Buntes

„Freue mich enorm, wieder in Deutschland zu spielen“

Dima is back! In Lima gibt Ovtcharov sein Comeback nach langer Pause (©ITTF)

15.06.2022 - Ein Dreivierteljahr musste sich Dimitrij Ovtcharov gedulden, bis seine Knöchelverletzung verheilt und sein Fuß wieder voll belastbar war. Nun ist er bereit für sein Comeback, das er beim WTT Contender in Lima geben wird. Im Interview mit myTischtennis.de erzählt der Olympiadritte von Tokio, wie schwer diese Zwangspause für ihn war, warum es bald zum Duell mit Timo Boll kommt und was für die nächste Saison beim TTC Neu-Ulm geplant ist.

myTischtennis.de: Dimitrij Ovtcharov gegen Timo Boll - dieses Duell haben wir lange nicht gesehen. Am 24. Juni wird es in Nordhessen ein Benefizspiel zwischen dir und Timo geben, dessen Erlös Kindern, die vom Krieg in der Ukraine betroffen sind, zugutekommt. Wie ist es zu dieser Idee gekommen?

Dimitrij Ovtcharov: Ich bin seit ein paar Jahren Schirmherr der gemeinnützigen Organisation „Jumpers“, die sich bundesweit um benachteiligte Kinder - und aktuell vor allem auch um junge Flüchtlinge aus der Ukraine - kümmert. „Jumpers“ ist mit der Idee auf mich zugekommen, zu Gunsten der ukrainischen Kinder ein Benefizspiel zu veranstalten. Das unterstütze ich natürlich gerne und habe Timo gefragt, ob er mitmachen möchte.

myTischtennis.de: Hier ist von einem „Showkampf“ die Rede. Wird es wirklich nur Show sein oder spielt ihr auch ernst gegeneinander?

Dimitrij Ovtcharov: (schmunzelt) Das ist eine gute Frage, dazu muss ich mich mal mit Timo abstimmen. Für die Zuschauer ist es sicher interessant, wenn wir ernst gegeneinander spielen, aber auch ein paar schöne Ballwechsel dabei sind. 

myTischtennis.de: Du bist in Kiew geboren und hast dadurch einen anderen Zugang zu der aktuellen Situation als wir. Wie sehr beschäftigt dich der Krieg gerade im alltäglichen Leben? Gibt es noch andere Aktionen, die du unterstützt?

Dimitrij Ovtcharov: Ja, es kommen immer wieder Leute mit Aktionen auf mich zu, die ich gerne unterstütze. Zudem kenne ich durch meine Herkunft und meine Zeit in Orenburg viele Leute, die extrem betroffen sind. Daher beschäftigt mich der Krieg nach wie vor sehr.

myTischtennis.de: Das Benefizspiel wird Teil deines Comebacks nach langer Pause sein. Wir haben dich wegen deiner Verletzung und Operation am Knöchel seit September nicht mehr am Tisch gesehen. Warum hat es so lange gedauert, bis du wieder einsatzbereit warst? 

Dimitrij Ovtcharov: Es war schon ein etwas größerer Eingriff, als ich es vorher vermutet hatte. Da musste ich Geduld haben in der Zeit nach der OP. Deshalb wollte ich meinen Fuß bewusst noch etwas schonen und warten, bis ich voll belastbar bin. 

myTischtennis.de: Ein Dreivierteljahr Wettkampfpause ist für einen Sportler eine sehr lange Zeit. Wie bist du damit umgegangen?

Dimitrij Ovtcharov: Das war sehr schwer für mich. Angefangen mit meiner Absage der WM, wo ich nach den Olympischen Spielen als Topkandidat für die Medaillenränge gestartet wäre. Da wäre viel möglich gewesen, zumal ich gegen Fan Zhendong ganz gut spiele. Das wäre sicherlich eine gute Chance gewesen. Dann hatte ich am Anfang des Jahres die Hoffnung, zurückkommen zu können, bevor der erneute Rückschlag kam. Insgesamt war es eine lange Zeit, welche aber für diese Verletzung nicht ungewöhnlich ist. Seit etwa einem Monat stehe ich wieder am Tisch und freue mich, den Trainingsalltag wieder aufgenommen zu haben, auch wenn ich bis zur Topform noch Zeit und Geduld brauchen werde. 

myTischtennis.de: Was würdest du sagen, wie weit bist du aktuell schon wieder? In dieser Woche fährst du ja zum WTT Contender in Lima. Mit welchem Ziel gehst du in dieses Turnier?

Dimitrij Ovtcharov: Vor allen Dingen gehe ich mit Vorfreude in den Wettbewerb. Und mit dem schönen Gefühl, dass der Körper wieder bereit ist. Das Turnier in Lima und auch die DM in Saarbrücken dienen vor allem dazu, wieder reinzufinden und wieder ein Wettkampfgefühl zu bekommen. Es wäre nicht klug, direkt mit dem Grand Smash in Ungarn oder der EM in München zu starten, ich muss erst mal wieder zur Routine zurückfinden. In Lima sehe ich mich deshalb auch nicht im Favoritenkreis. Ich werde auf jeden Fall mein Bestes geben. Die sportlichen Ziele werden aber jetzt erst mal nach hinten gestellt, da werden die EM und vielleicht auch das Grand Smash entscheidender für mich sein. Ich brauche jetzt Training und vor allem auch Wettkämpfe, um zur alten Form zurückzufinden.

myTischtennis.de: Deine deutschen Fans freuen sich außerdem, dass du nächste Saison für einen deutschen Verein, den TTC Neu-Ulm, spielen wirst - und auch eine Lizenz für die TTBL bekommen hast. Mit welchem Gefühl schaust du auf die kommende Ligasaison?

Dimitrij Ovtcharov: Vor sechs Monaten hätte ich selbst nicht gedacht, dass das passieren wird und ich nach Deutschland zurückkehre. Schließlich hatte ich in Orenburg sehr gute Strukturen. Aber jetzt freue ich mich auf den neuen Verein, der extrem ambitioniert ist und eine tolle Mannschaft hat. In der deutschen Liga war Düsseldorf in den letzten Jahren immer sehr stark. Ich glaube ein weiterer Top-Verein steht der TTBL gut zu Gesicht. Ich werde gerade am Anfang wahrscheinlich einige Partien in der TTBL spielen, wie viele genau, kann ich aber noch nicht sagen. Auch der Pokalwettbewerb ist für uns sehr wichtig. Ich freue mich gerade enorm, wieder in Deutschland zu spielen.

myTischtennis.de: Ist Neu-Ulm in Bestbesetzung - also in der Champions League - denn überhaupt zu schlagen?

Dimitrij Ovtcharov: Zu schlagen ist man immer. Aber wir werden schon favorisiert sein. Diese Rolle bin ich in der Champions League von meiner Zeit in Orenburg gewohnt - und wir haben die Liga in zehn Jahren fünf Mal gewonnen. Der Titelgewinn ist auch das Ziel von Neu-Ulm, aber die Spiele müssen alle erst einmal gespielt werden. 

myTischtennis.de: Wann wird die Mannschaft mal zusammenkommen?

Dimitrij Ovtcharov: Nach den Turnieren in Lima und Kroatien werden wir uns in Neu-Ulm treffen und zusammen trainieren. Das wird, wenn Turniere in Europa stattfinden, immer wieder passieren, so dass wir auch längere Trainingsphasen zusammen haben werden.

myTischtennis.de: Eine Frage aus der vergangenen Saison ist allerdings noch immer nicht beantwortet: Wie geht die ETTU nun mit dem Ausschluss von Orenburg und Jekaterinburg aus der Champions League um? Was würdest du sagen, wenn nun das zweite Halbfinale plötzlich doch noch ausgetragen werden sollte?

Dimitrij Ovtcharov: Am Ende ist es eine sportpolitische Entscheidung, aber es wäre ein schlechtes Zeichen. Dabei ist das Thema eigentlich schon vom Tisch: Wir haben Mitte Juni, am 30. Juni endet die Saison - da wird wohl kein Spiel mehr stattfinden. Ich rechne damit, dass entweder Düsseldorf zum Sieger erklärt wird oder die Saison annulliert wird. Eine andere Möglichkeit sehe ich nicht. Tischtennis sollte es auch nicht im Alleingang entscheiden, es sollte eine bindende sportübergreifende, sportpolitische Entscheidung geben. 

(JS)

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