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Dietmars Blog: Gelegenheit macht Fernsehzeit

Für das Pokalfinale interessierte sich auch das Fernsehen (©BeLa Sportfoto)

12.01.2021 - Die Pokal-Endrunde der Herren war nicht nur für den Titelgewinner Borussia Düsseldorf und seinen wieder einmal überragenden Topspieler Timo Boll ein Erfolg. Die zweite Übertragung eines TTBL-Highlights im frei empfangbaren Fernsehen nacheinander hält unser Blogger Dietmar Kramer einerseits für die Bestätigung beharrlicher Arbeit und andererseits für eine Ermutigung für die Liga-Macher, den eingeschlagenen Weg weiter zu beschreiten.

Im Pokalfinalduell Düsseldorf gegen Ochsenhausen machte sich während des letztlich entscheidenden Einzels zwischen Timo Boll und Hugo Calderano nach dem Gewinn des dritten Satzes durch den Brasilianer vorübergehend leichte Nervosität breit. Würden im Falle einer Boll-Niederlage das notwendig werdende Entscheidungsdoppel und danach die Siegerehrung als emotionaler, weil bildstarker Höhepunkt noch in die vereinbarte Sendezeit der dreistündigen Liveübertragung bei Sport1 passen? Wie würden die Programmmacher wohl auf eine Überziehung der geplanten Spieldauer reagieren? Im Sinne des Publikums vor den Bildschirmen 'on air', also auf Sendung bleiben? Oder sich im Sinne seiner anderen Sendeverträge von der Donau verabschieden und planmäßig zum Volleyball umschalten? Die Entscheidung über dieses im harten TV-Geschäft überhaupt nicht auszuschließende Worst-case-Szenario blieb dem Tischtennis, seinen Fans und den Machern hinter den Kulissen durch Bolls Viersatz-Sieg gegen Calderano und damit auch Düsseldorfs 'rechtzeitigen' 3:1-Erfolg glücklicherweise auch erspart.

Ein abrupter Abbruch der Übertragung wäre dem TTBL-Management auch nicht gerecht geworden, gerecht im Sinne von verdient. Denn Liga-Chef Nico Stehle und sein Team haben vieles richtig gemacht, so dass die Endrunde nicht nur für Titelgewinner Düsseldorf als Erfolg gelten muss. Denn in Neu-Ulm haben auch das Tischtennis, seine Anhänger und die TTBL gewonnen.

Sport1-Übertragung als Lohn für fortschreitende Professionalität

Die professionell-attraktive Organisation des Events trotz Zuschauerverbots und weiterer Beschränkungen durch die Anti-Corona-Vorschriften war ein Nachweis für die Leistungsfähigkeit des Tischtennis an sich. Gerade in der vorherrschenden Pandemie, aber auch generell bedeutete die Austragung des Turniers in dieser zeitgemäßen Form ein wichtiges Lebenszeichen.

Die Sport1-Übertragung darf ohne Übertreibung als die Krönung dieser Bemühungen angesehen werden. Durch den Vorstoß bei den Münchnern hat die TTBL ihre Chance in Zeiten ohne übermäßige Konkurrenz im Indoor-Bereich und nur wenig frei verfügbarer Übertragungsrechte eine echte Chance erkannt und genutzt. Die zusätzlichen Mittel für die entstehenden Kosten im Zusammenhang mit der TV-Produktion können sich mittelfristig noch als wertvolle Investition in die Zukunft erweisen, zumal die Sponsoren in Neu-Ulm einen deutlich höheren Gegenwert für ihre finanzielle Unterstützung erhalten haben dürften als in vergangenen Jahren.

Das Experiment, das die Liveübertragung eines kompletten Tischtennis-Mannschaftswettkampfes von der ersten bis zur letzten Minute durchaus darstellt, kann in jedem Fall als gelungen gelten. Durchschnittlich 30.000 Zuschauer in der Sport1-Zielgruppe brachten Sport1 einen Marktanteil von 0,7 Prozent, über alle Altersstufen hinweg lag das Mittel sogar bei 70.000 TV-Sehern (MA: 0,3 Prozent), und in der Spitze hatten während des Showdowns zwischen Boll und Calderano sogar 120.000 tischtennis-interessierte Sport-Fans eingeschaltet. Natürlich sind das gemessen an Spitzen- oder gar Rekordquoten von „König Fußball“ noch beinahe winzige Werte, aber dem Vernehmen nach fällt die Bilanz des Senders mindestens befriedigend aus.

Positive Bilanz als Mutmacher

Diese Bewertung kann ein Mutmacher sein. Den Planern bei den TV-Sendern ist nur allzu bewusst, dass eine starke Quote ohne einen regelrechten 'Straßenfeger' nicht - eben wie bei der Pokal-Endrunde - aus dem Stand heraus zu erzielen ist, dass ein regelmäßig zahlreiches Publikum zuerst angelockt, gepflegt und weiterentwickelt werden will und muss.

An dieser Stelle muss die TTBL, die im Vorjahr auch schon erfolgreich ihr Finale beim Sport1-Rivalen Eurosport platzieren konnte, nun ansetzen. Sport-Fans müssen wissen, müssen sich sozusagen darauf verlassen und damit planen können, dass Tischtennis-Höhepunkte wie das Pokalfinale oder das Bundesliga-Endspiel nicht nur an Computer-Bildschirmen über die Mattscheibe in die Wohnzimmer flimmert. Durch die Integration von Tischtennis in die Multi-DM „Die Finals 2021“ scheinen die Chancen auf TV-Livebilder vom nächsten TTBL-Finale sogar bei ARD und ZDF nach dem Ausfall des Großereignisses im Vorjahr wegen der Corona-Pandemie auch wieder gut zu stehen.

Konzepte für eine Tischtennis-Heimat im Fernsehen

Doch Tischtennis braucht im Fernsehen ein richtiges Zuhause. So erfolgreich die Bemühungen bei Eurosport, Sport1 und den Machern von „Die Finals“ gewesen sind, so wünschenswert wäre für den Tischtennis-Sport ein fester Partner in der Senderlandschaft. Das Interesse an Tischtennis gehört im Idealfall mit einem festen Platz auf der Fernbedienung verbunden.

Das offenbar positive Fazit von Sport1 nach Neu-Ulm bietet wieder eine gute Gelegenheit zur Entwicklung eines echten Konzeptes. Volleyball hat ganz ähnlich mit punktuellen Highlights angefangen wie Tischtennis nun auch und hat bei dem Spartensender inzwischen eine TV-Heimat für regelmäßige Übertragungen von regulären Punktspielen gefunden. Noch ist der Zeitpunkt für entsprechende Überlegungen und Verhandlungen günstig. Noch nämlich hat Tischtennis die zugkräftige und über die Grenzen seiner eigenen Klientel hinaus populäre Galionsfigur Timo Boll. Mit einem Star von seinem Format und seiner weltweiten Strahlkraft besitzt Tischtennis – anders auch als Volleyball – ein echtes Trumpfass, buchstäblich ein Pfund zum Wuchern. 

Aber Boll deutet ja immer wieder auch selbst an, dass die Beendigung seiner Karriere in nicht mehr allzu weiter Ferne liegt – entsprechend sollten nun bald Nägel mit Köpfen gemacht werden. Pfiffige Ideen sind gefragt, Tischtennis möglichst bald – vielleicht schon ab der kommenden Saison – regelmäßig im Fernsehen zu platzieren. Spiele der Woche oder wenigstens des Monats könnten ein Mittel der Wahl sein, bei dem Proporz-Bedenken wegen einer anzunehmenden Bevorzugung von Begegnungen mit Boll von Liga und Vereinen im Interesse des großen Ganzen hintangestellt gehören würden.

Interesse und Bedarf nutzen

Sport1 scheint dem Tischtennis grundsätzlich auch deutlich wohlgesonnener zu sein als so manch anderer Kanal. Ende vergangenen Jahres die Ausstrahlung der Timo-Boll-Dokumentation, nun das Live-Event Pokalfinale – da setzt jemand zumindest schon einmal zurückhaltend auf Tischtennis. Sport1 könnte zudem selbst erheblich profitieren: Für die Entwicklung seiner Marke sind Übertragungen von Topereignissen im Tischtennis fraglos bedeutsamer als etwa die branchenfremden Konservenproduktionen „Storage Hunter“ und „Container Wars“ über Überraschungseffekte bei Auktionen von privat angemieteten Lagerräumen und Inhalten von Schiffscontainern, die ansonsten in diesen Wochen auf dem Sendeplatz des Pokalfinals ausgestrahlt werden. Die Aufnahme des 'Final Four' ins Programm bestätigte nur den Bedarf des Senders an sportlichen Inhalten.

Die Gelegenheit für Tischtennis zum Sprung zurück ins Fernsehen scheint also da und vor allem auch günstig. Jetzt muss etwas daraus gemacht werden.

(Dietmar Kramer)

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