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Japans Wunderkinder: Warum in jungen Jahren schon so gut?

Zwei Ausnahmetalente Japans: Jugend-Weltmeister Tomokazu Harimoto (13) und World Cup-Siegerin Miu Hirano (17) (©Flickr/ITTFWorld)

24.02.2017 - Im Alter von 13 Jahren und 163 Tagen krönte sich Tomokazu Harimoto im Dezember zum jüngsten Jugend-Weltmeister aller Zeiten. Im Mai wird die Nummer 69 der Welt an der WM in Düsseldorf teilnehmen, genau wie bei den Damen die 17-jährigen Mima Ito und Miu Hirano, die es schon in die Top Ten der Weltrangliste geschafft haben. Warum sind die Japaner bereits in jungen Jahren so gut? Darüber sprachen wir mit Mario Amizic, dem ehemaligen japanischen Nationaltrainer.

Japan bezwingt China – diese Schlagzeile stammt nicht etwa aus den späten 50er-Jahren, als das Land der aufgehenden Sonne dem Reich der Mitte im Tischtennis noch überlegen war, sondern wurde bei der Jugend-WM in Kapstadt im Dezember geschrieben. Im Mannschafts-Finale der Mädchen schlugen die Japanerinnen den Titelabonnenten aus China mit 3:1, während die Jungen sich im Finale gegen Südkorea sogar mit 3:0 die Goldmedaille sicherten. Wenige Tage später sollte Tomokazu Harimoto auch im Einzel ganz oben auf dem Treppchen stehen und sich mit 13 Jahren und 163 Tagen zum jüngsten Jugend-Weltmeister aller Zeiten küren.

"Da will jeder Olympiasieger werden"
Doch was macht die Japaner schon in jungen Jahren so gut und sind sie – auch mit Blick auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio – eine Gefahr für China selbst im Erwachsenenbereich? Ein Mann, der sich mit dem Land der aufgehenden Sonne sehr auskennt, ist Mario Amizic. Nach seiner Zeit als Cheftrainer bei Borussia Düsseldorf (1986-1999) war der Kroate Cheftrainer der japanischen Nationalmannschaft. Auch aktuell steht der 62-Jährige mit dem japanischen Verband noch häufig in Kontakt und ist mehrmals im Jahr vor Ort.

Japans großen Talentpool erklärt Amizic so: "Die Belastbarkeit von Kindern dort ist viel höher. Sie sind mit 200 Prozent bei der Sache, da will jeder Olympiasieger werden, um jeden Preis." Er habe bei einem seiner letzten Besuche eine Trainingseinheit beobachtet, bei der ein Junge über Stunden die gleiche Übung gespielt habe. "Das machen die Kinder dort ohne Murren. Mit wie viel Enthusiasmus und Eifer sie an die Sache gehen, ist erstaunlich. Es macht Spaß, mit ihnen zu arbeiten."

Training hauptsächlich durch Eltern und Lehrer
Betreut würden die jungen Spieler im Übrigen – wenn überhaupt – erst spät von professionellen Trainern. Hinter dem Erfolg würde bei Harimoto, Ito und Co. in erster Linie das Training mit den eigenen Eltern stecken. Der Jugend-Weltmeister z.B., dessen Eltern in China Tischtennisprofis waren, sei erst vor einem halben Jahr nach Tokio gezogen, um dort in einem Tischtenniszentrum professioneller trainieren zu können. Neben der Anleitung durch die Eltern sei häufiges Training in der Schule ein Kernpfeiler in Japan.

"Der japanische Tischtennisverband hat mit dem Training nichts zu tun. Das Schulsystem dort dagegen viel. Es verlangt, dass die Schüler nach Unterrichtsende noch in der Schule bleiben und Sport treiben. Dort werden sie dann von Lehrern trainiert, die früher selbst Tischtennis gespielt haben. Die machen einen wirklich guten Job", so der ehemalige Nippon-Coach weiter. Trainiert werde schon in jungen Jahren in großen Umfängen, nicht nur nach dem Unterricht, sondern auch vor dem Unterricht. Anders als in China, wo Jugendliche zum Teil schon früh die Schule beenden und auf die Karte Tischtennisprofi setzen, werde in Japan die Schulbildung nicht vernachlässigt.

Ligenspielbetrieb nicht vorhanden
Laut Amizic fange der Verband erst langsam an, sich in die Trainingsarbeit einzuschalten. Auch Spielpraxis hätten die Kinder und Jugendlichen, aber auch die Erwachsenen, keine große. Einen Ligenspielbetrieb wie in Deutschland gibt es in Japan, aber auch anderen asiatischen Ländern, nämlich nicht. Einzig in Schul- oder Universitätsmeisterschaften könnten die Spieler Erfahrung sammeln.

Gute Spieler müssen sich so frühzeitig Vereinen im Ausland anschließen. Verhindern soll das bald die Einführung eine Profi-Liga, die schon seit Jahren ein Thema ist und ab Herbst 2018 an den Start gehen soll. Amizic: "Das war auch zu meiner Zeit als Trainer dort schon mein Wunsch. Die Liga wird einen stark kommerziell geprägten Charakter haben. Ich hoffe, dass die Verantwortlichen es richtig machen und nicht direkt zu viele Chinesen in die Liga holen." 

Eine Chance gegen China?
Angesprochen auf die Entwicklung, die Wunderkinder wie Harimoto noch hinlegen könnten, sagt der Kroate: "Er muss es erst einmal auch im Erwachsenenbereich in die Weltspitze schaffen. Ich habe viele gute junge Spieler gesehen, die als Erwachsene von der Bildfläche verschwunden sind. Auf Harimoto wird schon zu viel Druck aufgebaut. Er selbst spricht auch schon zu viel über die Olympischen Spiele." Dass die Japaner die Chinesen in den nächsten Jahren vom Thron stoßen können, glaubt der 62-Jährige indes nicht. "Die Frage wird mir oft gestellt und ich antworte dann gerne: 'Wenn ihre Mannschaft aus Mizutani, Mizutani und noch mal Mizutani bestehen würde, dann vielleicht schon, so aber nicht. Die Chinesen sind eine Klasse für sich!"

(DK)

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