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Dietmars Blog: 'Dimas' WRL-Führung ein Pfund zum Wuchern

Dimitrij Ovtcharovs Erfolge stellen eine große Chance für den deutschen Tischtennissport dar (©ITTF)

08.01.2018 - Dimitrij Ovtcharov ist seit Jahresbeginn auch offiziell die Nummer eins der Tischtennis-Welt. Von der Strahlkraft dieses großen Erfolgs für den deutschen Spitzenspieler kann auch sein Sport profitieren und in seiner Außenwirkung in eine günstigere Position kommen. Unser Blogger Dietmar Kramer hat sich die Situation genauer angeschaut und sieht viele Chancen, die am besten möglichst rasch genutzt werden sollten.

Dimitrij Ovtcharovs Aufstieg zur Nummer eins der Tischtennis-Weltrangliste beschert seinem Sport in Deutschland eine Chance. Eineinhalb Jahrzehnte nach dem letzten Deutschen, dem dieses Kunststück gelang, Timo Boll nämlich, verfügt das deutsche Tischtennis aufgrund der Übernahme der prestigeträchtigen Spitzenposition durch den im vergangenen Jahr tatsächlich stärksten Spieler der Welt erneut über ein öffentlichkeitswirksames Pfund. Ein Pfund, das in seiner Außenwirkung zumindest vorübergehend einen WM-Titel oder gar einen Olympiasieg, die immer als Voraussetzung für einen Boom genannt werden, aufwiegen kann. Ein Pfund, das sehr wohl einen (kleinen) Popularitätsschub sowohl für Ovtcharov selbst als auch das deutsche Tischtennis in seiner Gesamtheit initiieren kann. Ein Pfund auf jeden Fall, mit dem man wuchern kann. Ein Pfund, mit dem eigentlich auch gewuchert gehört.

Alltag als Risiko

Vor diesem Hintergrund wirken die eher zurückhaltenden Reaktionen der deutschen Tischtennis-Prominenz unmittelbar nach Ovtcharovs durchaus historischem Coup in der marktschreierischen Welt des Profisports zwar einerseits wohltuend. Andererseits jedoch ist auch das Risiko zu erkennen, dass das eigene Licht allzu weit unter den Scheffel gestellt werden könnte. Nunmehr fast einen Monat nach Ovtcharovs entscheidendem Erfolg für den Sprung an die Spitze und auch einige Tage seit dem offiziellen „Machtwechsel“ nämlich zeichnet sich in der Szene bereits wieder eine „Business as usual“-Attitüde, der graue Alltag eben, ab. Ovtcharovs nunmehr tatsächlich exponierte Stellung bietet allerdings reichlich Gelegenheit zu nicht alltäglichen Maßnahmen und Aktionen. Genau genommen gebietet die Gunst der Stunde einen solch außergewöhnlichen Einsatz auch, will man, wie DTTB-Vizepräsidentin Heike Ahlert unverhohlen forderte, verstärkt in die Medien und mithin in die Öffentlichkeit.

Ovtcharov sogar im Kicker

Allein der forsche Anspruch hält der Wirklichkeit indes nicht stand. Beinahe nämlich entsteht mittlerweile der Anschein, dass in der Tischtennis-Blase das 15 Jahre nach Timo Boll sehr wohl noch außergewöhnliche Ereignis eines Weltranglistenersten aus Deutschland und die damit verbundenen Möglichkeiten unter Wert eingeschätzt werden. Ein umso bemerkenswerteres Signal für Ovtcharovs neues Standing unter den deutschen Sport-Persönlichkeiten hingegen kam zu Beginn der zweiten Januar-Woche ausgerechnet aus dem Fußball-Lager: Das Fachmagazin „Kicker“, hierzulande für mehrere Millionen Leser immer noch geradezu die allwöchentliche „Bibel des Fußballs“ und im Laufe der vergangenen Jahre fast nur noch auf den Volkssport Nummer eins und zumeist noch ein wenig Motorsport fokussiert, wich für Ovtcharov von seinem feststehenden Grundkonzept ab und druckte auf mehr als einer Seite ein ausführliches Interview mit dem Weltcupsieger.

Diese von Fachleuten vorgenommene Ausnahme spricht Bände für die Strahlkraft von Ovtcharovs zumindest derzeitigem Stellenwert in der Öffentlichkeit. Eine andere Botschaft lautet: Man muss das Eisen schmieden, solange es – angesichts der nicht von der Hand zu weisenden Möglichkeit von Ovtcharovs späterer Ablösung als Nummer eins – heiß ist. Um in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu gelangen, muss auch an die Öffentlichkeit gegangen werden. In Einzelfällen kann umständehalber Öffentlichkeit auch einfach einmal (oder im Idealfall auch strategisch) hergestellt werden. Abgesehen von den klassischen Kanälen bieten hierzu im Multimedia-Zeitalter besonders auch die sozialen Netzwerke noch undenkbare Möglichkeiten – inklusive des Zugangs zur so sehr umworbenen „Generation Smartphone“.

Anschauungsunterricht bei der Konkurrenz

Wie schon mehrfach an dieser Stelle angeregt, empfiehlt sich für einen angemessenen Umgang mit der neuen Konstellation im Tischtennis auch einmal (wieder) ein etwas intensiverer Anschauungsunterricht bei „König Fußball“ oder auch jenen Sportarten, die als Konkurrenz für das eigene „Produkt“ angesehen werden. Schon nämlich drängen die Handball-Europameister mit ihrer bevorstehenden „Mission Titelverteidigung“ in den Vordergrund, bald beanspruchen auch die Australian Open der Tennisprofis weitere Aufmerksamkeit des sportinteressierten Publikums, und ebenfalls schon in Kürze wird ohnehin die Fußball-Bundesliga nach Ende ihrer Winterpause die vielzitierte Hoheit über den Stammtischen zurückerobern, vom Countdown zu den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang ganz zu schweigen. 

Ovtcharovs großer Wurf und damit auch Tischtennis als Thema hingegen versanden dadurch in den hinteren Regionen des kollektiven Gedächtnisses. Denn nach Lage der Dinge ist erst wieder Anfang Februar im Zuge des Europe Top 16 Cups im schweizerischen Montreux mit sportlichen Neuigkeiten über die Nummer eins zu rechnen. Im schnelllebigen Sportbusiness gefühlt also mindestens noch eine halbe Ewigkeit – und für Tischtennis in jedem Fall zu lang.

Mehr Selbstbewusstsein 

Natürlich ist immer noch nicht von heute auf morgen zu bewerkstelligen, dass Ovtcharov, Boll und ihr Sport in aller Munde sind oder kommen. Doch wäre unter den veränderten Vorzeichen – Deutschland ist auch faktisch eine Spitzennation - für das Tischtennis ein zumindest etwas offensiverer und vielleicht ein wenig mutigerer, unbedingt aber proaktiverer Umgang mit seinen Trümpfen Ovtcharov und Boll hilfreich. Wenn nämlich Boll "nur" in China als Superstar gilt und gerade erst noch - trotz Ovtcharovs Super-Jahr - eine globale Wahl zum "Weltspieler 2017" gewinnt, hierzulande aber entgegen seines hohen Ansehens in Insiderkreisen (Wahl zum Olympia-Fahnenträger in Rio) nach eigener Aussage immer noch unerkannt in Straßencafés sitzen kann, sind bei Bemühungen um einen höheren Stellenwert vermutlich auch manche Hausaufgaben nicht ausreichend erledigt worden.

Ovtcharovs Sprung an die Spitze der Weltrangliste ist deswegen auch eine zweite Chance. So einige andere olympische Sportarten würden sich eine Galionsfigur von seinem Format und mit seinen Qualitäten wünschen. Für Tischtennis wäre deswegen schon viel erreicht, wenn sich der Sport eine nur etwas selbstbewusstere Attitüde erlauben oder auch auferlegen würde – statt Ovtcharov auf einen vermeintlichen Profiteur der (überfälligen) Modernisierung des Weltranglistensystems zu reduzieren. Dank seiner Idole wie Jörg Roßkopf, Boll und nun auch Ovtcharov hat das deutsche Tischtennis jedenfalls allen Anlass dazu.

(Dietmar Kramer)

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