Olympia 2021

Analyse: Die Erfolgsrezepte gegen Südkorea und Taiwan

Heute nahmen Lennart Wehking und Martin Adomeit die Spiele unter die Lupe (©myTT)

03.08.2021 - Auch heute waren die Spiele der Deutschen bei den Olympischen Spielen in Tokio nichts für schwache Nerven. Die Damen bogen einen 1:2-Rückstand gegen Südkorea in einen 3:2-Sieg um, die Herren bezwangen Taiwan mit 3:2. Die packenden Spiele analysieren für uns der frühere Damen-Bundestrainer (1997 bis 2000) und heutige freiberufliche A-Lizenz-Trainer Martin Adomeit sowie Zweitligaspieler und TTVN-Landestrainer Lennart Wehking.

Martin Adomeit über den Viertelfinalsieg der deutschen Damen: "Die größere mannschaftliche Geschlossenheit hat sich im Viertelfinale gegen Südkorea ausgezahlt. Obwohl das Team mit 1:2 zurücklag, steht es nun im Halbfinale der Olympischen Spiele in Tokio. Die Nerven von  Han Ying und Shan Xiaona haben gehalten. Sie gewannen ihre Einzel, in denen sie von der Papierform her favorisiert waren, aber nach der Führung der Südkoreanerinnen auch gewinnen mussten.

Die Ausgangslage vor dem Spiel war klar: Im Einzel sollten die Deutschen die größere Ausgeglichenheit haben, wenn alles normal läuft. Aber was heißt das schon im Viertelfinale der Olympischen Spiele, zumal die Mannschaftsbegegnungen bekanntlich mit dem Doppel beginnen und die Südkoreanerinnen hier traditionell recht stark sind. Aber das deutsche Team hat ja die immerhin auch die Einzel-Europameisterin in der Mannschaft. In den ersten vier Sätzen gewannen im Duell zweier Links/Rechtskombinationen auch beide Teams die Sätze, in denen sie leicht besser standen. Im fünften Satz variierten Shan/Solja aber nicht mehr genug und mussten so dem größeren Druck der Südkoreanerinnen klar Tribut zollen. 

So stand Han Ying gleich in ihrem ersten Einzel erstmals unter Druck. Dieser war ihr jedoch kaum anzumerken. Sehr souverän besiegte sie Choi Hyo Joo in drei Sätzen. Dabei hielt sie die Koreanerin auf der VH-Seite und gegen die RH-Abwehr konnte die Linkshänderin einen zweiten Topspin eigentlich nie erfolgreich auf den Tisch bringen. Han Ying war sehr sicher, fischte immer wieder den ersten Topspin und war dann hochüberlegen. Als die Koreanerin versuchte, mit höheren, leichten Spins nachzugehen, übernahm Han Ying sofort mit Gegenangriffen. Der Ausgleich war vor dem Duell der Spitzenspielerinnen zwischen Solja und Jeo Ji Hee geschafft. In diesem Spiel der Linkshänderin war die Koreanerin deutlich druckvoller und Solja schaffte es zu selten, mit parallelen Seitenwechseln das Spiel zu bestimmen. Im zweiten Satz hatte Solja bei 11:10 die Chance, die Partie an sich zu reißen. Als dies misslang, hatte die Koreanerin endgültig Oberwasser. Deutschland lag mit 1:2 zurück.

Han Ying hatte sich in Person von Youngster Shin Yubin mit einer 17-Jährigen auseinanderzusetzen. Hier musste Han Ying schon alles auspacken. In einem Spiel auf hohem Niveau spielte Han Ying im dritten und vierten Satz sehr mutig und variabel. Mit immer wieder eingestreuten Angriffsbällen und aktiven Platzierungswechseln zwang sie Shin Yubin zu immer mehr Fehlern und schaffte so den Ausgleich. Und so lag alle Last auf den Schultern von Shan Xiaona. Mit sehr sicherem Blockspiel aus der RH-Seite schickte sie Choi Hyo von Ecke zu Ecke und immer wenn die Koreanerin mal in Mitte oder Vorhand platzierte, schlug Shan hart zu. Zwei klare Satzgewinne folgten und dann ließ sie ihre Mannschaftskolleginnen im dritten Satz nochmal kurz zittern, als sie 6:9 hinten lag. Fehlerfrei übernahm sie dann wieder die aktivere Rolle."

Martin Adomeit über das anstehende Halbfinale gegen China: Gegen China sind die deutschen Damen nun krasser Außenseiter. Eine der Topchinesinnen zu bezwingen, ist schon schwer. Aber sie gleich als Team zu schlagen, gleicht einer Utopie. Genau dies ist die Minichance der deutschen Damen. Sie können völlig befreit aufspielen, während der Druck des Siegens komplett bei den chinesischen Damen liegt. Im Sport ist bekanntlich alles möglich und Bundestrainerin Jie Schöpp kann ihren Spielerinnen vielleicht von 1994 erzählen. Damals war sie Teil des Teams, welches das Wunder schaffte und China im Halbfinale des World Team Cups mit 3:2 bezwang. Oder von ihrem Sieg über Deng Yaping, die eine Ewigkeit ungeschlagen war. Oder von 1997, als deutsche Spielerinnen beim Einzelwettbewerb der WM in Manchester gleich drei Chnesinnen bezwangen. Also Beispiele gibt es und morgen wäre doch ein schöner Tag für das Wunder im 21. Jahrhundert!"

Lennart Wehking über den Viertelfinalsieg der Herren: "Das war ein super Spiel, einen Riesenglückwunsch an das deutsche Team, alle waren am Sieg beteiligt. Die mannschaftliche Geschlossenheit war auch bei den Taiwanern die ganz Zeit über zu spüren. 

Was Lin Jun-Yu da bei Olympia abspult, ist unheimlich gut. Was er gegen Dima gespielt hat nach 5:7 im fünften Satz, ist unheimlich gut. Diese Bälle danach zum 11:7 waren für mich symptomatisch – wie gut er wirklich mittlerweile spielt, was für ein unglaublich hohes Grundniveau er hat. Dass alle Topspieler wirklich ihr allerbestes Tischtennis spielen müssen, um gegen ihn zu punkten, ist erstaunlich. Lin ist so solide, auch im Spiel gegen Franziska war er das. Ich habe 'Franz' lange nicht so gut, so aggressiv, so offensiv spielen sehen wie in Teilen von Satz eins und zwei, doch Lin hat gerade in den knappen Situationen immer noch eins drauf gesetzt. Das war schon stark, eine Riesenleistung von ihm.

Dennoch hat das deutsche Team es geschafft, sich nicht unter Druck setzen zu lassen von den zwei Einzelsiegen. Das Doppel Boll/Franziska fand ich super stark, sehr harmonierend, offensiv nach vorne spielend, nicht verhalten spielend. Vor allem gegen die starken Rückschläge der Taiwaner sind sie immer voll drauf gegangen. Sie haben super variiert im Aufschlag-Rückschlagspiel, sind in den Rallys gut gewesen.

Timo war Chen Chien-An sehr überlegen, war sehr beweglich gegen ihn, sehr schnell auf den Beinen, hat den ganzen Tisch mit Vorhand abgedeckt. Er hat sich in Topform präsentiert. Dima im letzten Spiel gegen Chuang hat sehr souverän agiert nach der bitteren Niederlage gegen Lin vorher. So zu dominieren im entscheidenden Einzel, immer wieder mit wirklich festen Bällen aus Rückhand und Vorhand das Tempo hochzuhalten, sodass Chuang gar nicht in sein gefährliches Spin-Spin-Spiel reinkam, das war beeindruckend. 

Auffällig war für mich im Mannschaftsspiel wieder, wie taktisch gut die deutschen Herren eingestellt waren. Ich hatte immer das Gefühl, dass sie eine Idee, einen Matchplan hatten, auch einen Plan für die einzelnen Ballwechsel, die einzelnen Schlagkombinationen. So gingen sie oft offensiv an die Sache heran, standen richtig, gingen hohes Risiko. Dadurch kann es natürlich zu Fehlern kommen, aber von der Grundausrichtung ist es genau richtig. Aus dem Aufschlag-Rückschlag gut herauszugehen, aggressiv lang aufzulösen als Erster, kompromisslos auf die nicht ganz so guten Eröffnungen der Gegner zu gehen, das war auffällig. Dima, Timo und 'Franz' wirken sehr spritzig und schnell am Tisch. Das spricht dafür, dass sie in Topform sind, was gegen Japan auch von Nöten sein wird."

Lennart Wehking über das anstehende Halbfinale der Herren: "Das wird ein großartiges Match gegen Gastgeber Japan, ich freue mich sehr darauf. Ich schätze die Chancen auf 50:50 ein, nach der heutigen Leistung sehe ich Deutschland knapp vorne, weil alle drei auf Topniveau gespielt haben und das sicherlich halten werden."

Die Spiele der Deutschen in der Übersicht:

Damen-Team

Viertelfinale

Südkorea - Deutschland 2:3
Shin Yubin/Jeon Jihee - Shan Xiaona/Petrissa Solja 3:2 (-9,8,-6,6,3)
Choi Hyojoo - Han Ying 0:3 (-3,-3,-8)
Jeon Jihee - Petrissa Solja 3:0 (6,11,3)
Shin Yubin - Han Ying 1:3 (-6,10,-6,-9)
Choi Hyojoo - Shan Xiaona 0:3 (-8,-6,-9)

Herren-Team

Viertelfinale

Taiwan - Deutschland 2:3
Chuang Chih-Yuan/Chen Chien-An - Patrick Franziska/Timo Boll 1:3 (-0,6,-6,-10)
Lin Yun-Ju - Dimitrij Ovtcharov 3:2 (-10,12,7,-12,7)
Chen Chien-An - Timo Boll 0:3 (-4,-4,-6)
Lin Yun-Ju - Patrick Franziska 3:0 (9,11,6)
Chuang Chih-Yuan - Dimitrij Ovtcharov 0:3 (-8,-9,-7)

(DK)

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