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Dietmars Blog: WTT versetzt Tischtennis in Aufruhr

Timo Boll gehört zu den Spielern, die der ITTF einen offenen Brief geschrieben haben (©ITTF)

29.09.2020 - Der Restart im internationalen Tischtennis steht aufgrund des angekündigten Boykotts zahlreicher Stars wie auch Timo Boll unter keinem guten Stern. Der Streit um die für November in China geplanten Topturniere ist nach Einschätzung unseres Bloggers Dietmar Kramer allerdings erst der Anfang eines längeren Machtkampfes hinter den Kulissen um Geld und Einfluss, der auch die Strukturen in Deutschland betrifft.

Die Ankündigung des Restarts auf der internationalen Bühne für November sorgte nur kurz für Freude. Die daraufhin verkündete Absage für die hochkarätigen Turniere in der chinesischen "Bubble" durch Timo Boll und weitere Topspieler aus anderen Nationen wegen einer Terminkollision mit Verpflichtungen für ihre Vereine - ihre Arbeit- und vor allem Geldgeber also - trübte das Gesamtbild nachhaltig. 

Restart als Probelauf für tiefgreifende Umwälzungen

Mehr noch: Die eingesetzten Druckmittel gegen die Stars zur Teilnahme an den - auch für die Organisatoren und andere Hintermänner - wichtigen Wettbewerben und die dabei praktizierten Methoden lassen befürchten, dass der Tischtennis-Welt nicht nur in manchen Bereichen sinnvolle und tiefgreifende Veränderungen bevorstehen, sondern sich auch machtpolitische Umwälzungen und veränderte Kräfteverhältnisse zu Lasten des Sports und im Sinne vor allem des Kommerzes anbahnen. Nicht ohne Grund herrscht hinter den Kulissen auf vielen Ebenen heller Aufruhr.

Natürlich scheint zwar ohne Frage möglich, dass die gewählten Termine am besten in den ohnehin schon durch die Corona-Pandemie völlig zerrupften Wettkampfkalender passen. Es ist auch grundsätzlich ein legitimes und nicht verwerfliches Interesse von Veranstaltern und Ausrichtern, nach Möglichkeit die momentan besten Aktiven beim öffentlichkeitswirksamen Wiederbeginn der Turniersaison dabei haben zu wollen. Zumal der Weltcup wie auch die Grand Finals zusammen mit einem Show-Pilotturnier in Chinas Sonderverwaltungszone Macau erklärtermaßen als Appetizer für die neu kreierte und voraussichtlich 2021 mit ausgesprochen hohen Ambitionen beginnende WTT-Serie gelten.

WTT mit enormem Machtanspruch 

Womit man offenbar schon bei der Wurzel des Übels angelangt ist. Innerhalb nur weniger Monate hat die vom Weltverband ITTF entwickelte WTT ein derartiges Eigenleben und - vor dem Hintergrund ihrer angeblich millionenschweren Einnahmen - einen nicht für möglich gehaltenen Machtanspruch entwickelt, dass für die Macher um den beim Fußball-Weltverband FIFA gestählten WTT-Strategen Philippe Le Floc‘h der Zweck alleine jedes Mittel zu rechtfertigen scheint. Zu dem Machtinstrumentarium gehörten vorneweg eine Ansetzung der Termine in China, ohne auch nur einen Funken Rücksicht auf die bereits in vielen Ländern unter Corona-Bedingungen mühe- und liebevoll ausgearbeiteten Pläne für nationale und regionale Wettbewerbe, eine eigenmächtige Festlegung von Reise- und Quarantänevorschriften und nicht zuletzt auch die praktisch unverhohlene Drohung mit der ersatzlosen Streichung von letztjährigen Weltranglistenpunkten für den Fall einer Absage. Nicht von ungefähr war in Aktivenkreisen auch von „blackmail“, also von Erpressung, die Rede. Die Spieler, in Zeiten der vollkommenen Allmacht der ITTF immerhin noch vergleichsweise häufig und mit Recht im Mittelpunkt zahlreicher Entscheidungen, verkommen in rasanter Manier zu bloßen Vehikeln im „Big Business“.

Spieler und Vereine gefordert

Als Mastermind in diesem Spiel um Macht und Geld muss mittlerweile Steve Dainton in seiner Doppelrolle angesehen werden. Der Australier singt als Vorstandschef des Weltverbandes in der Öffentlichkeit das Lied der ITTF, beackert aber in Personalunion als WTT-Direktor in entgegengesetzter Richtung immer offenkundiger das Feld seines zweiten Geldgebers. Vor dem Hintergrund der jüngsten Entwicklungen sind Daintons vorgeblich harmlosen und auf brüske Empörung in der Tischtennis-Welt gestoßenen Gedankenspiele aus dem vergangenen Frühjahr über eine Abschaffung von WM-Turnieren inzwischen in einem anderen Licht zu sehen.

In diesem buchstäblichen Thriller fällt den Spielern eine wichtige Rolle zu. Leider verdichten sich die Hinweise, dass die ursprüngliche Solidarität in der Gruppe um Boll durch den Druck zum Erhalt von Olympia-Chancen (und die Aussicht auf selten hohe Preisgelder) schon wieder bröckelt. Das wäre umso bedauerlicher, als dass gerade in den vergangenen Monaten Athleten aus vielen anderen Sportarten im Kampf gegen ihre Bevormundung und teilweise auch Entrechtung durch globale Dachorganisationen und nationale Verbände wichtige Etappenerfolge errungen haben. Im Tischtennis jedenfalls wäre genau jetzt vor dem sich offenbarenden Zeitenwandel der richtige Augenblick, Stärke zu zeigen und dadurch Chancen auf Einflussnahme bei künftigen Weichenstellungen zu erhalten oder gar zu erhöhen. Bricht die Phalanx der Spieler jedoch wieder auseinander, dürfte WTT die Aktiven demnächst mitnichten noch weiter als ihr wichtigstes Kapital, sondern nur noch als willfährige Erfüllungsgehilfen ansehen und vor allem auch behandeln. 

Sorge muss die Entwicklung auch den Bundesliga-Klubs bereiten. Bewahrheiten sich die deutlichen Tendenzen zu Verhältnissen wie im Tennis, dürfte dem Oberhaus und selbst der Champions League ein wahrhaftiger Überlebenskampf bevorstehen, weil eine Terminstruktur nach den Vorstellungen der WTT praktisch für nichts anderes als ihre Turniere mehr Platz im Kalender lässt, schon gar nicht für die rein europäische Kultur des Vereins-Tischtennis. Es bleibt zunächst vor allem die Hoffnung, dass sich weder Verbände noch Aktive vom versprochenen Geldregen bei WTT blenden lassen und ebenso besonnen wie entschlossen handeln, flankiert von einer geschlossenen Front der Klubs. Andernfalls könnte Tischtennis bald nicht mehr wiederzuerkennen sein.

(Dietmar Kramer)

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