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Dietmars Blog: Wo bleibt die 'Geisterspiel'-Diskussion?

Einen deutschen Mannschaftsmeister soll es auch in dieser TTBL-Saison geben (©Fabig)

27.04.2020 - Die Corona-Krise hat den Sport praktisch weltweit zum Stillstand gebracht. Die Tischtennis-Fans in Deutschland können nach dem Saisonabbruch in allen Ligen unter dem Dach des DTTB bestenfalls noch auf die Austragung der Play-off-Runde in der TTBL hoffen. Unser Blogger Dietmar Kramer bewertet vor dem Hintergund der Entwicklungen in den vergangenen Tagen und Wochen die Situation des Oberhauses und den Umgang mit der Problematik.

TTBL-Play-offs als letzte Chance auf Livesport
Im Tischtennis ist die Corona-Krise nicht nur wegen der vielfältigen Beschränkungen im Alltagsleben eine beschwerliche Zeit. Aktive sind durch den Saisonabbruch in allen Ligen unter dem Dach des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB), auch im Falle von Lockerungen für den Sport, mindestens bis zum Sommer weitgehend zur Untätigkeit verurteilt. Die Fans dürfen wenigstens noch auf die Austragung der eigenständigen TTBL hoffen und müssen sich wie Anhänger anderer Sportarten mit Neuigkeiten aus dem Spitzensport mit seinen Stars und Topvereinen begnügen.

Doch leider sitzen Tischtennis-Interessierte in der Hinsicht auch in dieser Ausnahmesituation faktisch auf dem Trockenen. Wieder einmal dominiert „König Fußball“ diesmal durch die Debatte um 'Geisterspiele' die Schlagzeilen außerhalb des politischen Geschehens, und in der restlichen Sportberichterstattung sind ähnliche Fragestellungen vor allem noch aus dem Handball, Basketball und Volleyball regelmäßig ein Thema. Einmal mehr findet Tischtennis auch medial – abgesehen von punktuellen TV-Berichten wie zuletzt einem Sky-Filmchen über das Roboter-Training von Timo Boll und einer eindringlichen Warnung von Weltverbands-Präsident Thomas Weikert in einem ZDF-Beitrag über mehrere Sportarten vor dem „Tod des Tischtennis“ – nicht statt. 

Dabei könnte doch gerade Tischtennis und speziell in diesen Tagen die TTBL allerhand Gesprächsstoff liefern. Nach Lage der Dinge nämlich sind die zunächst nur bis zum 31. Mai ausgesetzten Play-offs im deutschen Oberhaus für die Sport-Fans (und Fernsehsender) im Land durch das vorzeitige Saisonende im Eishockey, Volleyball und mittlerweile auch im Handball abgesehen vom Fußball und möglicherweise auch noch Basketball die einzig verbliebene Chance auf hochklassigen Livesport bis zum Sommer. Eine – allen beklagenswerten Umständen zum Trotz – geradezu herausragende Gelegenheit. 

Viele Fragen und keine Antworten
Besonders vor diesem Hintergrund interessanter als etwa Ambitionen von Spielern für die noch nicht einmal terminierte Saison 2020/21 bei ihren künftigen Vereinen sind da durchaus drängende Fragen: Wie stehen die Vereine und Spieler zu Play-offs als 'Geisterspiele'? Sind Begegnungen ohne Zuschauer überhaupt eine Option? Wie groß ist der Druck zur Beendigung der Saison? Lassen sich Elemente des – durchaus umstrittenen – Konzepts der Deutschen Fußball Liga (DFL) auf die Bedürfnisse des Tischtennis übertragen? Sind Anpassungen notwendig und an welchen Stellschrauben muss dafür gedreht werden? Und, nicht zuletzt, wie ist angesichts der hochkochenden Spekulationen über drohende Pleiten von Vereinen eigentlich die Situation der Topklubs? Fragen über Fragen, die Fans derzeit durchaus auch beschäftigen. Fragen aber, mit denen die Fans momentan hoffnungslos allein gelassen werden: Spieltag abgesagt, Play-off-Start einmal verschoben, Play-off-Start nochmals verschoben – das war’s bisher.

„Geisterspiele“ eine reizvolle Alternative zum Saisonabbruch
Die Play-offs als 'Geisterspiele' erscheinen grundsätzlich als charmanter Ansatz. Unabhängig vom wünschenswerten Abschluss der TTBL-Saison auf sportlichem Weg dürften wirtschaftliche Aspekte sowohl für die Liga als auch die beteiligten Klubs bei der Abwägung der Argumente eine Rolle spielen. Ein besonderer Anreiz würde dabei sicherlich die ungewöhnlich gute Aussicht auf breite TV-Präsenz sein: In Ermangelung weiterer Angebote in anderen Sportarten scheinen die Chancen nicht schlecht zu stehen, dass TV-Sender sich bei geschickter Terminierung auf die herbeigesehnte 'Frischware' sowohl als Liveformat als auch in Form einer Konserve auf diese Höhepunkte des deutschen Sportsommers stürzen. Die TTBL und die Vereine könnten dadurch ihre Sponsoren trotz der ausgefallenen Teilnahme an der quotenträchtigen Multi-DM „Die Finals 2020 Rhein Ruhr“ in Szene setzen, und den Klubs böte sich zusätzlich die Möglichkeit zu Bonuseinnahmen durch die Prämien ihrer Partner.

Angesichts der voraussichtlich noch längere Zeit mehr oder weniger strikten Einschränkungen auch für den Sport sollte für den Fall eines 'Grünen Lichts' der Politik für den Fußball eine Modifizierung des Endrunden-Modus kein Tabu sein. Statt der formal notwendigen fünf Begegnungen mit entsprechenden Reisen mutet ein „Final Four“ als Tagesevent in einer Halle wie im Pokal als taugliche, deutlich risikoärmere und damit erheblich genehmigungsfähigere Alternative an. Verglichen mit dem 300-Personen-Konzept des Fußballs sollte sich der personelle Aufwand im Tischtennis für eine solche Veranstaltung noch überschauberer gestalten lassen – mit fünfköpfigen Kadern kämen die vier Play-off-Teams immerhin noch nicht einmal auf die Kopfstärke von nur zwei Mannschaften für ein Fußball-Spiel. Die notwendigen Trainingseinheiten erscheinen zudem auch unter den derzeit verschärften Hygiene- und Sicherheitsvorschriften problemlos durchführbar.

Keine Scheu vor Regeländerungen
Eine Endrunde bedürfte natürlich auch Änderungen von Regeln: Zum einen müsste der vor Saisonbeginn eingeführte Modus der Play-offs in den Halbfinals auf ein K.o.-Spiel reduziert werden, und andererseits dürften in der momentanen Situation anders als in der Vorrunde und gemäß der DTTB-Empfehlungen für den Wiedereinstieg in den Wettkampfbetrieb natürlich keine Doppel zur Entscheidungsfindung stattfinden, so dass auf das frühere TTBL-Spielsystem ohne Doppel zurückgegriffen werden sollte.

Die für beide Schritte notwendige Flexibilität dürfte sich von selbst verstehen, ist aber mindestens wegen der winkenden TV-Präsenz unverzichtbar. Zwar aus anderen Gründen soll kurzfristig sogar im Fußball die Zahl von möglichen Auswechslungen fast verdoppelt werden und regen im Handball Spitzenfunktionäre eine vorübergehende Einführung von drei Dritteln statt der obligatorischen Halbzeiten an. Kurzfristige Änderungen der Statuten sollten außerdem kein Hindernis sein dürfen, wenn im Alltagsleben sogar elementare Grundrechte auf Zeit eingeschränkt werden.

Sicherlich sind hinsichtlich „Geisterspielen“ in der TTBL auch andere Positionen absolut vertretbar. Es täte dem Tischtennis und seiner Community zweifellos gut, würde die entsprechende Diskussion offen und nicht nur in Hinterzimmern in Videokonferenzen geführt. Der Sport ist in den vergangenen Wochen schon viel zu lange von der Bildfläche verschwunden gewesen.

(Dietmar Kramer)

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