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Janinas Blog: Eine WM, die sich nicht so anfühlt

In diesem Komplex wird die WM in Chengdu stattfinden - leider ohne das myTischtennis.de-Team (©ITTF)

23.09.2022 - Normalerweise würde myTischtennis.de-Redakteurin Janina Schäbitz so kurz vor Beginn der Weltmeisterschaften schon mitten in den Reisevorbereitungen stecken. Doch in diesem Jahr ist vieles anders: Nicht nur, dass sich die myTischtennis GmbH zum ersten Mal seit zehn Jahren dazu entschieden hat, eine WM auszulassen, auch das deutsche Olympia-Trio der Herren ist nicht am Start. In ihrem Blog macht sich Schäbitz Gedanken zur Wertigkeit dieses Vorzeige-Events.

Ein Termin ist für mich, seit ich bei der myTischtennis GmbH arbeite, immer gesetzt: die Weltmeisterschaft, bei der wir in jedem Jahr zu Besuch sind. Die einzige Ausnahme in den zehn Jahren, in denen ich hier Chefredakteurin bin, war vor zwei Jahren, als die WM in Busan kurzfristig wegen der Corona-Pandemie abgesagt wurde. In diesem Jahr kommt nun eine weitere Ausnahme hinzu. Denn wir haben uns dazu entschlossen, die Team-WM in Chengdu nicht zu besuchen. Das war keine leichte Entscheidung, zumal eine Berichterstattung über solch ein Event nun mal am besten möglich ist, wenn man auch live vor Ort dabei ist. Warum fahren wir also nicht hin? 

Widrige Umstände und hohe Kosten

Die Antwort ist recht simpel. Wir hatten den festen Willen, trotz der etwas widrigen Umstände, die die Null-Covid-Strategie der chinesischen Regierung mit sich bringt, nach Chengdu zu reisen. Das heißt, dass wir uns wie schon bei den Olympischen Spielen in Tokio nur in einer geschlossenen Bubble aus Halle, Bus und Hotel bewegt, täglich einen PCR-Test gemacht, die Gesundheitsdaten in eine App eingetragen und uns in eine spezielle Quarantäne-Unterkunft begeben hätten, falls ein Test mal positiv ausgefallen wäre. Auch wenn das alles aus deutscher Sicht kaum mehr vorstellbar ist und zum Beispiel bei der WM in Houston voriges Jahr auch nicht mehr nötig war, sind das Regeln, die man aus Respekt vor dem Gastgeber gut einhalten kann, um sein Möglichstes dafür zu tun, dass das Coronavirus nicht weiter um sich greift. Die Preise, die sich aus der Buchung des vorgeschriebenen offiziellen Medienhotels, der von der ITTF gecharterten Flüge zwischen Dubai und Chengdu sowie der restlichen Reise von und nach Deutschland ergeben hätten, waren allerdings so gesalzen, dass man sich wenig eingeladen fühlte. Ergo: Ein knapp fünfstelliger Betrag pro Person war uns schlicht zu viel.

Und so sitzen wir diesmal zu Hause, wenn woanders auf der Welt die Weltmeister gekürt werden. Dieser Gedanke tat anfangs schon ein bisschen weh, inzwischen, muss ich gestehen, hat sich das relativiert. Denn auch wenn ich es der nächsten Generation deutscher Spieler gönne, mal eine Weltmeisterschaft zu erleben, und es ohne Frage sinnvoll ist, junge Athleten mit Verantwortung zu konfrontieren, damit sie lernen, damit umzugehen, enttäuscht es mich, Timo Boll, Dimitrij Ovtcharov und Patrick Franziska nicht im deutschen WM-Aufgebot zu sehen. Wenn die Entscheidung über den Einsatz unseres Olympia-Trios zugunsten zweier WTT-Turniere ausfällt, die wenig später ebenfalls in China stattfinden und bei denen es wichtige Punkte für die Einzel-Weltrangliste gibt, und nicht für die WM, die zumindest im allgemeinen Denken noch als zweitwichtigste Veranstaltung im Tischtennissport gilt, dann läuft meiner Meinung nach irgendetwas falsch. 

Wert des Events geschwächt

Mit der Entscheidung, dass bei einer Team-WM keine Punkte für die Einzel-Weltrangliste mehr zu holen sind, hat der Weltverband die Wertigkeit dieses Events nachhaltig geschwächt. Zumal die anderen Reformen eindeutig in die Richtung weisen, dass Weltranglistenpunkte die einzig wichtige Währung sind. Man kann es Sportlern, die mit ihren Kräften haushalten müssen, oder ihren Verbänden also kaum verübeln, dass sie sich die Events rauspicken, die ihnen am meisten einbringen. Wenn diese aber nicht mehr die Weltmeisterschaften sind, ist das eine Entwicklung, die ich sehr schade finde. Es scheint nun wirklich mit großen Schritten Richtung Tennis zu gehen, wo es keine offizielle WM mehr gibt und die Grand-Slam-Events das Non-Plus-Ultra sind. Da die großen WTT-Turniere allerdings noch nicht so etabliert sind, dass sie außerhalb der Tischtennisszene irgendjemanden interessieren würden, führt das kurzfristig dazu, dass Tischtennis es noch schwerer hat, in den Medien stattzufinden. Denn auch wenn sich die deutsche Mannschaft auch ohne Boll, Ovtcharov und Franziska hohe Ziele für die WM gesetzt hat, führt der Verzicht auf das Olympia-Trio doch dazu, dass die Wahrscheinlichkeit auf ein erneutes WM-Finale gegen China sinkt - und damit das sowieso schon geringe öffentliche Interesse an unserer Sportart. 

Dass die Sportler nicht beide Events mitnehmen und wegen der Quarantänebestimmungen dann nicht fünf Wochen am Stück in China verweilen wollen, kann ich derweil gut verstehen. Auch dass Ruwen Filus sich gegen eine Teilnahme entschieden hat, weil er im Notfall nicht spontan nach Hause zu seiner Familie fliegen könnte, ist total nachvollziehbar. China ist alleine schon wegen der Bedeutung, die der Sport in diesem Land hat, als Austragungsort für Tischtennisweltmeisterschaften immer ein äußerst attraktiver Gastgeber. Wenn die aktuelle Politik vor Ort allerdings dazu führt, dass einzelne Sportler und auch ganze Nationen sich gegen eine Teilnahme an solch einem sportlichen Großevent entscheiden, dann muss die Frage erlaubt sein, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, diese WM doch in einem anderen Land auszutragen und China die Gastgeberrolle für eine der nächsten Ausgaben anzubieten. Die WM in Chengdu wird definitiv anders werden als ihre Vorgänger. Wir stehen bereit, bestmöglich darüber zu berichten - wenn auch von zu Hause aus.

(JS)

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