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Der Phasendrescher: Das talentierte Kind

In seiner dritten Reihe beleuchtet Phasendrescher Philipp Hell die Phasen einer Amateurkarriere (©Laven)

30.09.2019 - Nach den typischen Phasen eines Amateurspiels und einer Amateursaison beleuchtet 'Phasendrescher' Philipp Hell seit dieser Saison in seiner dritten Reihe die Phasen einer Amateurkarriere – wie immer mit einem Augenzwinkern und einer Portion Humor. Ging es im ersten Teil der neuen Serie im August noch um den Tischtennis-Knirps, widmet er sich in der zweiten Ausgabe nun dem talentierten Kind.

Der zwölfjährige Finn hat wirklich alles zu bieten was man im Kreisliga-Tischtennis gewöhnlich nicht findet: Ballgefühl, Bewegungstalent, eine Sportlerfigur, gesunden Ehrgeiz und Trainingseifer. Allerdings fragt man sich: Wie lange noch? Denn die Pubertät naht mit großen Schritten und sein bester Kumpel Paul hat schon einen Oberlippenflaum und geht seit kurzem mit der blonden Lena, weil die hat schon Brüste.

Der Traum eines jeden Talentscouts
Noch aber fährt Finn – von solcherlei Dingen gänzlich unbeeindruckt – regelmäßig zwei Mal die Woche mit dem Fahrrad (inklusive Helm) ins Training, hört dort auf seinen Trainer und versucht sich sportlich zu verbessern, trägt brav seine Brille mit Sportband und macht keinen Quatsch in der Umkleidekabine, versteckt sich nicht auf der Toilette, wenn zum Warmwerden drei Runden in der Halle gelaufen werden, und ist sich auch nicht zu schade, beim Balleimertraining der anderen Kinder hinten die Bälle wieder einzusammeln. Kurz: Finn ist der Traum eines jeden Talentscouts.

Er weiß schon, wo er online Spielergebnisse und Tabellen nachlesen kann (damit weiß er deutlich mehr als der ein oder andere Senior im Verein), er kann die Schnittvarianten gegnerischer Aufschläge lesen (damit kann er jetzt schon mehr als die gesamte fünfte Herrenmannschaft), er kennt sich mit Belägen, Schwammstärken und unterschiedlichen Bällen aus (damit kann er mehr als jeder Materialspieler) und er kann schon seit längerer Zeit bis elf zählen (damit kann er mehr als der ansonsten noch talentiertere Tischtennis-Knirps). Was er nicht kann: Gegen Noppen spielen. Macht aber auch nichts, denn in der Jugend-Kreisliga B trifft man solche Spieler nur sehr selten an und gegen Routinier Wilfried hätte er bei seiner ersten Teilnahme an der Herren-Vereinsmeisterschaft so oder so hoch verloren.

Ein Pokal nach dem anderen
Hoch motiviert klappert Finn am Wochenende mit seinem hoch motivierten Coach und seinem noch höher motivierten Papa diverse ambitionierte Turniere in der Umgebung ab und sammelt dabei jede Menge Urkunden und Sachpreise. Mama hat zwar die wichtigsten Urkunden eingerahmt und an Finns Kinderzimmerwand gehängt (und alle übrigen Urkunden sorgfältig foliert, gelocht sowie ordentlich in durchnummerierten Ordnern abgeheftet). Doch was jetzt aus den 13 gewonnenen Schlägerhüllen, den zahllosen Duschgels (3in1!), den unzähligen Seifenblasendosen und all den anderen sinnlosen Sachpreisen wird, bleibt vorerst ungeklärt. Außerdem ist auch kein Platz mehr für weitere Regale an der Wand, auf denen all die überaus großen und unfassbar hässlichen Pokale ausgestellt werden könnten.

Da sich Finn in der Jugend-Kreisliga unter all den durchschnittlich untalentierten Spielern sichtlich langweilt und seit zwei Jahren keinen Satz mehr abgegeben hat, darf er bereits ein wenig in den Herren-Spielbetrieb reinschnuppern. Dort wird er von all den Senioren und Familienpapas zwar beim Einspielen zunächst höflich belächelt, doch nach so einem kläglich mit 2:11 verlorenen Eröffnungssatz gegen einen Zwölfjährigen sieht sich der ein oder andere mit puterrotem Gesicht (ob vor Anstrengung oder aus Scham, bleibt offen) dazu genötigt, im zweiten Satz andere Saiten aufzuziehen. Schön zu beobachten ist jedoch, dass Finn sich gegenüber jeglichen gemeinen Aufschlägen, unfairen Psychotricks, Diskussionen mit dem Schiedsrichter und sonstigen Mätzchen gänzlich unbeeindruckt zeigt. Er spielt einfach sein Spiel, besiegt ungerührt den einen oder anderen Gegner, der sein Opa sein könnte, und macht dabei seinen natürlich immer anwesenden Papa mächtig stolz.

Was wird aus Finn?
Die große Frage ist jetzt natürlich: Was wird aus Finn und seinem Tischtennis-Talent? Während der Coach und sein Papa darüber debattieren, ob es in einigen Jahren mal für die Verbandsliga oder doch sogar eventuell für die Regionalliga reichen könnte (mit klarer Tendenz nach oben), debattieren die Lästerzungen im Verein lediglich darüber, ob Finn schon mit 13 oder erst mit 15 von heute auf morgen mit Tischtennis aufhören wird. Jahrelanges Engagement in der Jugendförderung macht eben sarkastisch und ein Schüler-Kreismeistertitel hält die Motivation auch nicht ewig aufrecht.

Klar ist aber, dass Finn zumindest nicht zum Fußball wechseln wird. Sein Ballgefühl beschränkt sich nämlich eindeutig auf die Hände und beim Schulsport-Fußball hat ihm ein Klassenkamerad kürzlich ein solches Veilchen geschossen, dass Mama schon beinahe in die Notaufnahme fahren wollte. So etwas kann beim Tischtennis glücklicherweise nicht passieren - worüber sowohl Finn als auch Mama sehr froh sind. Aber die Mama vermutlich noch ein bisschen mehr.

Zur ersten Phase "Der TT-Knirps"

(Philipp Hell)

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