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China-Experte Sommer: „Vermutlich Karriereende von Ma/Xu“

Wie hart wird der Verband Ma Long und Co. bestrafen? (©Fabig)

07.07.2017 - Welche Folgen hat der Boykott bei den China Open für Ma Long, Fan Zhendong und Xu Xin? Was hat es zu bedeuten, dass sie spontan nicht zu den Australian Open gefahren sind? Von hier aus sind diese Fragen schwer zu beantworten. Also haben wir sie Christian Sommer, einem wahren China-Experten, gestellt, der nicht nur seit 20 Jahren im Reich der Mitte lebt und Leiter des German Centres Shanghai ist, sondern selbst auch aktiv Tischtennis spielt und somit ein Auge auf die Szene hat.

myTischtennis.de: Wenn in Deutschland ein Tischtennisspieler zu einem Spiel nicht erscheinen würde, um ein Zeichen zu setzen, würde das wohl so ziemlich niemanden interessieren. Welche Kreise zieht das in China, wenn so etwas im Tischtennis passiert?

Christian Sommer: Sollten Timo und Dimitrij bei den German Open mitten im Turnier aus Protest gegen Verbandsentscheidungen nicht antreten, würde dies vermutlich auch bei uns in der Tagespresse erscheinen. Allerdings ist Tischtennis in China Nationalsport und hat damit dort den vergleichbaren Stellenwert wie Fußball bei uns. Solch ein Protest der führenden Nationalspieler Ma Long, Xu Xin und Fan Zhendong geht natürlich durch die chinesische Presse und die sozialen Netzwerke und schlägt dort hohe Wellen. Denn dies ist meines Wissens ein einmaliger Vorfall. Für den chinesischen Tischtennisverband kommt dies einem großen und peinlichen Gesichtsverlust gleich. Dementsprechend wird es Konsequenzen für die drei Spieler geben. Der Verband wird alles dafür tun, dass dies ein einmaliger Vorfall bleibt. Unabhängig davon wird auch die ITTF dieses unsportliche Verhalten sanktionieren müssen.

myTischtennis.de: Inwiefern war dieser Protest einmalig? Nur auf den Tischtennissport bezogen oder auch prinzipiell?

Christian Sommer: Das ist schwer, für alle Sportarten zu beurteilen – bei Sportarten mit geringer nationaler Bedeutung würde man dies womöglich nicht mitbekommen. Aber Tischtennis, das ist sehr groß in China. Und dann passiert der Protest auch noch bei den China Open - und nicht bei einem unwichtigen Turnier! Das macht die Sache doppelt bedeutsam. Früher gab es schon Fehltritte von einzelnen chinesischen Tischtennisspielern, die dann auch eine Reaktion vom Verband nach sich gezogen haben. Das waren allerdings allgemeine Fehlverhalten, nicht gegen den Verband gerichtet. Jetzt hat der Verband einen Schlag „medial“ ins Gesicht bekommen. Ich bin mir nicht sicher, ob die drei Spieler sich über die drohenden Konsequenzen wirklich voll bewusst waren.

myTischtennis.de: Von welchen drohenden Konsequenzen gehen Sie denn aus?

Christian Sommer: Zunächst: Die Spieler haben sich öffentlich entschuldigt und angekündigt, dass sie sich bessern werden. Das hilft in jedem Fall. Ich gehe dennoch davon aus, dass sie mit finanziellen Strafen zu rechnen haben, so wie etwa Zhang Jike, als er einmal nach dem Zerreißen seines Trikots sein Preisgeld zurückgeben musste. Zudem könnte sich das chinesische Nationalteam verändern. Entweder, indem die Spieler einfach nicht mehr gefördert werden, zum Beispiel nicht mehr am Training teilnehmen dürfen, und dadurch automatisch schlechter und von Nachwuchsspielern, die nun aufgebaut werden, überholt werden. Oder, indem sie sogar ganz aus dem Verkehr gezogen werden. Dass Ma, Fan und Xu nicht zu den Australian Open gefahren sind, war in meinen Augen die erste öffentlichkeitswirksame Strafmaßnahme und eine klare Ansage, in welche Richtung das Ganze geht. Sie wurden erst einmal aus dem internationalen Verkehr genommen. Ob sie wieder zurückkommen dürfen, hängt davon ab, ob neue Spieler nachkommen. Denn natürlich will China nicht plötzlich nur noch die Nummer zwei in der Welt sein. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass das neue Trainerteam versuchen wird, die Mannschaftsspitze zu verändern. 

Bitte nicht vergessen: Der Verband hat gerade nicht nur eine, sondern zwei Katastrophen zu managen: diese Protestaktion und den Eklat um Kong Linghui. Das führt meines Erachtens eher zu einer härteren Entscheidung, man will Führung beweisen. Ich sehe aktuell nicht, dass Lius Versetzung revidiert würde, somit werden seine Nachfolger drei neue Spieler aufbauen. Vielleicht hat Fan Zhendong noch die besten Chancen, im Team zu bleiben, weil er noch sehr jung und noch nicht so lange dabei ist. Für Xu Xin und Ma Long dürfte diese Aktion vermutlich das Ende der Karriere in der Nationalmannschaft bedeuten, jedenfalls eingeleitet haben. 

myTischtennis.de: Die sehr förmliche Entschuldigung wurde ja von allen drei Spielern auf Weibo veröffentlicht. Es wurde gemutmaßt, dass sie eventuell vom Verband angeordnet, womöglich sogar formuliert wurde. Was meinen Sie dazu? 

Christian Sommer: Das liegt im Bereich der Spekulation. Auch in der Formel 1 hat sich Sebastian Vettel offensichtlich schweren Herzens bei seinem Kontrahenten für seinen Rempler entschuldigt, um größeren Strafen aus dem Weg zu gehen. Jedenfalls bin ich sehr sicher, dass die drei Nationalspieler ihre Entscheidung, nicht anzutreten, vorher nicht voll überlegt haben, sondern weit über 50 % emotional gesteuert gehandelt haben. In dem Moment fühlte es sich für sie richtig an, aber die Folgen - nicht nur beim nationalen, sondern auch beim internationalen Verband - waren ihnen nicht bewusst. Vielleicht haben sie auch ihre Bedeutung als die drei besten Spieler der Welt überschätzt oder fühlten sich in der Dreier-Gruppe sicherer vor Sanktionen. Der Impuls für die Entschuldigung mag von oben gekommen sein, aber gegen den Willen der Spieler hat der Verband weder solch ein Schreiben (vor)formuliert, noch im Namen der Spieler veröffentlicht. Ich denke schon, dass es den Dreien wirklich leid tut. Sie hätten ihren Protest gegen die Versetzung ihres Trainers auch nur über die sozialen Medien verbreiten können. Aber dies bei einem internationalen Turnier zu tun, war einfach nicht clever. Wer protestiert, möchte in der Regel auch etwas erreichen. Doch wenn man den Verband so unter Druck setzt und ihm sein Gesicht nimmt, was für eine Reaktion kann man dann erwarten? Zudem glaube ich nicht, dass die Spieler sagen: Wenn Liu Guoliang nicht mehr unser Trainer ist, wollen wir nicht mehr spielen.

myTischtennis.de: Die Zuschauer in der Halle haben nach dem Nichterscheinen ihrer Stars Liu Guoliangs Namen gerufen. Wie bewerten Sie das?

Christian Sommer: Dem würde ich nicht zu viel Bedeutung beimessen. Das war eine spontane Kundgebung ihrer Meinung. Das chinesische Publikum reagiert emotional, das ist ganz normal - und auch nicht anders als bei uns. Dass die Zuschauer Lius Namen gerufen haben, würde ich eher als Wertschätzung seiner Person sehen, als auf mögliche Hintergründe abzuzielen.

myTischtennis.de: Nehmen wir an, Ma Long, Xu Xin und Fan Zhendong, also die Topstars des chinesischen Teams, würden tatsächlich langsam, aber sicher aus der Nationalmannschaft hinausmanövriert. Ist da nicht mit Protest der chinesischen Fans zu rechnen?

Christian Sommer: Nein. Der chinesische Tischtennisverband ist professionell, sonst wäre er nicht über Jahrzehnte erfolgreich. Wenn der Verband eine Entscheidung trifft, wird er sie auch für die Öffentlichkeit nachvollziehbar erklären. Ich glaube, dass die Fans keinerlei Interesse daran haben, dagegen zu protestieren. Und Liu Guoliangs Nachfolger werden vielleicht genauso erfolgreich sein. Es gibt schließlich eine Menge guter Leute, die nachrücken können.

myTischtennis.de: Im Hintergrund von Lius Versetzung soll es um Machtspielchen auf noch höherer Ebene gegangen sein. Was halten Sie von dieser Theorie?

Christian Sommer: Das ist durchaus möglich, aber darüber will ich nicht spekulieren. Vermutlich gibt es in jedem großen Verband irgendwelche Machtspielchen - das ist bei uns in Deutschland nicht anders. Oder man schaue sich nur einmal die FIFA an. Das wäre also keine Besonderheit und damit weder ein china- noch tischtennisspezifisches Phänomen.

(JS)

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