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NEU! Kilians Blog: Blick hinter die Kulissen des Profi-Lebens

Es wird noch etwas dauern, bis Kilian Ort wieder internationale Vergleiche bestreiten wird (©ITTF)

04.05.2020 - Ab heute dürfen wir Kilian Ort im Kreise unserer Blogger begrüßen. Der 24-jährige Bad-Königshofener gewährt uns einen Blick hinter die Kulissen des Profisports, nimmt uns mit auf seine - hoffentlich bald wieder möglichen - Turnierreisen und gibt uns ein Gefühl dafür, wie der Alltag eines Tischtennisprofis aussieht. In seinem ersten Blog erzählt uns Ort, wie er die Coronakrise bisher erlebt hat - von ersten Gedankenspielen bei der DM bis zur Wiedereröffnung des DTTZ.

So richtig begann das Grübeln am Wochenende von Chemnitz. Kurz nachdem Nina Mittelham und Ricardo Walther die Einzeltitel der deutschen Meisterschaften errungen hatten, gingen für alle Profis, die geplant hatten, zu den Qatar Open zu reisen, die Gedankenspiele los. „Bleib’ ich daheim oder gehe ich das Risiko ein, mich dort eventuell in Quarantäne begeben zu müssen?“ Wie wir heute wissen, ging alles gut. Die deutschen Nationalspieler kamen gesund nach Hause und konnten in der darauffolgenden Woche den Trainingsbetrieb wieder aufnehmen oder die Turniere im Oman bzw. in Polen angehen. Ich hatte sowieso nur für die Polish Open gemeldet und reiste am Mittwoch, den 11. März, mit dem Auto von Bad Königshofen nach Gliwice, wo ich am Freitag planmäßig mein erstes Einzel bestreiten sollte. 

Fiebermessen am Halleneingang

Natürlich hatte ich aufgrund der aktuellen Lage bereits zu Beginn meiner Anfahrt bei meinen Kollegen, die schon vor Ort waren, nachgefragt, ob bestimmte Vorsichtsmaßnahmen vom Veranstalter getroffen wurden und ob manche Dinge anders sind als üblich. Über unsere WhatsApp-Gruppe wurde mir mitgeteilt, dass das Event unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden und am Halleneingang die Körpertemperatur kontrolliert wird. In Oberschlesien angekommen, machte ich mich nach kurzem Aufenthalt in meinem Hotel auf den Weg zur Gliwice Arena, wo mich das Medizinpersonal mit einem „stop, control“ in Empfang nahm. Nach einem kurzen Piepen des Messgeräts, einem „oh Corona“ – gefolgt von einem schelmischen Grinsen – wurde ich in Richtung „main hall“ entlassen. Dort freute ich mich, meinen ehemaligen Teamkollegen Marek Klásek zu sehen, der mittlerweile für den tschechischen Nachwuchs zuständig ist, aber auch selbst noch aktiv in der heimischen Extraliga zum Schläger greift. Ich erzählte ihm von der Situation in Deutschland, worauf er mir davon berichtete, dass in Tschechien Veranstaltungen mit mehr als 100 Menschen verboten sind. Bevor er das nächste Einzel betreuen musste, rief er mir noch lachend zu: „Das bedeutet, dass Tischtennis in Tschechien ganz normal weiterläuft.“

Der nächste Tag sollte für mich ein langer werden. Nils Hohmeier und Liang Qiu hatten sich schon souverän durch die Qualifikation gespielt, was ihnen erlaubte, kurze Einheiten mit mir zu absolvieren. Doch beim Nachmittagstraining hing plötzlich ein Zettel des Veranstalters an der Tür, dem zu entnehmen war, dass eine Spielerin mit leichtem Fieber ins Krankenhaus gebracht wurde. Für uns war es nachzuvollziehen, dass in Corona-Zeiten besondere Vorsicht geboten ist. Dennoch war eine gewisse Verunsicherung unter uns Spielern spürbar, auch wenn wir es schätzten, dass uns der Ausrichter informierte und somit transparent handelte. Am frühen Abend kamen dann die ersten Gerüchte in Umlauf, dass das Turnier eventuell abgebrochen wird, bevor die Gesetzten überhaupt ins Geschehen eingreifen konnten. Letztlich wurde kurz nach Mitternacht bekannt gegeben, dass ab sofort alle Hallen in Polen geschlossen werden und wir daher die Heimreise antreten müssen. 

Nachtfahrt in die Heimat

Um einer möglichen Grenzschließung zuvorzukommen, entschloss ich mich, noch in derselben Stunde mit dem Auto per Nachtfahrt in meine fränkische Heimat zurückzukehren, wohingegen meine Nationalmannschaftskollegen größtenteils in Richtung Düsseldorf flogen. Ehe aber jemand das DTTZ betreten durfte, mussten alle den Coronatest der ins Hospital eingelieferten Spielerin abwarten. Obwohl dieser zum Glück negativ ausfiel, wurden wegen der zunehmenden Verschärfung der Coronamaßnahmen unsere Trainingshallen kurz darauf geschlossen, was zur Folge hatte, dass viele meiner Kameraden nach Hause aufbrachen. Ich räumte derweil mithilfe meiner Mutter unseren „Hobbyraum“ samt Tisch auf und trainierte einmal täglich mit meiner Freundin, um nicht ganz einzurosten. Zusätzlich versuchte ich, regelmäßig an meinen Aufschlägen zu feilen und ging an zwei von drei Tagen entweder laufen oder Rad fahren. 

Da ich eine große Verbundenheit zu meiner Heimat und den Menschen in Bad Königshofen habe, freue ich mich immer, ins Grabfeld zu kommen, auch wenn diesmal das soziale Miteinander natürlich stark eingeschränkt war. Die Motivation zu finden, sich tagein, tagaus zu quälen, fällt einem aber doch leichter, wenn man am Wochenende ein wichtiges Ligaspiel hat oder gemeinsam mit seinen Kumpels auf ein großes Ziel hinarbeitet. Nichtsdestotrotz habe ich versucht, das Level hoch zu halten, weil ich im Gegensatz zu manch anderem Nationalmannschaftskollegen noch kein fertiger Spieler bin und somit die Zeit sinnvoll nutzen wollte, um an meinen Schwachstellen zu arbeiten. Außerdem konnte ich beim Blick in die sozialen Netzwerke beobachten, dass beispielsweise die Spanier und Italiener - bis auf kleine Ausnahmen - gar nicht ihre Wohnung verlassen dürfen und nur die wenigsten einen Tisch zu Hause stehen haben, was ich zum Anlass nahm, positiver auf die auch für mich ungewohnte Situation zu blicken. 

Rückkehr ins DTTZ

Anfang April bekam ich dann den Anruf, dass unter speziellen Sicherheitsvorkehrungen das Training im DTTZ wieder aufgenommen werden kann. Allerdings gilt dies nur für Mitglieder des Olympia- und Perspektivkaders und schließt unter anderem die Athleten des U23-Kaders nicht mit ein. Pro Halle dürfen zudem nur jeweils zwei Spieler an einem Tisch agieren. Beim Wiedereinstieg in den zuvor gekannten Alltag lernte ich die Verhältnisse in der Düsseldorfer Halle neu zu schätzen. Der rote Boden ist perfekt verlegt, die Tische stehen gerade, es gibt keine Sonneneinstrahlung und es verspringt (nahezu) kein Ball. In dieser Hinsicht sind wir sicherlich verwöhnt und auch wenn es nur eine Kleinigkeit ist, so begann ich die Bedingungen, unter denen wir trainieren, endlich mal wieder zu honorieren und konnte so schon etwas Positives aus dieser Krise mitnehmen. 

Sonst geht es uns wohl auch nicht anders als dem Großteil der über 500.000 Tischtennisspieler in Deutschland, die im Moment die Abende vermissen, an denen man nach einem harten Fight gemeinsam mit den Mitspielern und idealerweise mit den Kontrahenten - bei einem Getränk der eigenen Wahl - den Tag ausklingen lässt oder darüber schwadroniert, was man denn wieder für tolle Bälle auf die Platte gezaubert hat. Wann der nächste Wettkampf stattfinden wird, ist heute sicherlich noch nicht abzusehen. Meiner Meinung nach ist es jedoch realistischer, dass im September ein Ligaspiel stattfindet, als dass sich Athleten aus der ganzen Welt in naher Zukunft zu einem World-Tour-Event treffen.

Bis dahin - bleibt gesund und sportlich 
Euer Kilian  

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