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Jans Blog: Die Steinplatte und Co. als Chance

Wie kann der Wettkampfsport vom Freizeitsport profitieren? (©Flickr/ITTFWorld)

27.06.2016 - Tischtennis erfreut sich als Freizeitsport mittlerweile immer größerer Beliebtheit. Ob in Firmenbüros, Bars oder an der guten alten Steinplatte – gespielt wird fast überall. Der Wettkampf- und Vereinssport auf der anderen Seite tut sich dagegen etwas schwer, neue Leute zu begeistern. Dass sich durch den boomenden Freizeitsport Chancen für den Wettkampfsport ergeben, erklärt Jan Lüke in seinem Blog.

Zufälle gibt’s! Als ich angefangen habe, diesen Beitrag zu schreiben, saß ich in einem Café. Einem dieser hippen Großstadt-Lädchen, in dem die meisten Besucher ziemlich angestrengt, aber genauso gekonnt nach Modenschau ausschauen und an ihrem Filterkaffee nippen. Latte Macchiato und Cappuccino trinkt mittlerweile ja schließlich schon wieder jeder. Aber darum soll’s ja hier nicht gehen. Worum sich mein Text drehen sollte, wusste ich eigentlich schon längst, als neben mir einer dieser Café-Szene-Burschen zu einer Gruppe von Freunden stieß. „Schon zurück? Zu heiß zum Tischtennisspielen oder was?“, sprach’s da am Nachbartisch – und ich war kurz geplättet.

Warum? Weil ich mir schon längst vorgenommen hatte, genau darüber dieses Blog zu verfassen. Dass Tischtennis in der Gesellschaft mehr und mehr an Beliebtheit gewinnt. Dass sich zwar der Wettkampf- und Vereinssport Tischtennis nachweislich sehr schwer tut, dass das Freizeitspiel Tischtennis dagegen aber immer stärker auf dem Vormarsch ist. Dass Bars und Parks, Büros (Stichwort "Ping-Pong-Index") und Spielplätze Orte sind, an denen Tischtennis oftmals nicht mehr wegzudenken ist. Dass Tischtennis als Spiel, nicht als Sport, längst sein verstaubtes und altbackenes Image abgelegt hat. Und dass es perspektivisch auch der Wettkampf- und Vereinssport sein könnte, der von einer solchen Entwicklung profitiert.

Bars wie der SPiN-Club längst in Mode
Eine Liste mit Beispielen für die neue Beliebtheit des Tischtennis lässt sich schnell füllen und lange fortsetzen. Fangen wir nur mal in Übersee an. Den SPiN-Club in den USA gibt es längst nicht mehr nur in New York City, wo Hollywood-Ikone Susan Sarandon einst die heutige Franchise begründete, sondern in etlichen weiteren Metropolen wie Los Angeles, San Francisco oder jüngst Toronto. Als „Ping-Pong Social Club“ sind die belebten Bars untertitelt. Das berühmte Bounce in London, das sich selbstbewusst „The Home of Ping Pong“ nennt und in der englischen Hauptstadt bereits zwei Locations führt, lief über Jahre so glänzend, dass die Macher ebenfalls den Sprung über den großen Teich wagten – um nun auch in Chicago Schläger und Ball in den Mittelpunkt ihres Bar-Konzepts zu stellen. Aber auch in Deutschland gibt es im Berliner Nachtleben neben dem ebenfalls längst stadtbekannten und reiseführergerühmten Dr. Pong etliche weitere Bars (wie etwa das Zimt & Zunder), die zu später Stunde einen Tischtennistisch in die Mitte des nächtlichen Treibens rücken – und damit auch hierzulande richtig gut fahren. Geübt wird für die Abendaktivität dann natürlich schon tagsüber: Steinplatten, über Jahre auf Spielplätzen und in Parks zumeist nur als Sitzgelegenheiten gefragt, sind mittlerweile zumeist Orte, an denen nur noch über eine lange Warteliste die Spielreihenfolge zu regeln ist. Zudem hält der Tischtennistisch vielerorts auch im Büroalltag Einzug: Leisten sich Unternehmen einen Raum, in dem sich die Belegschaft ihre Freizeit versüßen kann, steht natürlich auch dort: ein Tischtennistisch. Die Tech-Unternehmen des Silicon Valley haben es vor- und schließlich weltweit viele Firmen nachgemacht.

Kurzum: Tischtennis hat dieser Tage auch außerhalb der Tischtennishallen eine überaus vorzeigbare Präsenz. In Deutschland scheint es mehr und mehr zu dem zu werden, was es etwa in den USA schon ist: ein social game. Ein Spiel für alle, das zu jeder Gelegenheit und fast überall gespielt werden kann. Die Grundvoraussetzungen dafür stimmen ja seit jeher sowieso: Tischtennis ist simpel, nicht übermäßig körperlich und dadurch sehr sozial, aber trotzdem kompetitiv und aktivierend. Es schließt in seiner Grundform niemanden vom Spiel aus, ist aber dennoch in der Lage, jeden zu fordern und jedem eine Aufgabe zu stellen.

Nun wäre es ein Leichtes für den Wettkampfsport, sich von diesem Freizeitspaß abzugrenzen und ihn getrost als unbedeutend zu erklären. Wie Tischtennis in seiner Wettkampfform aussieht, ist dem Großteil der Hobbyaktiven in Kneipen oder Parks schließlich schnurzpiepegal. Regeländerungen brauchen das eine oder andere Jahrzehnt, bis sie etwa an der Steinplatte auf dem Schulhof ankommen. An der wird bislang jedenfalls zumeist konsequent bis 21 gespielt und der erste Aufschlag mit einem eingeworfenen Umdie ausgeknobelt.

Steigende Beliebtheit Chance für den Sport
Ich bin allerdings der Meinung, dass in der steigenden Beliebtheit von Tischtennis – ob nun als Sport oder eben als Spiel – eine echte Chance für eine angeschlagene Sportart begründet liegt. Denn sie hat viele Effekte, die früher oder später auch in den Wettkampfsport ausstrahlen könnten. Tischtennis wird auf diesem Wege mehr Leute erreichen, die in Berührung mit dem Sport selbst kommen. Es selbst probiert zu haben, baut Akzeptanz auf und Hemmschwellen ab. Vielleicht auf dem Weg in den Verein oder in die mediale Übertragung eines Profi-Spiels. Es ist zumindest der Nährboden, auf dem Interesse an einer Sportart entstehen kann.

Zudem war Tischtennis seit jeher der Gegenpol eines jeden Trendsports. Es taugte seltenst dazu, um irgendwo Eindruck zu hinterlassen, zumeist musste man eher eine ziemlich spaßbefreite Erklärung darüber abgeben, dass es sich dabei wirklich und tatsächlich um eine Sportart handeln kann. Tischtennis hatte einfach nie einen wirklich guten Leumund unter denen, die es nicht gerade mit derselben Passion betrieben. Das hat sich, so zumindest mein subjektiver Eindruck, verändert, was ich auch darauf zurückführe, dass Tischtennis in der Gesellschaft, wenngleich auf eine andere Art und Weise, mehr und öfter stattfindet. Dass mehr Menschen den Kern des Sports, nämlich das Spiel mit Ball und Schläger am Tisch, selbst erleben, kann beim besten Willen kein Nachteil für eine Sportart sein. Es stärkt Interesse, vermindert Distanz, schafft Nachvollziehbarkeit.

Das Ganze ist in meinen Augen eine tolle Chance – und so viele Chancen, mit Verlaub, hat Tischtennis als Sportart derzeit nicht in petto. Um sie zu nutzen, wären zumindest Ideen wünschenswert, sich dem Freizeittischtennis vollkommen wertfrei zu öffnen, ohne es bekehren zu wollen. Ein Vereinstraining im Sommer im Park abhalten? Wäre ungewöhnlich, aber vielleicht eben ein unkonventioneller Weg zu fünf neuen Vereinsmitgliedern, die irgendwann ihre Kinder oder Eltern mitbringen. Ein Nationalspieler, und zwar nicht in seinem Tischtennistrikot, zum Night Out am Freitagabend bei Dr. Pong? Fände ich witzig – und ich glaube, viele andere auch.

Übrigens: Zu warm war es meinem Sitznachbarn im Café nicht gewesen fürs Park-Tischtennis. Die einfache Erklärung: „Ach, man, unser einziger Ball ist kaputt gegangen.“ Wenn er nur wüsste, wie viele es von denen beim Vereinstraining gäbe. Vielleicht hätte ich’s ihm verraten sollen – um mit gutem Beispiel voranzugehen.

(Jan Lüke)

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