Buntes

Das wurde aus Europapokalsieger SSV Reutlingen

Manfred Grumbach erlebte die erfolgreichen Zeiten mit und spielt heute noch in der dritten Reutlinger Mannschaft. (©Verein)

23.02.2021 - Über 20 Jahre spielte der SSV Reutlingen in der Tischtennis-Bundesliga. In dieser Zeit fuhr der Traditionsverein unzählige sportliche Erfolge auf nationaler und internationaler Ebene ein. 2021 feiert die Tischtennis-Abteilung ihr 75-jähriges Bestehen. Anlässlich des Jubiläums werfen wir in unserer Serie ‚Ehemalige BL-Vereine‘ einen Blick auf den Glanz alter Tage und beleuchten die heutige Situation der Baden-Württemberger.

Mikael Appelgren, Ulf Thorsell, Peter Stellwag, Peter Engel, Friedrich Haase, Manfred Baum, Heinz Schlüter, Reinhard Sefried, Peter Auwärter oder Guo Yuehua. Diese Namen werden jedem historisch bewanderten Tischtennisliebhaber mit Sicherheit ein Begriff sein. All diese Größen trugen einen bedeutenden Teil zur erfolgreichen Ära des SSV Reutlingen bei. Der Aufschwung begann 1966, exakt 20 Jahre nach Gründung der Sparte Tischtennis. Als Meister der Oberliga Süd errang der Klub die Spielberechtigung für die neu geschaffene Bundesliga. Manfred Grumbach war damals noch als Spieler dabei, ehe er die Reutlinger beim zweiten Aufstieg 1973 als Spielertrainer zurück ins Oberhaus führte. Der heute 77-Jährige begleitete die erste Mannschaft während der glorreichen Epoche fortan knapp zwei Jahrzehnte als Coach und Manager. Das Urgestein erlebte die eine oder andere ausgelassene Titelfeier mit.

Essensgeld und Spitzenspiele vor bis zu 2.500 Zuschauern

Reutlingen gewann 1977 die deutsche Mannschaftsmeisterschaft und wurde viermal deutscher Pokalsieger (1976, 1977, 1980, 1981). Auf europäischer Bühne folgten ein Sieg im europäischen Messepokal (1980) sowie zwei Triumphe im Europapokal (1982, 1983). Bis zum Rückzug des ersten Namenssponsors – einem hiesigen Unternehmen aus der Textilindustrie – ging der Verein ab 1978 als SSV Heinzelmann Reutlingen an den Start. 1990 sorgte der finnische Büromöbelhersteller Martela als neuer Geldgeber für die nächste Umbenennung. Dennoch war ein Jahr später der Abstieg in die Zweitklassigkeit nicht zu verhindern. Und es kam noch schlimmer: Im Dezember 1991 ermittelte das Finanzamt aufgrund früherer Unregelmäßigkeiten gegen den Klub. Der Hauptsponsor verkündete seinen sofortigen Abschied, woraufhin der SSV Reutlingen trotz Meisterschaft in der zweiten Liga aus dem Profibereich in die Oberliga zurückziehen musste. 

„Der finanzielle Druck war zu groß“, blickt Manfred Grumbach auf die schweren Stunden zurück. Bezahlte Spieler gibt es in Reutlingen seitdem nicht mehr. „Den Weg gehen wir bis heute. Früher haben wir bei Heimspielen 15 D-Mark Essengeld bekommen, bei Auswärtsspielen 30. Das war’s“, so der 77-Jährige. Dimensionen wie diese wären knapp 30 Jahre später unvorstellbar. Auch wenn die einstige TT-Hochburg nicht mehr besteht, erinnert sich Grumbach gerne an die Blütezeit zurück. Dass mehrere Topspieler beim SSV unter Vertrag standen, macht den Ruheständler stolz. Besonders die Partien zwischen Appelgren und Jan-Ove Waldner hält er in besonderer Erinnerung (siehe Video 1 unten im Artikel: Bundesligaspiel gegen ATSV Saarbrücken). Unvergessen seien auch die Spitzenspiele gegen Düsseldorf, in denen sich Desmond Douglas und Peter Stellwag vor teilweise bis zu 2.500 Zuschauern duellierten (siehe Video 2 unten im Artikel: Pokalfinale 1979/1980).

Manfred Grumbach reiste für Senioren-Turniere um die halbe Welt

„Es wurde noch mit Sechsermannschaften gespielt. Die Zuschauer saßen bis zu vier Stunden auf den Bänken und haben mitgefiebert.“ Die Heimspiele finden noch heute in der 1973 errichteten Oskar-Kalbfell-Halle im Stadtzentrum statt. Neben mehreren Landesmeisterschaften wurden dort auch bereits Länderspiele und Schaukämpfe ausgetragen. Seine früheren prominenten Teamkollegen traf Manfred Grumbach in jüngerer Vergangenheit bei diversen Welt- und Europameisterschaften der Senioren wieder. Die WM in Bordeaux fiel der Corona-Pandemie 2020 zum Opfer. „Wir waren in Japan, Rio oder Vancouver. Es war immer ein großes Highlight mit anschließender Urlaubsrundreise. Die Tischtennisfamilie ist sehr groß und die Gemeinschaft geht definitiv über den Sport hinaus“, so Grumbach, der dem Verein bis heute in verschiedenen Ämtern treu geblieben ist. 

Bis vor knapp zwei Jahren war der mit der „Dritten“ in der Kreisliga A weiterhin aktive Mannschaftsspieler noch stellvertretender Abteilungsleiter, bis die nächste Generation die Geschicke übernahm. „Ich bin nur noch Zuarbeiter und verfolge alles mit Wohlwollen und unterstütze weiterhin, wo es nur geht“, sagt das langjährige Mitglied. Gemeinsam mit der Hilfe von Tobias Nagel füllte Grumbach die neue Webseite kürzlich mit einer umfangreichen Chronik, bestehend aus alten Artikeln und Fotos aus Zeitungen oder Vereinsheften. Eine gute Außendarstellung sehen die Reutlinger als unheimlich wichtig an. Einerseits um wieder präsenter zu sein, andererseits, um neue Mitglieder dazuzugewinnen. Einfach ist es beileibe nicht, da es alleine in der TT-Region Reutlingen neben dem SSV fünfzehn weitere Vereine gibt. Durch den ausgelösten Boom in den 1970er Jahren ist Tischtennis im Zentrum Baden-Württembergs für viele noch immer eine der beliebtesten Sportarten.

Erste Mannschaft spielt heute in der Verbandsliga 

„Wir sind gerade dabei, die Jugendabteilung neu aufzubauen, nachdem die Entwicklung dahingehend etwas nachgelassen hat“, berichtet Tobias Nagel, der mit der zweiten Mannschaft in der Bezirksliga um Punkte kämpft. Die „Erste“ stand vor dem Saisonabbruch des TTBW auf Platz eins in der Verbandsliga Süd und möchte in Zukunft den Aufstieg in die höchste baden-württembergische Klasse in Angriff nehmen. „Die Oberliga ist aber eher ein langfristiges Ziel“, stellt Nagel klar. Umso glücklicher macht die Reutlinger derzeit die Tatsache, dass nicht nur die Abteilungsleitung enorm verjüngt wurde, sondern auch die „Erste“ aus vielen Spielern besteht, die schon in der Jugend beim SSV Reutlingen aktiv waren. Auch Nagel zählt zu den Eigengewächsen, die von der Rückkehr Markus Teicherts profitierten. 

Mit seiner Erfahrung als ehemaliger Bundesligaspieler und Trainer kurbelte A-Lizenz-Inhaber Teichert die Jugendabteilung Anfang der 2000er Jahre wieder an. Nach der Versenkung gelang der Abteilung so wieder ein großer Sprung nach vorne. Heute trainiert er die erste Mannschaft, der auch der ehemalige Zweitligaspieler Thomas Sefried angehört. Tobias Nagel will die Früchte ernten und den Wandel mit seinem Team weiter vorantreiben. Der 30-Jährige engagiert sich nicht nur bei der Webseitenbetreuung. Bei der Gewinnung neuer Sponsoren ist er mit ebenso viel Fleiß bei der Sache. „So gut es coronabedingt möglich ist, wollen wir für unser Jubiläum einige Aktionen auf die Beine stellen.“ Wenn der Spielbetrieb dann irgendwann wieder läuft, möchte man in Reutlingen den Glanz alter Tage auf lange Sicht wiederherstellen. Übrigens: Noch heute fragen manche Gegner nach den alten Geschichten. „Sie sind von den Anekdoten von damals fasziniert“, sagt Tobias Nagel, der sich eine rosige Zukunft beim SSV wünscht.

Zur Homepage des SSV Reulingen
Zum Vereinsprofil (click-TT)

(FKT)

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