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WM-Blog: US-China-Duos ein kluger Schachzug

Die USA und China kämpfen in Houston Seite an Seite um Medaillen (©ITTF)

23.11.2021 - Normal nutzen die myTischtennis-Redakteure den Weg zu einem Großevent gerne, um sich ein paar allgemeine Gedanken zum Turnier zu machen und die eigenen Erwartungen zu ordnen. Kurz vor der Abreise von Redakteurin Janina Schäbitz nach Houston machte aber die Nachricht die Runde, dass China sich im Mixed mit Gastgeber Amerika zusammentut. Grund genug, die allgemeinen Betrachtungen zurückzustellen und sich sofort ins Getümmel zu stürzen.

Manchmal gibt es schon vor Beginn einer WM Gewinner. Lily Zhang und Kanak Jha gehören dazu, die unverhofft von einem Tag auf den anderen die Rolle des Außenseiters im Mixedwettbewerb gegen die eines Medaillenkandidaten eintauschten. Das hat nichts mit einer plötzlichen Leistungsexplosion zu tun, sondern hat politische Gründe: Da sich die legendären Ereignisse rund um die sogenannte Ping-Pong-Diplomatie bei der WM 1971 in Nagoya zum 50. Mal jähren, haben sich die Verantwortlichen der chinesischen und US-amerikanischen Delegationen ein weiteres Zeichen der Freundschaft überlegt. Sie nutzen die Option, Doppel mit Spielern unterschiedlicher Nationen zu bilden, und schicken Lily Zhang gemeinsam mit Lin Gaoyuan und Kanak Jha mit Wang Manyu ins Rennen. 

Revival der transnationalen Doppel mit China

Da sind sie also wieder, die transnationalen Doppel mit chinesischer Beteiligung, die wir zuletzt bei der WM 2017 in Düsseldorf gesehen haben. Politisch gesehen ein schönes Zeichen, das für Freundschaft und Völkerverständigung steht. Rein sportlich betrachtet kann man sich aber natürlich fragen, warum China erneut ein unnötiges Risiko eingeht, nicht mit der vollen Ausbeute aus Houston zurückzukehren. Die Antwort: Weil es vor allem langfristig gesehen auch für die chinesischen Interessen ein kluger Schachzug ist.

Schauen wir uns aber zunächst die kurzfristigen Folgen an, die für alle - außer China - ziemlich positiv sind. Mit den schlagkräftigen Mixed-Partnern aus dem Reich der Mitte wurde die Chance für Gastgeber USA deutlich erhöht, bei dieser WM selbst aufs Siegertreppchen klettern zu können. Dies ist bei einer sportlich erfolgsverwöhnten Nation wie den USA kein unwichtiger Punkt, damit die WM-Premiere ein Erfolg wird, und dürfte auch der Stimmung auf den Zuschauerrängen zuträglich sein. Für die Konkurrenz ist dieser Schritt ebenfalls kein schlechter. Diese kann im Wettbewerb nun zwar auf drei statt zwei Doppel mit chinesischer Beteiligung treffen, allerdings kann man sich gegen die nicht eingespielten neuen Duos größere Chancen ausrechnen als gegen ein zweites rein chinesisches Paar neben Sun Yingsha/Wang Chuqin. Dafür spricht, dass seit der Wiedereinführung der transnationalen Doppel bei der WM 2015 nur ein einziges Duo, Xu Xin und Yang Haeun, einen Titel gewinnen konnte. Selbst das ‚legendary pair‘ bestehend aus Ma Long und Timo Boll schaffte es bei seinen beiden Versuchen nicht in die Medaillenränge. Petrissa Solja durfte sich 2017 zwar über Bronze mit Fang Bo freuen, jedoch hatte man sich hier vor allem auf chinesischer Seite mehr erhofft und sah es nicht gerne, dass das Finale um Mixed-Gold in Düsseldorf ohne China ausgetragen wurde.

Entwicklungshilfe von oberster Stelle

Für China geht und ging es in diesen Fällen aber um mehr als einen weiteren Titel. Schon bei den Korea Open 2013 öffnete sich das Reich der Mitte für die Idee, sich in transnationalen Doppeln einzubringen, und nannte als Grund, die eigene Dominanz durchbrechen, das Know-How weitergeben und den Tischtennissport für andere Nationen attraktiver machen zu wollen. Denn auch in China könnte es für das Publikum langweilig werden, wenn es irgendwann keine ausländischen Gegner mehr gibt, die den eigenen Spielern Paroli bieten.

Die Zusammenarbeit zwischen China und den USA in Houston mag auf den ersten Blick dem natürlichen Instinkt widersprechen, mit der bestmöglichen Konstellation ins Rennen um einen der wichtigsten Titel im Tischtennissport zu gehen. Neben dem politischen Zeichen der Freundschaft sind diese Duos aber vor allem auch als Promotion für die WM und den Tischtennissport in den USA zu sehen. Denn selbst die Chinesen, die ein ureigenes Interesse daran haben, dass ihre Lieblingssportart auch für andere Nationen spannend bleibt oder wird, können langfristig davon profitieren, wenn die erste Tischtennis-WM in den USA durch diesen Schritt noch einmal einen Aufmerksamkeitsschub bekommt und die amerikanischen Medien in den nächsten Wochen noch interessierter ins George R. Brown Convention Center schauen. Das sportbegeisterte Amerika ist im Tischtennis noch ein Zwerg, die Möglichkeiten auf diesem Markt sind groß - vielleicht tragen Zhang/Lin und Jha/Wang ja dazu bei, dass Tischtennis in den USA ein bisschen populärer wird.

(JS)

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