgezählt), doch glücklicherweise ging es den Gegnern auf der anderen Tischseite kaum anders. Der eine oder andere Teilnehmer wurde sogar bei der Turnierleitung vorstellig und verhandelte die Modalitäten einer vorzeitigen Aufgabe. So viele Krämpfe wie gegen Ende dieser Vorrunde sieht man sonst nur in der Nachspielzeit eines Fußball-WM-Finales, wenn es gilt, einen knappen Vorsprung mit allen legalen und illegalen Mitteln über die Zeit zu retten. Mit einem bis aufs Mark ausgezehrten Körper (so muss sich Opa damals im Krieg gefühlt haben) und purem Willen gelang es Udo im letzten Vorrundenspiel tatsächlich und unerwartet, den entscheidenden fünften Sieg zum Einzug in die K.o.-Runde zu erringen. Nur um dann im natürlich umgehend ausgespielten Zweiundreißigstelfinale gegen einen 14-jährigen Bewohner des Tischtennis-Leistungszentrums mit insgesamt fünf gewonnenen Punkten auszuscheiden. 

Wenn das Handy 27-mal klingelt…

Zwar spielt Udo wirklich gerne Turniere, doch nach der Vorrunde ist eben meistens Schluss. Neulich beim „Challenger-Turnier powered by Metzgerei Mittereder“ hatte er jedoch bis ins letzte Vorrunden-Spiel eine Chance auf die K.o.-Runde. Bei Gleichstand nach Siegen von drei Spielern stand man anschließend gemeinsam vor der Ergebniswand und zählte Sätze aus. Dass Udo diesmal wegen nur eines zu wenig gewonnenen Satzes ausschied, machte ihn so traurig und wütend, dass er auf der Heimfahrt noch nicht mal ans andauernd bimmelnde Handy ging. 

Zu Hause angekommen sah er, dass sein Kumpel Karsten ihm schließlich nach zahllosen vergeblichen Anrufen vor etwa 45 Minuten eine SMS geschrieben hatte: Beim Challenger-Turnier zähle bei Gleichstand an Siegen nicht etwa die Anzahl der gewonnenen Sätze, sondern irgendein ominöser Satzquotient. Nach diesem sei Udo ganz starker Gruppendritter geworden und zu seinem Achtelfinale sei gerade der dritte und letzte Aufruf durch die Halle ertönt. Die Bissspuren an seinem Handy kann Udo heute noch erkennen.

Zur ersten Phase "Die Anfahrt"
Zur zweiten Phase "Das Einspielen"

(Philipp Hell)

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