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Dietmars Blog: Aufruf zum Widerstand

Tischtennis erregt leider viel zu selten die Aufmerksamkeit der TV-Sender (©Fabig)

11.02.2019 - Die mangelnde Präsenz des Tischtennissports im deutschen Fernsehen ist seit Jahren, ja inzwischen sogar seit Jahrzehnten ein großes Ärgernis. Die Kritik von Eishockey-Nationalspieler Moritz Müller an der anhaltenden Ignoranz der öffentlich-rechtlichen Sender gegenüber anderen Sportarten außer Fußball schlug denn auch kürzlich hohe Wellen in ‚Sport-Deutschland‘. Für unseren Blogger Dietmar Kramer taugt Müllers Vorstoß durchaus als Vorbild für den Tischtennissport.

Schon mal etwas von Equanimeous St. Brown gehört? Nein? Nun, es ist auch für Sport-Interessierte alles andere als eine Bildungslücke, den deutschstämmigen Football-Profi aus der NFL nicht zu kennen. Dem ZDF jedoch war St. Brown am Wochenende vor dem Super Bowl gleich eine Einladung ins „Aktuelle Sportstudio“ wert. Man darf geneigt sein, zu glauben, dass die Mainzelmänner damit Ende Januar gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen gedachten: Einerseits wirkte das Football-Thema als hübsche Frischzellenkur für die in die Jahre gekommene Kultsendung von einst gegenüber der forschen Konkurrenz von ProSieben oder Sport1, zum anderen diente St. Brown als eines der seltenen und deswegen umso willkommeneren Feigenblätter zur Abwehr von Kritik an der Monoberichterstattung über Fußball auch im ‚Zweiten‘.

War Timo Boll einmal im ZDF-Sportstudio?

Man fragt sich jedoch, was das ZDF außer senderpolitischen Aspekten auch inhaltlich zu St. Browns Einladung bewogen haben mag. Sportliche Gründe können es kaum gewesen sein: Denn mit seinen Green Bay Packers gehörte der 22-Jährige in seiner ersten NFL-Saison zu den schwächsten Teams der Liga und deswegen schon Anfang Januar zu Beginn der ‚heißen‘ Play-off-Phase nur noch zu den Zuschauern. Der erste Deutsche in der NFL und damit eine Ausnahmeerscheinung ist St. Brown, der in den USA geboren ist und lebt und Deutschland nur durch jährliche Besuche kennt, auch nicht. Womöglich beglückwünschten sich die Sportstudio-Macher aber auch vielmehr zu St. Browns Zusage, weil die Mutter des Wide Receivers mit familiären Wurzeln im Saale-Kreis aus Leverkusen stammt und sein Vater Anfang der 80er Jahre zweimal „Mr. Universum“ war. Oder vielleicht doch wegen seines tatsächlich doch recht seltenen Vornamens? 

Man weiß es nicht. Aber als Tischtennis-Fan fragt man sich mit immer weiter wachsender Ratlosigkeit und auch zunehmender Verärgerung: Wann war eigentlich Timo Boll das letzte Mal im Sportstudio? War der viermalige Weltranglistenerste, einst auch „Chinas Staatsfeind Nr. 1“, Rekordeuropameister und erfolgreichste deutsche Tischtennisspieler aller Zeiten, war Deutschlands Fahnenträger bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro überhaupt schon einmal in Mainz? Mögliche Erinnerungen jedenfalls sind längst verblasst. Auch Dimitrij Ovtcharov hätte man sich nach seinem famosen Jahr 2017 mit dem Sprung an die Spitze der Weltrangliste gut an der legendären ZDF-Torwand vorstellen können. Warum? Weil es – bei Boll wie Ovtcharov – aufgrund ihrer zahlreichen Erfolge, die übrigens ein Equanimeous St. Brown erst einmal auch nur im Ansatz noch sammeln muss, schlicht und einfach angebracht ist - längst. Beide hätten, falls es für das ZDF über sportliche Meriten hinaus notwendig wäre, durch ihre Gattinnen auch internationales Flair und Human Touch zu bieten.

Eishockey-Star Müller prangert Ignoranz von ARD/ZDF an

Man kann sich mit der Ignoranz des ZDF - und auch der ARD - abfinden. Man kann aber auch den Mund aufmachen – wie Moritz Müller: Der Eishockey-Nationalspieler ärgerte sich Mitte Januar in der fußballlosen Zeit offenbar schwarz über das ‚Zweite‘, weil vom sogenannten Winter Game der Deutschen Eishockey Liga (DEL) seiner Kölner Haie unter freiem Himmel im WM-Stadion des Traditionsvereins 1. FC Köln vor fast 50.000 Zuschauern gegen den rheinischen Erzrivalen nicht einmal mit einer einzigen Silbe im „Sportstudio“ berichtet wurde. So schwarz, dass einer der ‚Silber-Helden‘ von den Olympischen Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang seinem Frust über die sozialen Netzwerke Facebook und Instagram freien Lauf ließ: „47.000 Menschen schauen sich ein so tolles Event an und ZDF-Sportstudio erwähnt es nicht mit einem Wort im ‚Aktuellen Fussballstudio‘, oh Entschuldigung, ‚Sportstudio‘. Das in der Winterpause und ein Jahr nach dem Olympischen Erfolg. Alles bleibt wie es ist....Schade!“

Ja, wirklich schade. Aber Müllers Protest, durch den sich nicht zuletzt auch der in Köln vor den Toren der Winter-Game-Arena ansässige Westdeutsche Rundfunk angesprochen fühlen durfte, schlug hohe Wellen. Seine rund 20.000 Follower teilten flugs die Kritik des Kufenflitzers auf ihren Kanälen, und bundesweit griffen die Medien das Thema auf und transportierten dadurch nicht nur Müllers Unmut hinaus ins Land. Prompt stellte der NDR für Ende Februar eine Berichterstattung vom nächsten DEL-Nordderby zwischen den Grizzlys Wolfsburg und den Fishtown Pinguins Bremerhaven zumindest schon einmal in Aussicht. Es ist dies ein erster Teilerfolg von Müllers öffentlichem Protest, zumal die ARD mit ihren zahlreichen Sendeanstalten für die einzelnen Bundesländer und das ZDF aufgrund ihrer enormen Reichweite trotz Internet und Spartensendern immer noch die wichtigsten und effektivsten Multiplikatoren für die Abbildung einer Sportart sind.

Anerkennung des Status quo für Tischtennis keine Option

Was kann man im Tischtennis daraus – und auch aus den jahrelangen und inzwischen als erfolgreich anzusehenden Lamenti der Handball-Szene – lernen? Nun, die wichtigste Lektion erscheint ziemlich simpel: Sich mit dem äußerst unbefriedigenden Status quo abzufinden, sollte als Option nicht mehr länger in Betracht kommen. Doch genau das geschieht schon seit langem. Vor und nach der deutlichen Kritik von DTTB-Präsident Michael Geiger im vergangenen Jahr an der enttäuschenden TV-Präsenz der German Open bei den Öffentlich-Rechtlichen ist im Tischtennis-Lager - offiziell jedenfalls - nichts ähnliches zu vernehmen gewesen. Selbst nach den wieder einmal nur sehr schwachen TV-Zeiten bei der Heim-WM 2017 in Düsseldorf kam niemand aus der Deckung. 

Auch die Topvereine haben sich mittlerweile, so scheint es wenigstens, mit ihrem Platz in der Livestreaming-Nische von sportdeutschland.tv wenn auch noch nicht abgefunden, so doch jedenfalls arrangiert. Meister Borussia Düsseldorf wirbt immerhin seit Wochen beim Bayerischen Rundfunk für das Mega-Event „Weltklasse-Tischtennis in München“ des ausgelagerten Bundesliga-Spiels am letzten Februar-Wochenende gegen Pokalsieger TTF Liebherr Ochsenhausen. Dass aber sogar der Branchenführer trotz des Auftritts von Boll in der bayerischen Bundesliga-Diaspora beim Spiel der beiden wohl besten Vereinsmannschaften Deutschlands weniger als zwei Wochen vor dem Match noch keine Zusage für einen TV-Bericht vorliegen hatte, spricht auch Bände.

Veränderung der inneren Haltung notwendig

Womöglich muss aber auch die Tischtennis-Szene ihre ‚innere Haltung‘ einfach einmal verändern. Müllers Vorstoß kann dabei als Vorbild dienen – für Funktionäre, Manager, Spieler aus dem Profi-Bereich und an der Basis sowie nicht zuletzt auch die Fans. Der Unmut über die stiefmütterliche Behandlung des Tischtennis-Sports durch das (öffentlich-rechtliche) Fernsehen muss endlich einmal auch öffentlichkeitswirksam zum Ausdruck gebracht werden. Statt die TV-Macher zu hofieren oder Reporter für die Moderation größerer Veranstaltungen zu verpflichten, womöglich in der Hoffnung, bei späteren Planungskonferenzen der TV-Redaktionen doch bedacht zu werden, gehört der Anspruch der nicht gerade kleinen Tischtennis-Gemeinde endlich in organisierter Form und mit Rückgrat vernehmlich formuliert.

Handball ist aufgestanden gegen die unverschämte Ignoranz des Fernsehens, Eishockey jetzt auch. Für Tischtennis sollte die Zeit zum Widerstand ebenfalls gekommen sein.

(Dietmar Kramer)

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