WM 2019

Teamarzt Toni Kass: „Timo blutet das Herz“

Teamarzt Toni Kass hat den Tag an Timo Bolls Bett verbracht (©Thomas)

25.04.2019 - So möchte niemand aus einem Turnier ausscheiden: mit Fieber ans Bett gefesselt und nicht in der Lage, in die Box zu steigen. Timo Boll war heute dazu gezwungen, sowohl im Einzel als auch im Doppel seine Spiele abzusagen. Wir sprachen mit Teamarzt Toni Kass über seinen Zustand und auch über die Lage bei Patrick Franziska, der sich gestern am Zeh verletzte, heute aber trotzdem noch die Chance hat, mit Petrissa Solja ins Mixedfinale einzuziehen.

myTischtennis.de: Bei solch einer großen Medaillen- und eventuell sogar Titelchance ist klar, dass die Entscheidung, dass Timo Boll heute nicht spielt, nicht leichtfertig getroffen wurde. Wie schlimm ist es genau?

Toni Kass: Heute Morgen hatte er 38,9° Fieber. Und es ist dann heute im Laufe des Tages - selbst unter fiebersenkenden Maßnahmen - noch weiter auf 39,2° gestiegen. Deshalb war es völlig ohne Zweifel, dass er nicht spielt. Er hat sich wohl eine Superinfektion eingefangen - einen Virus mit einer darüber hinausgehenden bakteriellen Infektion. 

myTischtennis.de: Wie ist das hohe Fieber denn jetzt so plötzlich gekommen? Gestern wirkte er noch ganz fit und fidel.

Toni Kass: Gestern hatte er mal gesagt, dass er eine Erkältung kriegt. Also habe ich ihm ein paar Vitamine gegeben. Heute Morgen rief er dann an, dass er in der Nacht Schüttelfrost bekommen hat. Zuerst hatten wir noch den Plan, es mit einem Antibiotikum und fiebersenkenden Mitteln irgendwie hinzukriegen, dass er spielen kann. Aber er liegt jetzt noch im Bett, hat sich übergeben. Also, an Spielen ist nicht zu denken.

myTischtennis.de: Trifft solch eine schwere Entscheidung, nicht zu starten, der Spieler selbst oder sagt dann der Arzt: Es ist egal, was du sagst, du spielst nicht!?

Toni Kass: In dem Fall war das keine Frage. Aber rein rechtlich gesehen, darf ein Spieler das alleine entscheiden. Im Behindertenbereich, in dem ich auch tätig bin, ist das anders. Da braucht der Sportler für jedes Turnier eine Bescheinigung vom Arzt, dass er starten darf. Aber das ist im Regelsport nicht so. Da liegt die Verantwortung beim Spieler selbst. Aber bei Timo war das keine Frage.

myTischtennis.de: Wie gefährlich wäre es denn, wenn man mit Fieber Sport macht?

Toni Kass: Massiv, mit Fieber darf man keinen Sport treiben. Das kann schwere Herzschäden verursachen, absolut ausgeschlossen. Wenn man mal einen Schnupfen hat, kann man meinetwegen spielen, aber ab 39° ist das Ganze ja auch sicher bakteriell und da ist jegliche Form von Sport nicht gut. 

myTischtennis.de: Wie sah euer Tag bisher aus?

Toni Kass: Bis auf zehn Minuten Pause habe ich den ganzen Tag an Timos Bett verbracht. Ich habe ihm mehrfach Wadenwickel gemacht, Antibiotikum und fiebersenkende Mittel gegeben. 

myTischtennis.de: Ich kann mir vorstellen, dass die Stimmung im Team nicht all zu gut ist. Wie ist sie denn bei ihm selbst?

Toni Kass: Ihm blutet natürlich das Herz, das war eine einmalige Chance: Er hatte eine gute Auslosung, stand gut im Turnier, hat konzentriert gespielt. Aber er ist Profi genug, zu sagen, dass die Gesundheit vor geht. Er erinnert sich an ein paar frühere Situationen, in denen er krank gespielt hat. Er hat sich danach aber wohl immer geärgert und sich gesagt, dass nicht noch einmal zu tun. 

myTischtennis.de: Kommen wir zum anderen Sorgenkind im deutschen Team, Patrick Franziska. Was ist denn da gestern überhaupt im Viertelfinale passiert?

Toni Kass: Er ist mit dem großen Zeh umgeknickt und hat sich so eine Verstauchung im Großzehengrundgelenk mit einer vermuteten Sehnenzerrung zugezogen. Zum Glück konnten wir das mit Eis und Tape gestern so stabilisieren, dass er weiterspielen konnte. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man mit einer Verletzung sogar einen leichten psychologischen Vorteil hat. Jedenfalls hatte ich diese Situation im Tischtennis schon einige Male - und nur einmal hat der Spieler das Match nach der Verletzungspause noch verloren.

myTischtennis.de: Was habt ihr nach dem Spiel gemacht und wie geht es ihm heute? Kann er das Mixed spielen?

Toni Kass: Ich habe eine Neurostimulationsbehandlung angewandt, dann hat er noch eine osteopathische Behandlung bekommen. Aber es geht ihm gut, er kann spielen. Er ist vielleicht leicht gehandicapt, aber im Spiel gehe ich davon aus, dass er es wahrscheinlich gar nicht merkt.

(JS)

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