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Kilians Blog: Kleiner Verein mit ganz viel Herzblut

Die ganze Stadt steht hinter Kilian Ort und dem TSV (©TSV Bad Königshofen)

08.06.2020 - „Über den TSV kann ich einen Roman schreiben“, lautete Kilian Orts spontaner Kommentar bei der Themenabsprache zu seinem zweiten Blog auf myTischtennis.de. Und tatsächlich findet der 24-Jährige - von vielen freiwilligen Helfern über sagenhafte Fans bis hin zu großem Engagement und Herzblut - eine Menge Punkte, die seinen Heimatverein, den TSV Bad Königshofen, ganz besonders machen. Im Blog erzählt Ort, warum er es als Privileg empfindet, für den TSV in der TTBL spielen zu dürfen.

„Das was ich erreicht habe, wird nie mehr kommen, da könnt ihr machen, was ihr wollt.“ Diese Worte richtete der Mann, der das Fundament unserer Tischtennis-Abteilung gelegt hatte, an seine beiden Nachfolger. Ende der 80er Jahre übergab Reinhold Schäfer nach jahrelanger, harter und erfolgreicher Arbeit das Zepter an Andy Albert und Josef Ort, die bis heute gemeinsam die Tischtennis-Sparte des TSV führen. In Schäfers Zeit fielen u.a. der Titelgewinn Anja Zubers bei den deutschen Meisterschaften der Schülerinnen im Einzel (1980) und der Durchmarsch der ersten Damenmannschaft von der Kreisliga bis in die zweite Bundesliga Süd. Der damalige Macher, der als Lehrer in der ortsansässigen Realschule unterrichtete, konnte ab den 70er Jahren immer mehr Kinder für das Spiel mit dem Zelluloidball begeistern. 

Zwei Jungs mit Potenzial

Die Jugendlichen von damals - alle um das Jahr 1960 geboren - gehören der Generation an, die heute unsere Abteilung führt. Der Manager, der Abteilungsleiter, der Hallensprecher, der Fanbeauftragte und der Organisationsleiter für den Aufbau der Halle kennen sich seit Kindestagen und durchliefen vor Jahrzehnten gemeinsam die Jugendmannschaften des TSV, wovon die vertrauensvolle Zusammenarbeit untereinander noch heute profitiert. In den 90er und zu Beginn der 00er Jahre pendelte unsere erste Herrenmannschaft - bis auf kurze Abstecher in der Bayernliga - zwischen der Landesliga, Unterfrankenliga und der zweiten Bezirksliga hin und her. Andy Albert, der zu meinen Anfangszeiten selbst noch oft als Trainer fungierte und heute unser Manager ist, erkannte zu Beginn des neuen Jahrtausends, dass mit Christoph Schüller und mir zwei Jungs das Potenzial besitzen, eines Tages ein paar Ligen weiter oben aufzuschlagen. Angespornt von den Worten Schäfers bat Albert den Chef des lokalen Zeltbauunternehmens um Unterstützung, da er erkannte, dass der TSV aufsteigen müsse, um die Talente möglichst lange von einem Verbleib in Bad Königshofen überzeugen zu können. Jahr für Jahr kamen Partner dazu, die es dem Klub aus dem 5000-Einwohner-Städtchen ermöglichten, erfahrene Akteure zu verpflichten, die wiederum dafür sorgten, dass der TSV nahezu in jeder Saison den Platz an der Sonne ergattern konnte. 2013 feierten wir dann den Aufstieg in die zweite Bundesliga und das aus Vereinssicht maximal Vorstellbare war erreicht worden.

Denn selbst nach dem Aufstieg ins Bundesliga-Unterhaus konnte sich kaum einer in Bad Königshofen vorstellen, jemals den Sprung in die TTBL zu wagen. Die Diskrepanz zwischen erster und zweiter Liga ist in logistischer, finanzieller und sportlicher Hinsicht so groß wie zwischen keinen zwei anderen Ligen. Nach vier Jahren Zweitligazugehörigkeit und dem zweiten Meistertitel in Folge brachte der TSV dennoch den Mut auf und meldete seine erste Mannschaft für die TTBL. Dies geschah im Bewusstsein, dass der ganze Verein und die ganze Stadt mithelfen müssen, sollte das Abenteuer TTBL für uns als kleiner Klub kein Desaster werden. Die ganze TSV-Familie musste noch mal einen drauflegen und jeder müsse auf seine Weise dazu beitragen, dass der TSV möglichst erfolgreich abschneiden würde. Als Beispiel kann ich hier unseren „Taxi-Fahrer“ Gerhard anführen, der Wochenende für Wochenende seine Zeit opferte, um Jorgic, Oikawa und Co. am 40 km entfernt gelegenen Schweinfurter Bahnhof abzuholen, da Bad Königshofen aufgrund seiner ländlichen Lage schlecht an das deutsche Schienennetz angebunden ist. 

Last liegt auf vielen Schultern

Finanziell griffen uns natürlich mittlerweile auch mehr Firmen unter die Arme als zu Landesliga-Zeiten. Dabei schultert bis heute aber kein Mäzen alleine den Löwenanteil des Gesamtetats, sondern die Last wird weiterhin auf viele Schultern verteilt. So gut wie jeder Betrieb unserer Kleinstadt hilft uns im Rahmen seiner finanziellen Möglichkeiten, was den Zusammenhalt in unserem Kurort verdeutlicht. Außerdem unterstützen uns viele Privatpersonen mit Beträgen zwischen 50 und 300 Euro, ohne deren Beteiligung Bundesliga-Tischtennis in einer Region, in der aufgrund ihrer provinziellen Lage nicht viele Großunternehmen ansässig sind, nicht möglich wäre. Wir gleichen unseren geographischen Nachteil damit aus, dass jeder jeden kennt. 

Über all die Jahre hatte es sich herumgesprochen, dass beim TSV etwas entsteht, dass gute Jugendarbeit geleistet wird – zwei Eigengewächse spielten gemeinsam in der zweiten Liga - und dass in der Dreifachturnhalle, die seit vier Jahren den Namen „Shakehands Arena“ trägt, eine ausgezeichnete Stimmung herrscht. Wenn der TSV ein Heimspiel austrägt, ist im Grabfeld Feiertag. Mit durchschnittlich über 500 Zuschauern werden wir in der Zuschauertabelle nur vom Branchenprimus aus Düsseldorf übertroffen. In der vergangenen Saison, in der wir zum Großteil aufgrund meiner Verletzungen sportlich hinter den eigenen Erwartungen blieben, reisten uns die treuen TSV-Anhänger bei sechs Auswärtsspielen per Fanbus hinterher. Ein Ehepaar – wohnhaft in Köln, sie stammt aus Köln, er aus Bad Königshofen – hatte vor wenigen Jahren noch gar nichts mit Tischtennis am Hut. Einst durch „Mundpropaganda“ in die Halle gelockt, verpassen sie heutzutage kein Spiel mehr und dabei ist es egal, ob die Bälle sonntagnachmittags in der Shakehands Arena, freitagabends in Ochsenhausen oder dienstagabends in Bremen durch die Halle fliegen. Sicherlich liegt das hohe Faninteresse zum Teil daran, dass wir im Gegensatz zum einen oder anderen Großstadtverein nicht mit einem Fußballbundesligisten konkurrieren. 

Erfolgsrezept Identifikation

Der aus meiner Sicht aber wesentlichere Punkt ist, dass der TSV dafür sorgt, dass sich die Fans mit den Spielern identifizieren können. Dabei schadet es auf jeden Fall nicht, dass Bastian Steger von der Rückkehr in seine bayerische Heimat überzeugt werden konnte sowie dass ich 300 Meter entfernt von der Halle aufgewachsen bin und in ihr das Tischtennis-Einmaleins erlernt habe. Aber besonders die ausländischen Spieler erlangten im Grabfeld Heldenstatus. So sind beispielsweise die Tschechen Richard Vyborny und Marek Klasek, die zu Zweitligazeiten oft „die Karre aus dem Dreck zogen“ und so entscheidenden Anteil an zwei Meistertitel hatten, gern gesehene Gäste im Norden Bayerns. Vyborny wechselt zur neuen Saison sogar zurück an die fränkische Saale, um unserer zweiten Mannschaft in der Regionalliga Süd genügend Stabilität zu verleihen. Allgemein lässt sich sagen, dass uns manche Ligakonkurrenten in puncto Professionalität einige Schritte voraus sind, wir diese aber mit einem starken Zusammengehörigkeitsgefühl und Herzblut auszugleichen versuchen. 

Die wichtigsten Menschen unseres Vereins habe ich bisher aber noch nicht mal erwähnt: unsere ehrenamtliche Helfer. Die Shakehands Arena wird unter der Woche ganz normal für den Schulsport genutzt, weshalb vor Heimspielen unter anderem die Rollen des roten Bodens ausgelegt, zwei Tribünen um die Box platziert und alle technischen Voraussetzungen geschaffen werden müssen, um einen reibungslosen Ablauf während eines Heimspiels gewährleisten zu können. In dieser Hinsicht haben wir einen höheren Aufwand als nahezu jeder andere Bundesligist. Unsere Helferschar, die natürlich auch wieder alles abbauen muss, besteht mittlerweile aus bis zu 50 Freiwilligen und beinhaltet auch diejenigen, die während des Spiels für das Catering zuständig sind. Sie sind getreu dem Motto „einer für alle – alle für einen“ das herausragende Element unseres Vereins und unserer Region. Wer sich die enorme Arbeit unseres Teams hinter dem Team vergegenwärtigen möchte, dem lege ich das YouTube-Video „Aufbau der Shakehandsarena“ ans Herz. Im wahrsten Sinne des Wortes müssen viele Menschen mit anpacken, damit ein kleiner Verein aus einem kleinen Ort Bundesliga-Tischtennis präsentieren kann. Wir sind Ballsportart Nummer eins in der Stadt und deshalb auch ein relevantes Gesprächsthema. Die fränkische Bescheidenheit weicht dabei oft dem Stolz des Erreichten. Alle haben mitgeholfen, dass der TSV Bad Königshofen den Tischtennis-Begeisterten landesweit und sogar teilweise europaweit ein Begriff wurde, dass der TSV Bad Königshofen zum Aushängeschild des Herrentischtennis in Bayern avancierte und allen Skeptikern auf dem Weg Lügen strafte. 

Große Dankbarkeit

Ich verspüre in allererster Linie Dankbarkeit für meinen Verein, da er mich in guten wie in schlechten Zeiten unterstützt und mich letztendlich bis in die TTBL mitgezogen hat. Sicherlich hätte ich in all den Jahren woanders ein paar mehr Euros verdienen können. Doch wurde mir in jungen Jahren oft vermittelt, dass man im Leben nicht nur nehmen, sondern auch geben soll. Ich denke, dass es ein Privileg ist, mit seinem Heimatverein in der ersten Liga spielen zu dürfen und deshalb hoffe ich, dass ich noch einige Spielzeiten mit dem TSV in der TTBL verbringen darf.  

Ob Reinhold Schäfer, der 1993 viel zu früh verstarb und den ich deshalb nie kennenlernen durfte, seinen Satz ernst meinte oder nur den Ehrgeiz aus seinen Nachfolgern herauskitzeln wollte, darüber kann ich nicht urteilen. Einer Sache bin ich mir aber sicher: Wenn er von oben zuschaut, wird er mit großem Stolz auf seine ehemaligen Schüler herabblicken. 
 
(Kilian Ort)

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