Buntes

Olympia-Arzt Kass: „Hallen hätten früher geschlossen werden müssen“

Wäre bei der WM in diesen Tagen wieder im Einsatz gewesen: Dr. Toni Kass (©Thomas)

21.03.2020 - Eigentlich wäre Dr. Toni Kass gerade im südkoreanischen Busan, um die deutschen Spieler als Mannschaftsarzt bei der WM zu unterstützen, die morgen angefangen hätte. Nicht nur die WM in Asien wurde verschoben, auch das alltägliche Leben in Europa hat sich durch das Coronavirus komplett verändert. Im Interview spricht Kass u. a. darüber, wie groß die Ansteckungsgefahr beim Tischtennis ist und für wie realistisch er die Austragung der Olympischen Spiele (24. Juli bis 9. August) hält.

myTischtennis.de: Herr Kass, Wie notwendig war es Ihrer Meinung nach, dass aufgrund des Coronavirus vor kurzem alle Hallen geschlossen wurden? Hätte das schon früher geschehen sollen? 

Toni Kass: Das war absolut notwendig. Wir haben ja gesehen, dass „Social Distancing“ das einzige ist, was funktioniert. Die Chinesen haben es durchgezogen, bei ihnen hat das die Ausbreitung eingedämmt. In Deutschland sind wir jetzt schon zu spät dran. Wenn man sich die relative Zahl der Infizierten anschaut, dann hätten die Maßnahmen – hätte man hier genauso konsequent reagiert wie in China – eigentlich schon vor einer Woche getroffen werden müssen. 

myTischtennis.de: Wie groß ist die Ansteckungsgefahr beim Tischtennis. Ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man sich ansteckt, wenn der Gegner infiziert ist, weil beide z. B. den Ball anfassen?

Toni Kass: Nein, über den Ball sollte es normalerweise nicht zu einer Ansteckung kommen. Es geht dann eher um den Kontakt, den man generell vor und nach dem Spiel hat. Man geht davon aus, dass große Ansteckungsgefahr besteht, wenn man 15 Minuten lang weniger als einen Meter Abstand zu einer infizierten Person hält und sich beispielsweise face-to-face unterhält. Das ist zwar beim Tischtennis nicht der Fall. Jetzt aber zu sagen, nur die Kontaktsportarten dürften nicht ausgeübt werden, wäre unfair und würde nicht dem so wichtigen Gedanken des Social Distancing entsprechen.

myTischtennis.de: Noch wird an der Austragung der Olympischen Spiele im Juli und August festgehalten. Ist dieser Plan realistisch?

Toni Kass: Nein. Genau kann es zwar keiner sagen, aber es ist unwahrscheinlich, dass sich das Corona-Problem bis dahin gelöst hat. Zwei, drei Monate Lockdown, wie China es vorgemacht hat, werden wahrscheinlich notwendig sein. Damit wird des mit dem Zeitplan für die Spiele sehr knapp. Und schon jetzt verzerren sich durch den Lockdown die Qualifikationsmechanismen für die Sportler. Weder das gewohnte Training noch die für die Qualifikation notwendigen Turniere können stattfinden. Auch in anderen Sportarten – ich erlebe es gerade beim Beachvolleyball, wo sich eine von mir betreute Athletin noch qualifizieren muss – hadert man mit der ausgefallenen Saison.

myTischtennis.de: Gibt es aus medizinischer Sicht Szenarien, die eine Austragung des Turniers zu einem späteren Zeitpunkt im Jahr möglich machen würden?

Toni Kass: Nein, ein richtiges Szenario gibt es wohl nicht. Aus Japan kam eine Stimme, die eine Verlegung ins Jahr 2022 gefordert hat. Das halte ich für realistisch. Da, wie angesprochen, in manchen Sportarten die Qualifikationssituation komplett verzerrt wäre, würde auch eine Verlegung um wenige Monate nicht ausreichen. 

myTischtennis.de: Ab welchem Zeitpunkt wird es Ihrer Meinung nach wieder Sinn machen, Spieler wieder in die Hallen zu lassen – sowohl im Amateur- als auch im Profibereich?

Toni Kass: Sobald die Ansteckungswelle abgeebbt ist. Wir müssen mindestens die Situation haben, die man jetzt gerade in China vorfindet. Die haben es geschafft, die weitere Ausbreitung im Land zu verhindern, zumindest wenn man den Zahlen glauben kann, die vorliegen...

myTischtennis.de: Halten Sie es für realistisch, dass die Saison im Mai/Juni in beiden Lagern zu Ende gespielt werden kann und dann auch wieder internationale Turniere stattfinden?

Toni Kass: Derzeit steigen die Infektionszahlen auf der ganzen Welt – außer in China und einigen anderen asiatischen Staaten – noch exponentiell an, deswegen ist eine genaue Vorhersage unmöglich. Diese Pandemie kann und wird aber die ganze Welt noch über Monate beschäftigen. Hoffentlich habe ich Unrecht, aber ich rechne persönlich nicht damit, dass der Spielbetrieb in dieser Saison wieder aufgenommen werden kann. in der letzten Woche habe ich es schon in einem Telefonat zu unserem Sportdirektor Richard Prause gesagt: Meiner Einschätzung nach ist Ricardo Walther einer der wenigen Sportler überhaupt, die sich „Deutscher Meister 2020“ werden nennen können. 

(DK)

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