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Dietmars Blog: Neuer Transfermarkt als 'Booster'

Dass der Trainer selbst ran muss, kann künftig hoffentlich vermieden werden (©Fabig)

09.12.2019 - Der DTTB-Bundestag schlägt in der Szene aus mehrerlei Gründen weiterhin hohe Wellen. Momentan noch etwas weniger im Fokus als etwa die vieldiskutierte Ausweitung der Vierer-Mannschaften in den Bundesspielklassen bis hinunter in die Oberliga ist dabei die Zulassung von künftigen Wechseln in der Winterpause bis hinauf in die ersten Bundesligen. Unser Blogger Dietmar Kramer hält diese Entscheidung für einen überfälligen, weil richtigen Schritt und verspricht sich davon mehr Leben.

Schon gemerkt? In den ersten Tischtennis-Bundesligen ist praktisch Halbzeit! Nun, tatsächlich vermeldeten die Herren, mithin die TTBL, eher en passant die Herbstmeisterschaft für den 1. FC Saarbrücken-TT und machten aus dem woanders durchaus spektakulär gefeierten Bergfest nur etwas mehr als eine Randnotiz. Und im Damen-Oberhaus wurde mutmaßlich nicht einmal zu Unrecht der ttc berlin eastside nach seinem letzten Spiel der Hinrunde in einem Musterbeispiel für Anti-PR praktisch schon als künftiger Titelträger ausgerufen.

(Ödes) Business as usual also. Das könnte ab nächster Saison schon ganz anders aussehen. Im Wirbel nach dem DTTB-Bundestag - besonders um die Einführung von Vierer-Mannschaften in den Bundesspielklassen bis zur Oberliga - ging die nun beschlossene Zulassung von Wechseln in der Winterpause ab 2020/21 bis hinauf in die ersten Ligen zwar etwas unter. Doch die Auswirkungen dieser 'kleinen Revolution' dürften so enorm sein, dass künftig rund um die Saisonhalbzeit einiges mehr los sein könnte in den höchsten deutschen Ligen. Vielleicht werden dadurch - jetzt einmal nur mit Blick auf die TTBL gesprochen - sogar die Karten im Rennen um die Meisterschaft und Play-off-Plätze sowie im Kampf gegen den Abstieg noch einmal neu gemischt. Winterwechsel, durch die ein neuer Transfermarkt entsteht, haben in jedem Fall das Zeug, für den grauen (und weitgehend ja doch schon vor Saisonbeginn berechenbaren) Liga-Alltag als 'Booster' für die zweite Hälfte der Saison zu wirken. 

Belebter Konkurrenzkampf statt Wettbewerbsverzerrung

Puristen, derer im Tischtennis viele vorhanden sind, rufen bezüglich einer solchen Regelung seit Jahren schon Wettbewerbsverzerrung. So viel Macht dieses Schlagwort jedoch entfalten mag, so wenig verfängt dieser Vorwurf: Denn grundsätzlich bekommt nunmehr jeder Verein die Gelegenheit, die Ergebnisse des ersten Saisonabschnitts zu bewerten und über Korrekturen am Personaltableau zu befinden. Wo die einen womöglich zufrieden sind, drohen die anderen unter (nicht selten auch unverschuldeten) Umständen, ihre Ziele zu verfehlen – es steht jedem Klub frei, zu handeln oder eben nicht. Das ist keine Wettbewerbsverzerrung, sondern Konkurrenzkampf – nicht nur, aber gerade eben auch im Profisport.

Transfers gehören zur Professionalität eines Sports. Veränderungen des Kaders mögen im Profibereich auch Geld kosten, ja, aber beispielsweise könnte gerade der TTK Anröchte in der Damen-Bundesliga durch die – zu Saisonbeginn weder abzusehenden noch auszuschließenden – Schwangerschaften seiner Spielerinnen Shi Qi und Marta Golota einen noch viel höheren Preis bezahlen müssen, denn den Westfalen droht mit ihrem verbliebenen Rumpfkader nach Jahren kontinuierlicher Arbeit und trotz sicherlich akribischer Planung unversehens ziemlich konkret der Abstieg. Eine ähnliche Konstellation machte Berlin vor zwei Jahren einen Strich durch alle Rechnungen in Meisterschaft und Champions League – und dürfte den Hauptstadt-Klub den einen oder anderen Euro an Prämien gekostet haben. Was mag Rekordchampion Borussia Düsseldorf im Falle einer Verletzung von Timo Boll oder Meister TTF Liebherr Ochsenhausen durch eine Zwangspause von Hugo Calderano wegen verpasster Titel oder Endrundenteilnahmen an Boni abschreiben müssen? Wie hoch ist zudem der ideelle Preis für das Ansehen des Tischtennis in der Öffentlichkeit, wenn in der TTBL – wie vor einigen Jahren geschehen – aufgrund von Verletzungen plötzlich in einem Spiel die beiden über 40 Jahre alten Trainer (Danny Heister/Düsseldorf und Andreas Fejer-Konnert/TTC Hagen in der Spielzeit 2014/15) gegeneinander antreten müssen?

Chance auf mehr Aufmerksamkeit

Abgesehen von der Möglichkeit zu Reaktionen auf unvorhersehbare Ausfälle bietet eine zweite Wechselperiode auch die Chance auf mehr Aufmerksamkeit. Ein sich drehendes Spielerkarussell und die entsprechenden Gerüchte beleben das Geschäft ungemein. Wenngleich nur sehr bedingt vergleichbar, steht der Fußball als Paradebeispiel dafür: In der Winterpause rollt ab spätestens kurz vor Weihnachten bis mindestens in den späten Januar in den deutschen Topligen nicht ein Ball, aber dennoch muss 'König Fußball' aufgrund der mitunter stündlich neuen Wasserstandsmeldungen zu einer Unzahl von mal mehr und mal weniger interessanten Transfers oder gar nur Spekulationen keinen Einbruch der Neugier seiner Fans befürchten. Auch Basketball, Handball, Eishockey und Volleyball, jene in der Tischtennis-Szene als direkte Konkurrenten im Kampf um Marktanteile ausgemachten Sportarten also, lassen auf der Zielgeraden ihrer Meisterschaften durch Spielerwechsel bis Ende Januar und teils sogar bis Mitte Februar regelmäßig aufhorchen. Tischtennis hat da bisher – siehe oben – nur sehr wenig entgegenzusetzen. Genau genommen sogar gar nichts.

Lösbare Probleme bei der Umsetzung

Manche beschrieenen Probleme durch die Einführung von Winterwechseln lassen sich relativ einfach lösen. Denn will ein Verein einen vorzeitigen Wechsel eines wichtigen Spielers verhindern, lässt sich das ziemlich simpel durch eine entsprechende Klausel im jeweiligen Vertrag vermutlich im Gegenzug für einen Zuschlag verhindern. Gut möglich ist dadurch aber auch, dass Ablösesummen auch im Tischtennis zu einem Thema werden. Alles wohl also eine Frage des Geldes, aber schon seit jeher geht Professionalisierung mit finanziellen Aspekten Hand in Hand.

Andere Schwierigkeiten hingegen lassen sich nicht einfach durch das Portemonnaie regeln. Dazu gehört sicherlich eine Angleichung der zweiten Wechselfrist und der Spielpläne, denn wären schon in dieser Spielzeit Transfers erst ab 1. Januar möglich, würde in der TTBL schon fast die Hälfte der Rückrunde (16. Spieltag am vierten Adventwochenende) gespielt sein. 

Damit die neue Wechselmöglichkeit auch ligenübergreifend sinnvoll genutzt werden kann, müssten wohl die Spielpläne wenigstens der drei obersten Spielklassen hinsichtlich des Abschlusses der Hinrunde so weitgehend wie möglich harmonisiert werden, wobei in anderen Sportarten 'Nachzügler' keine Ausnahme sind und auch die Bedürfnisse der Nationalmannschaften an Vorbereitungsmaßnahmen für Großereignisse nicht außer Acht gelassen werden dürfen. Als zusätzliches Instrument für die Regelung beider Themenbereiche kommt durchaus ein Zeitfenster für Wechsel anstelle eines 'Tages X' in Betracht. Eine solche Lösung könnte auch ein Baustein für eine auf Sicht unverzichtbare Einführung einer europäischen Wintertransferperiode sein.

Mehr Professionalisierung und Spannung als Gewinn

Diese mitunter diffizilen Fragestellungen sollten aber keine zu hohen Hürden darstellen. Der Zugewinn an Professionalität wiegt die Mühe bei der Bewältigung der Probleme allemal auf. Insofern ist der Beschluss von Frankfurt trotz seiner nur knappen Mehrheit (rund 54 Prozent der Stimmen) ein überfälliger Schritt in die absolut richtige Richtung gewesen.

Zu erwarten dürfte nun zunächst sein, dass alle Beteiligten sich an die neuen Rahmenbedingungen herantasten und Erfahrungen sammeln werden. Ob sich dabei die veränderten Umstände gleich durchschlagend auswirken werden, muss abgewartet werden. Nach der Gewöhnung an den neuen Transfermarkt allerdings sollten sich nicht zuletzt die Fans auf zusätzlich deutlich mehr Spannung in den Rückrunden freuen dürfen. Alleine dadurch ist auch das Tischtennis ein Gewinner dieser 'kleinen Revolution'.

(Dietmar Kramer)

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