Buntes

Segun Toriola: Der nigerianische ‚Rossi‘

Augen auf den Ball und das große Ganze: Segun Toriola (©ITTF)

24.03.2016 - Jean-Michel Saive, Jörgen Persson, Zoran Primorac - und im Sommer auch Segun Toriola. Dann wird der Nigerianer zu seinen europäischen Kollegen aufschließen und der vierte Tischtennisspieler sein, der siebenmal an Olympischen Spielen teilgenommen hat. In seinem Kopf ist er noch immer Mitte 20, erzählte uns der 41-Jährige bei der WM in Malaysia, aber den alleinigen Olympiarekord will er nicht - und das aus einem ungewöhnlichen und zugleich sehr löblichen Grund.

Wir befinden uns im Viertelfinale der zweiten Division bei der Team-WM in Kuala Lumpur: Indien und Nigeria spielen um die Chance, sich einen der begehrten Plätze in der obersten Kategorie zu sichern, wo auch Deutschland und China zu finden sind und wo die WM-Medaillen vergeben werden. Während Quadri Aruna seine Mühe mit dem Inder Soumyajit Ghosh hat, macht sich der nächste Spieler, ein athletischer Mann, am Hallenrand für sein Einzel bereit. Doch auch wenn er sich ein gutes Stück von der Box entfernt hat, um dort seine Gedanken zu sammeln, kann er die Augen nicht vom Spielgeschehen abwenden. Kurzer Blickkontakt mit Aruna - Auszeit! - und der Spieler unterbricht seine Vorbereitung, um seinem Kollegen zu Hilfe zu eilen. Das ist Segun Toriola, 41 Jahre alt, 116. der Welt und bald der einzige Afrikaner mit sieben Olympia-Teilnahmen.

„In Afrika ist er ein Held“

„Am Anfang meiner Karriere hätte ich nicht erwartet, dass ich so oft zu den Olympischen Spielen fahren werde“, erzählt uns Toriola. „Ich bin sehr glücklich und aufgeregt, zu den wenigen Tischtennisspielern weltweit zu gehören, die das siebenmal geschafft haben, wie Saive, Persson oder Primorac. Es ist etwas Besonderes für mein Land und für den Kontinent, denn niemand in Afrika hätte das erwartet.“ Dort war er lange Zeit das Maß aller Dinge. Die All African Games dominierte er über Jahre und sammelte auch bei den Commonwealth Games Medaillen. Auf der großen internationalen Tischtennisbühne machte er unter anderem bei den Olympischen Spielen 2008 von sich reden, als er gegen Jean-Michel Saive ins Achtelfinale einzog und dort erst im siebten Satz am hoch favorisierten Oh Sang Eun scheiterte. Inzwischen sind ein paar Jahre ins Land gezogen, doch Toriola ist immer noch für die nigerianische Nationalmannschaft aktiv - und konnte sich beim afrikanischen Olympia-Qualifikationsturnier wieder ein Ticket für Rio sichern. Keine Selbstverständlichkeit in einem Alter, in dem andere schon längst das Karriereende eingeläutet haben.

„In meinem Kopf bin ich noch 24, 25 Jahre alt“, erklärt uns Toriola das Geheimnis seines Erfolgs. „Das ist ganz wichtig, denn ich denke, damit haben viele Sportler ein Problem. Wenn sie älter werden, denken sie viel an ihr Alter und wann sie aufhören werden. Ich bin dagegen in meinem Kopf immer noch in den Zwanzigern und denke gar nicht an mein Alter.“ Diese Einstellung gepaart mit seiner Fähigkeit, sich zu disziplinieren und hart zu arbeiten, sowie einer Menge Erfahrung sorgen noch immer für gute Ergebnisse. Bei der WM spielte er eine 4:2-Bilanz, in der zweiten französischen Liga konnte er bisher 14 von 24 Spielen für seinen Club Argentan Bayard gewinnen. „Er ist mehr als nur der bekannteste Tischtennisspieler, in Afrika ist er ein Held“, schildert Martin Adomeit, der im vorigen Sommer fünf Wochen in Afrika verbrachte, um Nigeria bei den All African Games zu unterstützen, seine Eindrücke. „Er lebt zwar seit Langem den Großteil des Jahres in Europa, hat aber nie den Bezug zu seiner Heimat verloren. Hier engagiert er sich zum Beispiel für den nigerianischen Nachwuchs und arbeitet im Sommer intensiv ein paar Monate mit den Talenten.“

„‚Rossi‘ ist ein ähnlicher Typ“

Und die liegen ihm auch besonders am Herzen, wenn er über seine eigene Zukunft nachdenkt. Der Nationalmannschaft möchte er nach den Olympischen Spielen nämlich nicht länger als Spieler zur Verfügung stehen. Warum nimmt er sich selbst die Chance auf den alleinigen Rekord, die Chance auf seine achten Olympischen Spiele? „Ich denke, ich könnte sicher noch drei, vier Jahre Nationalspieler sein, wenn ich das wollte“, räumt Toriola ein, „aber ich will nicht. Ich möchte den jungen Spielern Raum im Nationalteam geben. Denn für manche ist es eine Hemmschwelle, wenn sie mich noch in der Mannschaft spielen sehen. Dann glauben sie, dass sie es selbst nicht schaffen können. Das Beste, was ich tun kann, um sie zu unterstützen, ist, aufzuhören.“ Für ihn ist dies kein Opfer, er denkt vor allem an die Entwicklung seines Sports in Nigeria. „Die Jungen müssen sich entwickeln und verbessern, weil ich nicht ewig spielen kann. Tischtennis ist sehr populär in Nigeria. Und in Afrika und in der Welt weiß man, dass man in Nigeria Tischtennis spielen kann. Ich möchte, dass das auch weiterhin so ist. Das ist mir am wichtigsten.“

Eine sehr selbstlose Einstellung, die sich mit Adomeits Eindrücken von dem Sportler deckt. „Segun ist ein großartiger Mensch und Sportler - tierisch ehrlich und für einen Tischtennisspieler sehr wenig egoistisch. Er konzentriert sich nicht nur auf sich selbst, sondern schaut auf das große Ganze und setzt sich sehr für andere Leute ein, was in unserer Individualsportart keine Selbstverständlichkeit ist“, findet der ehemalige Damen-Bundestrainer. „Er erinnert mich in der Beziehung sehr stark an Jörg Roßkopf. Auch dass er von jedem anderen Sportler anerkannt und akzeptiert wird, ein ruhiger Mensch ist, aber genau weiß, was er will. ‚Rossi‘ ist ein ähnlicher Typ.“ Und auch in anderer Hinsicht ähnelt Toriola dem Doppel-Weltmeister von 1989. Wie ‚Rossi‘ sieht er seine Zukunft auf dem Stuhl hinter der Umrandung - als Berater und Trainer, so wie er schon im WM-Spiel gegen Indien in der malaysischen Nebenhalle Quadri Aruna mit Rat und Tat zur Seite stand. „Ich möchte versuchen, den jüngeren Spielern die Dinge mit auf den Weg zu geben, die mir geholfen haben“, spricht der künftige siebenmalige Olympionike über seine Zukunft. „In Nigeria gibt es keinen anderen Sportler, der so lange auf so hohem Niveau aktiv war. Ich will den jungen Leuten zeigen, dass man viel erreichen kann, wenn man daran glaubt - ganz egal, wie alt man ist.“ 

Toriola in Aktion - hier ein legendärer Punkt gegen Gao Ning bei den Commonwealth Games 2014:

(JS)

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