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Janinas Blog: Eine Prise Bollywood kann nicht schaden

Das indische Publikum war bei jedem Spiel außer Rand und Band (©Facebookseite Ultimate Table Tennis)

12.08.2019 - Haben Sie in den vergangenen Wochen die indische Liga Ultimate Table Tennis verfolgt? myTischtennis.de-Redakteurin Janina Schäbitz beschäftigte sich fast täglich mit den Chennai Lions, Goa Challengers oder RP-SG Mavericks und stellt dem innovativen Turnier ein sehr gutes Zeugnis aus. Vor allem an die Präsentation kommt ihrer Meinung nach aktuell kaum ein anderes Tischtennisturnier heran.

Sind Ihnen die Namen Manav Thakkar, Sutirtha Mukherjee oder Madhurika Patkar schon einmal begegnet? Ja? Und würden Sie für diese Spieler den PC hochfahren, um sich eine Partie mit ihnen anzuschauen? Ganz ehrlich: Mich würde ein Duell zwischen Harmeet Desai und Amalraj Anthony auch nicht unbedingt vom Sofa herunterlocken. Denn auch wenn der eine oder andere indische Spieler inzwischen immer häufiger auch international positiv auffällt, kennt man die Akteure der südasiatischen Nation dann meistens wohl doch zu schlecht, um die indische Liga mit Interesse zu verfolgen. Wie also hat es Ultimate Table Tennis in den vergangenen 18 Tagen geschafft, dass ich fast täglich eingeschaltet und die Partien verfolgt habe? Mit einer extrem professionellen Aufmachung, fähigen Kommentatoren sowie Moderatoren und einem schlauen Konzept.

Tischtennis à la Bollywood

Wer keinen Schimmer hat, was Ultimate Table Tennis ist, dem seien die wichtigsten Eckpunkte kurz erklärt. Ultimate Table Tennis ist der Name der indischen Liga, die bereits vor drei Jahren mit einem interessanten Konzept an den Start ging. Es gibt in dieser Liga nur sechs Mannschaften, die Saison dauert nur 18 Tage, es gibt eine Liga- und Play-off-Phase, die Mannschaften bestehen aus Männern und Frauen, Indern und internationalen Spielern, es werden pro Spiel fix drei Sätze gespielt. Und: Es zählen nicht die gewonnenen Spiele, sondern die gewonnenen Sätze für die Tabelle, so dass jeder Durchgang wichtig ist. Wahrscheinlich sind einige von Ihnen spätestens jetzt ausgestiegen. Wieder so ein Schnickschnack, den kein Mensch braucht, für den Tischtennis verändert wird, obwohl der Sport doch genau so, wie er ist, perfekt ist. Ja, Tischtennis ist gut so, wie es ist - da bin ich dabei. Aber das heißt für mich nicht, dass man nicht auch mal etwas anderes ausprobieren könnte. Und womöglich findet sich bei dieser Gelegenheit ja sogar etwas, das auch für die Ursprungssportart interessant ist. Aus meiner Sicht macht Ultimate Table Tennis den traditionellen Veranstaltungen der ITTF zum Beispiel in Sachen Präsentation noch einiges vor. 

Nun sind die Sehgewohnheiten in Indien wohl etwas anders als hierzulande. Das denke ich mir zumindest immer, wenn ich mir Bollywood-Filme anschaue. Genauso ist auch die bunte und teils schon schrille Aufmachung von Ultimate Table Tennis für mich auf den ersten Blick etwas 'drüber'. Aber wenn man sich darauf einlässt und akzeptiert, dass die Moderatoren zum Teil etwas überdreht wirken oder die Spieler zum Einmarsch eine kleine Choreo aufführen, kommt doch vor allem eines rüber: großer Spaß an dem, was sie da gerade machen. Tatsächlich kommen mir die Spieler auffällig locker und gut gelaunt vor, was natürlich hervorragend mit der Stimmung der Zuschauer korrespondiert, die es während der Spiele nicht auf den Sitzen hält. Und obwohl die Mannschaften erst kurz vor dem Ligastart nach amerikanischem Vorbild in einem ‚Draft‘ zusammengewürfelt wurden, spürt man einen Teamspirit, der nicht unbedingt in jeder deutschen Bundesligamannschaft so zu beobachten ist. Das wird sicher auch durch das Ligaformat begünstigt. 18 Tage lang sind die Spieler in Neu Delhi zusammen, konzentrieren sich voll und ganz auf ihr Engagement bei UTT und machen sicherlich viel gemeinsam. Klar, dass das zusammenschweißt. 

Einschalten wie in Daily-Soap-Zeiten

Wie ich im Gespräch mit meinen Kollegen herausgefunden habe, ist für manche diese Begrenzung auf 18 Tage eher ein Punkt für die Contra-Liste, da es ihnen zum Beispiel schwerer fällt, eine Verbindung zu den Teams aufzubauen. Bei mir ist es witziger Weise genau andersherum. Ich fühlte mich fast an alte Daily-Soap-Zeiten erinnert, als man zu „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ oder „Verbotene Liebe“ täglich den Fernseher zu einer bestimmten Zeit angestellt hat. Für mich führte gerade die Begrenzung auf 18 Tage dazu, dranzubleiben, weil an jedem Tag etwas passierte, das große Finale aber immer in Sichtweite war. Zudem, und das ist das Entscheidende, waren die einzelnen ‚Folgen‘ einfach kurzweilig. Das hatte mehrere Gründe: Zum einen gefällt mir, dass es in dieser Saison erstmals nur fünf und nicht sieben Spiele pro Begegnung gab. Mit dem Mixed-Doppel in der Mitte entwickelte sich so ein guter Spannungsbogen ohne Längen. Zum anderen stießen mir die leicht angepassten Regeln nicht sauer auf, sondern führten in meinen Augen eher zu einem Spannungszugewinn. Mir gefällt, dass jeder Satz zählt; dass man sich keinen Fehlstart ins Spiel leisten darf, sondern sofort da sein muss; oder dass, auch wenn im letzten Einzel schon feststeht, dass das eigene Team verloren hat, noch wichtige Punkte für die Tabelle gesammelt werden können. Auch der Golden Point bringt aus meiner Sicht mehr Spannung, da bei 10:10 zwangsläufig die Entscheidung fallen muss - und man sich nicht endlos in ein weiteres Unentschieden retten kann. Die traditionelle Variante hat durchaus auch seine Reize, keine Frage, aber der Golden Point ist für mich eine wirklich interessante Alternative. Ich muss sagen, bei Ultimate Table Tennis fiel es mir leicht, diese Regelanpassungen zu akzeptieren. Leichter als bei T2 Diamond, wo die Zeitbegrenzung und Fast5-Phase für mich noch immer eher unnatürliche Elemente sind.

Vor allem trägt aber die professionelle Produktion dazu bei, dass ich gerne eingeschaltet habe. In Sachen Kameraeinstellungen, Einspielern und Präsentation macht den Indern so schnell keiner was vor. Einen großen Anteil daran hat auch ITTF-Kommentator Adam Bobrow, der nicht nur viel Ahnung hat, sondern auch noch unterhaltsam ist - und das bei Ultimate Table Tennis auch richtig ausleben kann. Als Ergänzung dienen ein kundiger Co-Kommentator und eine pfiffige Moderatorin, die die Spieler aus der Reserve lockt. Gewürzt wird das Ganze noch mit hilfreichen Statistiken, die vor und nach den einzelnen Spielen eingeblendet werden, und der Vergabe von mehreren Awards nach jedem Spiel, z.B. für den besten Ballwechsel oder den besten indischen und internationalen Spieler. Das mag man übertrieben finden, ist auch in meinen Augen nicht unbedingt nötig, aber stellt ein weiteres buntes Element dar, auf das die indischen Zuschauer offenbar anspringen und das man ganz wunderbar in den sozialen Medien verkaufen kann. Überhaupt ist Ultimate Table Tennis natürlich vor allem auf das indische Publikum ausgelegt, aber schafft es allein schon durch die Einbindung der internationalen Spieler, dass sich auch Tischtennisbegeisterte außerhalb Indiens für die Liga interessieren. Ein schlaues Konzept, da dies den Wettbewerb sportlich aufwertet, die Aufmerksamkeit der jeweiligen Heimatländer der Sportler auf sich zieht und nebenbei gut für die Entwicklung der indischen Spieler ist, die seit der ersten Ultimate-Table-Tennis-Saison auch international ordentlich Boden gutmachen konnten.

Toller Sport und gute Laune

Also, man merkt es schon: Mich hat die Liga gekriegt. Ich werde auch nächstes Jahr wieder gerne einschalten, weil sie neben tollem Sport auch einfach gute Laune bietet. Davon wünsche ich mir tatsächlich auch bei traditionellen Turnieren mehr - eine lockere, aber professionelle Aufmachung und nicht die trockene und leider etwas langweilige Art und Weise, wie zum Beispiel World-Tour-Turniere dargeboten werden. Das Bunte, Schrille bleibt sicherlich in Indien, aber ein kleines Stückchen davon könnten sicherlich auch wir uns davon abschneiden.

(JS)

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