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Dietmars Blog: Die Finals - bitte kein Business as usual

Konfettiregen in Düsseldorf statt in Frankfurt? Das soll nicht der einzige Unterschied zu sonstigen TTBL-Finals sein (©Roscher)

03.02.2020 - Tischtennis gehört zum Programm des Multi-DM-Events „Die Finals Rhein-Ruhr 2020“ – und zwar mit dem Endspiel der TTBL und quasi als Zugabe auch mit dem neuen Para-Turnier „Champions Trophy“. Für unsere Sportart ist das ein großer Erfolg, für die Macher bei Verbänden und Liga eine würdige Belohnung für ihre Bemühungen. Doch weil Stillstand immer auch Rückschritt bedeutet, sieht unser Blogger Dietmar Kramer die Organisatoren bis zum „großen Tag“ am 6. Juni gefordert.

Was Tischtennis-Fans sich noch vor Jahresfrist nur wünschen konnten, was die Spatzen aber schon seit Herbst vergangenen Jahres von den Dächern pfiffen, und was selbst der Deutsche Tischtennis-Bund (DTTB) und die Herren-Bundesliga (TTBL) bis zuletzt trotz eines ersten verstohlenen Hinweises bereits zu Jahresbeginn im Programmheft zum Pokalfinale noch gerne als ein Geheimnis verkaufen mochten, ist seit Ende Januar amtlich: Tischtennis gehört mit dem TTBL-Endspiel bei „Die Finals Rhein-Ruhr 2020“ anders als noch bei der Premiere der Multi-DM im vergangenen Sommer in Berlin zum Programm (zum Bericht). 

Teilnahme am „Mini-Olympia“ ein großer Erfolg

Die Anhänger dürfen sich damit erstmals seit Jahrzehnten endlich einmal wieder über ausführliche Berichte, wenn nicht sogar auf Livebilder von einem nationalen Highlight bei den öffentlich-rechtlichen Sendern ARD und ZDF freuen. Als Bonbon sozusagen hievten die Finals-Macher obendrein auch Para-Tischtennis mit dem eigens zu diesem Anlass ersonnenen „Champions Trophy“-Turnier in ihren insgesamt zweitägigen Wettkampfkalender.

Diese Nachrichten sind mehr als nur erfreulich: Die Teilnahme an „Die Finals“ ist ein sehr großer Erfolg, um den so manche Konkurrenz Tischtennis beneidet. Beim Blick auf andere Neulinge wie die ‚hippen‘ Sportarten Breaking (Breakdance), Klettern, Parkour und Skateboard mutet die Entscheidung kühl kalkulierender Manager mit einem geschulten Blick für Quotenerfolge geradezu als Ritterschlag an. 

Anerkennung für Geigers Para-Initiative

Dazu ist den Machern bei DTTB und TTBL schlichtweg nur zu gratulieren. TTBL-Geschäftsführer Nico Stehle und DTTB-Präsident Michael Geiger wussten in ihren Gesprächen nur allzu gut um die Bedeutung der ‚Beförderung im zweiten Anlauf‘ – und was auf dem Spiel steht: „Die Finals“ dürfen nach dem Erfolg ihrer ersten Auflage im Vorjahr mit Fug und Recht schon als die wohl größte Bühne für mittlerweile schwer fußball-geschädigte Sommersportarten außerhalb von punktuellen Liveübertragungen gelten. An beiden Tagen verfolgten nur an den Bildschirmen durchschnittlich rund 1,5 Millionen Zuschauer die spektakulär inszenierten Wettbewerbe in der deutschen Hauptstadt und bescherten ARD/ZDF einen mittleren Marktanteil von traumhaften 13 Prozent. Ist man (wieder) nicht dabei, ist man draußen. Stehle handelte zur Verhinderung dieses fatalen Zustands die Aussetzung des Liga-Vertrages mit der angestammten Halle für das TTBL-Finale in Frankfurt aus, doch ein besonderes Kompliment gebührt Geiger: Weil das Finale alleine zu kurz für eine Integration ins geplante Sendekonzept gewesen wäre, brachte der frühere Schiedsrichter als programmatische Ergänzung zusätzlich einen Para-Tischtennis-Wettbewerb ins Gespräch und initiierte damit die buchstäbliche Erfindung der Champions Trophy für alle Rollstuhltischtennis-Meister. Dadurch kann sich Tischtennis in der Düsseldorfer Castello-Halle in praktisch seiner ganzen Bandbreite als modern, hochklassig, inklusiv und auch genderneutral präsentieren.

Zum Zuschlag durch die erfahrenen Programmplaner in der ARD-Sportkoordination und bei den ‚Mainzelmännern‘ des ZDF hat unzweifelhaft auch eine der einschneidendsten Veränderungen des deutschen Tischtennis-Sports in den vergangenen Jahren beigetragen: das Center-Court-Prinzip in der TTBL. Übertragungen von einem Bundesliga-Finale mit gleichzeitigen Spielen an zwei Tischen wären für eine hochqualitative TV-Produktion wie „Die Finals“ schlichtweg nicht vorstellbar. Vor diesem Hintergrund sind die Manager der TTBL-Klubs für ihre Standhaftigkeit in der ‚Tisch-Frage‘ in so manchen ‚Shitstorms‘ von Kritikern und Traditionalisten ebenfalls zu beglückwünschen und als Schrittmacher der nun fruchtenden Entwicklung anzusehen.

Kampf um die Herzen der TV-Konsumenten mit Bildern

Die Chance durch den quotenträchtigen Auftritt beim ‚Mini-Olympia‘ auf Aufmerksamkeit und potenziell neue Aktive gehört nun aber auch genutzt. Ein fraglos garantiert volles Haus alleine, das sollte allen Beteiligten klar sein, dürfte für eine vielversprechende Zukunft unter dem Dach von „Die Finals“ nicht genug sein. Weil Quote die Währung der TV-Sender ist und deswegen der Fernsehzuschauer an den Bildschirm gelockt oder gefesselt werden muss, ist die Inszenierung spektakulärer und faszinierender Eindrücke und Bilder das Gebot der Stunde.

Deswegen sind im Kampf um die Herzen und Köpfe der TV-Konsumenten Kreativität und vermutlich auch Flexibilität für die Entscheidungsträger im deutschen Tischtennis in den kommenden Wochen oberste Pflicht - womöglich kommen auch gerade in dieser Situation Querdenker mit bahnbrechenden Neuerungen zum Zuge. Wenn nicht jetzt, wann dann? Nur wegen lauter Musik zwischen den Ballwechseln und einer Konfetti-Kanone bei der Siegerehrung jedenfalls wird sich nicht ein TV-Zuschauer schon am nächsten Tag, wenn der zweite Teil der Wettkämpfe über die Mattscheiben flimmert, noch an das Tischtennis-Event erinnern. Aber es gilt, die ‚natürlichen Nachteile‘ etwa gegenüber Triathlon mit den Impressionen von seinen spektakulären Wettkampfstätten in der Rhein-Metropole oder auch gegenüber den per se faszinierend-rasanten Mitdebütanten Breaking oder Skateboard mit ihren Outdoor-Titelkämpfen vor eindrucksvollen Kulissen auszugleichen.

Möglichkeiten durch verstärktes ARD/ZDF-Engagement

Das gesteigerte Interesse von ARD und ZDF als Mitveranstaltern an einem durchgehenden Erfolg ‚ihres‘ Events kann sich dabei als nützlich erweisen. Dadurch bieten sich voraussichtlich gerade auch Tischtennis technisch deutlich bessere Möglichkeiten zur Darstellung seiner Faszination als bei den jahrelang gewohnten Standardübertragungen von welchem Wettbewerb auch immer.

Denkbar sind durch diese schon signalisierte Bereitschaft der TV-Sender zur verstärkten Kooperation auch spektakulärere Kameraeinstellungen und Bildbeiträge als im Alltag, womöglich auch einmal ein Mikrofon ‚on air‘ in einer Satzpause beim Gespräch zwischen – fiktiv! - Timo Boll und Borussia Düsseldorfs Trainer Danny Heister oder/und in der Box des 1. FC Saarbrücken zwischen Patrick Franziska und Coach Slobodan Grujic. Für eine anhaltende ‚Party‘ oder gar Hexenkessel-Atmosphäre könnten ‚Capos‘, also ausschließliche Einpeitscher, die Freigabe für fortwährend buchstäbliche Stimmungsmache mit Pauken, Trommeln oder auch Trompeten bekommen (oder ggf. auch engagiert werden). Auch Echtzeit-Interviews während des laufenden Spiels sollten kein Tabu sein. 

Siegerehrung vor dem Rheinturm statt in der Halle?

Um außerdem wie die Konkurrenz der Freiluftsportarten von den Gelegenheiten zu TV-Bildern mit zahlreichen Sehenswürdigkeiten in Düsseldorf (oder Aachen, Duisburg und Oberhausen) zu profitieren, sollten weitere Denkverbote aufgehoben werden: Welch starke Bilder würden etwa entstehen können, wenn  - wieder fiktiv! – Timo Boll den Meisterpokal nach der obligatorischen Medaillenübergabe in der Halle erst nach einem kleinen ‚Umzug‘ vor womöglich 10.000 Zuschauern oder mehr auf der Landtagswiese mit dem Rheinturm oder auf dem nicht minder bekannten Burgplatz mit dem Schlossturm überreicht bekäme und (dann natürlich gerne im goldenen Konfetti-Regen) jubelnd in die Höhe streckt?!

Die Beteiligung an „Die Finals“ ist für Tischtennis zweifelsohne ein sehr großer Schritt, aber der nächste muss im Konkurrenzkampf der Sportarten umgehend folgen: Nur Business as usual – dieses Mal nur in Düsseldorf statt ansonsten in Frankfurt – wird bei „Die Finals Rhein-Ruhr 2020“ jedenfalls hinten und vorne definitiv nicht reichen.

(Dietmar Kramer)

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