Blog

Der Phasendrescher: Von Drückebergern und Heimduschern

Der Auf- und Abbau der Tische gehört nicht zu den beliebtesten Tätigkeiten in einem Amateurspiel (©Koch/Laven)

26.02.2018 - Das Spiel ist beendet, die Gastmannschaft packt ihre Siebensachen und für die Gastgeber steht die unliebsame Aufgabe des Abbauens auf dem Programm. Geht der Kelch eventuell an einem vorüber, wenn man nur angestrengt in seine Sporttasche guckt? Oder ist es sogar besser, schnell einen Tisch in den Geräteraum zu schieben, so dass man noch etwas heißes Wasser abbekommt? Unser Phasendrescher Philipp Hell kann auch über diese Phase eines Amateurspiels so einiges erzählen.

Ist das Punktspiel nach langem Kampf und literweise vergossenem Schweiß endlich beendet, so gilt es für die Gastmannschaft lediglich, ihre Siebensachen in der Sporttasche zu verstauen (Schläger, Ersatzschläger, Alternativschläger, Thermobecher mit „isotonischen“ Getränken, lächerliches Schweißband etc.) und ab unter die Dusche. Für die Heimmannschaft jedoch steht zunächst noch die etwas ungeliebte Disziplin Abbauen auf dem Programm. Das heißt, für alle Spieler der Heimmannschaft außer Peter, denn der stürmt bereits frisch geföhnt aus der Halle und ruft seinen Jungs im Vorbeirennen noch zu: „Geh, ihr seid mir nicht bös!? Die Regierung wartet schon, aber beim nächsten Mal helfe ich bestimmt wieder mit!“ Ganz bestimmt Peter, so wie die letzten vier Saisons eben auch schon. So liegt es an der Resttruppe, alle maroden Tische so zusammenzuklappen, dass sie möglichst nicht wieder umfallen können und die nigelnagelneuen Netze in den wie immer viel zu kleinen Kartons zu verstauen. Außerdem müssen Zählmaschinen eingeordnet, kaputt getretene Bälle aufgehoben sowie die durchhängenden Banden zurück in den Geräteraum getragen werden. Schließlich will man auf gar keinen Fall die teuren Gerätschaften einer Meute von Siebtklässlern im Schulsport am nächsten Vormittag überlassen.

Schön wär’s!

Ja, das müsste alles getan werden. Doch keiner rührt sich so recht, jeder Spieler geht äußerst geschäftig einer anderen Tätigkeit nach: Mannschaftsführer Basti zählt gerade zum siebten Mal auf dem Spielberichtsbogen die Sätze des heutigen Punktspiels zusammen, der Jungspund berichtet seiner aktuellen Flamme per WhatsApp ganz aufgeregt von seinen neuesten Erfolgen, Karl-Uwe putzt schon minutenlang seinen Schläger, der Sozialpädagoge im Team unterhält sich noch mit einem Zuschauer über dessen private Probleme und Hotte wühlt schon eine Ewigkeit leise vor sich hinmurmelnd in seiner Sporttasche (oder was er dafür hält) herum. Die Minuten vergehen, bis dann doch alle einsehen, dass sich von selbst noch nie eine Halle aufgeräumt hat. Ächzend erhebt man sich, beginnt das zähe Aufräumritual und beneidet die Fußballer auf dem Sportplatz draußen, die nach dem Spiel natürlich nie die Tore wegtragen müssen.

Irgendwann ist die Halle dann doch wieder leer und schweren Schrittes schleppt sich die müde Bande in die Umkleide. Nur noch unter die hochverdiente Dusche und schon kann man endlich in die Wirtschaft aufbrechen. Doch leider trifft man zwischen Fußschweiß, leeren Deos und einem Haufen vergessener Sportbekleidung auf ungeahnte Hindernisse. 

Zwei Dusch-Lager

Karl-Uwe stellt umgehend fest, dass sein Handtuch leider noch zu Hause auf der Wäscheleine hängt, vielen Dank schon mal an die Ehefrau. Vor zwei mehr oder weniger eklige Alternativen gestellt, entscheidet er sich dagegen, Hottes bereits benutztes und daher noch feuchtes Handtuch anzunehmen – stattdessen wird er sich heute mit seinem verschwitzten Trikot abtrocknen. Dass er offensichtlich auch keine Ersatzsocken eingepackt hat, ist an diesem gebrauchten Tag auch schon egal. Vor Spielbeginn hatte er noch Glück gehabt, als er zwar zunächst feststellen musste, keine kurze Hose eingepackt zu haben, dann aber bei der verzweifelten Suche nach einem passenden Ersatz in dem Kleiderhaufen tatsächlich seine seit mehreren Monaten vermissten und zum Trikot passenden Shorts entdeckt hatte. Was für ein Zufall! Auf jeden Fall sollte Karl-Uwe nächste Woche sorgfältiger seine Sporttasche packen, so viel ist ihm klar.

Zum Thema eklige Alternativen sei nebenbei noch erwähnt, dass sich die Kreisliga-Duscher klar in zwei Lager aufteilen: diejenigen mit „Adiletten“ und diejenigen ohne. Während es Letzteren offenbar vor gar nichts graut, lassen Erstere auch gerne mal eine Dusche ausfallen, sobald sie feststellen, dass sie ihre wichtigsten Utensilien (wichtiger noch als der Schläger!) leider zu Hause vergessen haben: „Schon mal die aktuellen Studien über die Schimmeldichte in öffentlichen Umkleiden gelesen? Nein? Dagegen ist eine holländische Champignon-Zucht Brachland…!“

Arktische Verhältnisse

Hotte wiederum hatte – als er als Erster alleine unter der Dusche stand – festgestellt, dass sein Duschgel (wie bereits die ganze Saison über) leer ist. Nun denn, heißes Wasser ist ja ohnehin das Wichtigste einer Dusche. Apropos: Als die weiteren Kollegen endlich eintrudeln, kann von heißem Wasser ohnehin nicht mehr die Rede sein. Die Einschätzung schwankt zwischen „äußerst erfrischend“ und „arktisch“, je nach Warmduscher-Grad des Spielers. Die Gästemannschaft hat dem alten Boiler mal wieder alles abverlangt. 

Völlig unabhängig vom Vorhandensein warmen Wassers kann man in so einer Kreisligadusche selbstverständlich immer die neuesten Tattoo- und Brustrasur-Trends verfolgen, sich über die Größe diverser Körperteile austauschen und sich bei Bedarf das Duschgel des Mitspielers ausleihen – natürlich nicht, ohne es dann lautstark zu kommentieren: „Warum nimmst du denn so ein Zeug mit Fruchtgeruch und nicht etwas richtig männliches?“

Jungspund Leon wiederum, intern auch „der Heimduscher“ genannt, wartet ungeduscht und ungeduldig in seinem Trainingsanzug auf seine Mitfahrgelegenheit. Schließlich muss er heute noch in die einzige Kneipe im ganzen Ort mit Ü35-Publikum, die vermutlich äußerst kreativ „WunderBar“, „SonderBar“ oder „BarCelona“ heißt. Auf den zum wiederholten Mal von Sören äußerst einfühlsam (ein echter Sozpäd!) vorgebrachten Vorschlag, sich doch endlich nicht mehr so anzustellen und sich hier gefälligst auch mal zu duschen, kontert Leon überraschend mit dem Hinweis, dass er, würde er regelmäßig mit alten Männern duschen wollen, ja auch ins Kloster hätte gehen können. Sören schüttelt ungläubig den Kopf, während er sich mit Gesichts- und Rasierwasser behandelt, welches, dem Geruch nach zu urteilen, vermutlich bereits vor dem letzten Krieg erhältlich war. Ganz allgemein gesprochen wird selbst in einer Männerumkleide ebenso intensiv wie heimlich das Pflegeprogramm des Nachbarn beobachtet: Als Sören (intern gerne „die hohe Stirn“ genannt) dann auch noch ausgiebig mit Haarspray hantiert, muss er sich unter dem dröhnenden Gelächter der Umstehenden von Basti fragen lassen, ob es sich dabei um ein Kopfhautspray handelt. 

Angespannte olfaktorische Lage

Ja, das ist schon eine verschworene und herzliche Truppe, die hier gegenseitig versucht, nur ja nicht den Sportschuhen des Sitznachbarn zu nahe zu kommen. Da hilft auch das von Basti (intern oftmals „der Stinker“ genannt) verwendete angebliche Muskelöl nichts, mit dem er einmal mehr die ohnehin angespannte olfaktorische Lage in der Herrenumkleide malträtiert.

Karl-Uwe, sichtlich genervt von den üblichen Debatten sowie seinem nicht vorhandenen Handtuch, flüchtet sich mal wieder in die Damenumkleide. Dort gibt es erfahrungsgemäß wenigstens noch warmes Wasser, er kann sich ungesehen mit seinem Trikot abtrocknen und muss sich nackt von niemandem etwas weggucken lassen. Elfie, die einzige Dame im Verein, hat das Training ja schon vor über einer Stunde beendet, das heißt Bahn frei für Karl-Uwe, der so eine Dusche alleine durchaus zu schätz… - AAAAAAH! 

Ein gellender Schrei tönt bis hinüber in die Herrenumkleide, wo sich vier von Karl-Uwes Mitspielern köstlich amüsieren. Anscheinend hatte es sich noch nicht bis zu jedem herumgesprochen, dass Elfie, mit ihren 78 Jahren eventuell nicht mehr ganz taufrisch, nach dem Tischtennis-Training neuerdings direkt im Anschluss noch zum Yoga in der zweiten Halle geht und sich erst dann umzieht. Eines ist sicher: Diesen Umstand wird Karl-Uwe künftig genauso wenig vergessen wie den Anblick, der sich ihm in der Damenumkleide bot.

(Philipp Hell)

Ähnliche Artikel

Kommentar schreiben

* Pflichtfeld

Sicherheitsabfrage Bitte geben Sie die untenstehende Zeichenfolge im Feld darunter ein.

Copyright © 2018 myTischtennis GmbH. Alle Rechte vorbehalten.