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Der Phasendrescher: Nach dem Spielen kommt das Rechnen

Ein Glück, dass man den TTR-Wert nicht selbst ausrechnen muss (©Koch/Laven)

06.11.2017 - Unser ‚Phasendrescher‘ Philipp Hell biegt langsam in die entscheidenden Phasen eines Amateurspiels ab. Die eigenen Einzel sind gespielt, jetzt wird der Rechenschieber - oder alternativ das Smartphone - aus der Sporttasche gezogen. Wie geht der Mannschaftswettkampf aus? Aber noch viel wichtiger: Wie entwickelt sich der eigene TTR-Wert? Philipp Hell gibt uns wieder einmal auf treffende Art und Weise Einblicke in die normalen Abläufe eines Amateurmatchs.

Kaum hat man seine Einzeleinsätze für den Tag beendet (wie fast immer mit weniger Siegen als erhofft), beginnt die verdammte Rechnerei. Erstens: Reicht das heute noch für den Mannschaftssieg? Und zweitens, und vielen Spielern eben auch deutlich wichtiger: Wie viele TTR-Punkte habe ich heute gewonnen oder verloren?

Das Rätselraten beginnt

Zunächst zum noch nicht beendeten Mannschaftsspiel: Klar ist der aktuelle Spielstand und auch die eigenen Ergebnisse sind bereits bekannt. Doch nun beginnt das Bangen, das Rätselraten und eben die verdammte Rechnerei: An Tisch 1 sieht es eigentlich ganz gut aus für Klaus-Dieter, allerdings hat er dieses Jahr bereits einige hohe Führungen völlig unnötigerweise verspielt. An Tisch 2 muss nun unser Jungspund gegen das Noppen-Ass des Gegners antreten, den Punkt kann man folglich bereits abschreiben, so viel ist klar. Jerôme war schon vor dem Match ganz blass um die Nase.

Anschließend muss dann Hotte ran, der ist momentan in Topform. Allerdings auch immer für einen pomadigen Auftritt und ein abgeschenktes Match gut, wenn er Streit mit seiner besseren Hälfte hatte. Und hinterher gilt es dann für Ersatzmann „Kante“ gegen diesen noch gänzlich unbekannten Neuzugang, auch ganz schwer zu sagen. Rechnen wir mal insgesamt mit 2:2 Siegen, dann hätten wir ja einen Punkt bereits sicher. Und könnten folglich im Schlussdoppel den Deckel drauf machen. Andererseits: Hotte sieht unkonzentriert aus, der fummelt die ganze Zeit an seinem Handy herum. Das ist kein gutes Zeichen. Bei Klaus-Dieter scheint das Match gerade zu kippen und Jerôme zweifelt an sich und der Welt. Des Gegners Neuzugang wiederum, so höre ich gerade nebenbei, hat angeblich früher mal Landesliga gespielt. Verdammt, das würde ja bedeuten, also wenn mich nicht alles täuscht, hm, so herum, und dann addiert, eine Eins im Sinn – Donnerwetter, gehen wir hier heute etwa mit einer Niederlage heim? Gegen diese Eierköpfetruppe? Doch noch sind alle Fragen offen. 

Wie geht das mit diesem TTR-Wert noch mal?

Nicht so für Hotte, denn der hat keinen Streit mit seiner Freundin oder denkt an so etwas Banales wie das weitere Abschneiden seiner Mitspieler. Nein, nein, er versucht, auf dem Handy seinen neuen TTR-Wert zu berechnen. Gar nicht so einfach: Gewinnwahrscheinlichkeit, Änderungskonstante, Dezimalbrüche, hol‘s der Geier! Braucht man ja ein Studium der höheren Mathematik, um das zu verstehen. Dabei wurden doch extra die Sätze vor einigen Jahren von 21 auf 11 verkürzt, um es Tischtennisspielern mit leichter Dyskalkulie deutlich einfacher zu machen. Hotte war ganz klar dafür. Und dann wird kurze Zeit später ein völlig schleierhafter TTR-Wert eingeführt, ein Wahnsinn ist das.

Allerdings ist Hotte anscheinend auch ein TTR-Anfänger. Erstens kann man die - in der Tat hochkomplexe - TTR-Berechnung selbstverständlich auch mit der myTischtennis.de-App erledigen. Und zweitens errechnen die wahren Experten ohnehin im Voraus, welche Möglichkeiten bestehen: Klaus-Dieter beispielsweise weiß genau, dass er, wenn er nach dem ersten Sieg auch sein gerade wieder zurückkippendes zweites Match an Tisch 1 noch gewinnt, heute Abend +11 Punkte gemacht haben wird, bei einer Pleite sind es -5 und hätte er beide Spiele verloren, wären es sogar -21 gewesen, brrrrr. Hat er alles heute Nachmittag bereits im Büro ausklamüsert, man muss ja vorbereitet sein. Gerade mental und rechnerisch. Dumm nur, wenn dann einer seiner erwarteten Gegner wegen eines eingewachsenen Zehennagels urplötzlich ausfällt und plötzlich ein anderer Spieler nachrückt, das ist immer ganz unangenehm für Klaus-Dieter. Dann muss er als Nichtraucher immer extra eine Raucher-Pause im ruhigen Eck hinter der Halle einstreuen, um mittels oben erwähnter App seine neuen TTR-Möglichkeiten auszuloten. Waaaas, dieser Gegner hat 80 Punkte mehr als er selbst? Das wird eng!

Nur „Kante“ braucht keine Punkte

Jerôme wiederum mag einen albernen Namen und vom Spiel gegen Noppen keine Ahnung haben. Dafür hat er Mathe-Leistungskurs. Und kann folglich über die TTR-App nur müde schmunzeln, denn er kann selbstverständlich im Kopf ausrechnen, dass seine Siegwahrscheinlichkeit gegen Noppen-Norbert genau 17,35% beträgt. Respekt! Leider ist das nur seine theoretische Siegwahrscheinlichkeit, seine praktische liegt – dafür braucht er gar keinen Mathe-LK – ziemlich genau bei 0,00%. 

Gänzlich unbeeindruckt von all diesen Rechnereien ist wieder einmal der routinierte „Kante“: Laut eigener Aussage spielt er seit 30 Jahren auf gleichbleibenden Niveau, da braucht er keine komischen Punkte, die ihm das bestätigen. Gegen Hans-Peter vom TSV Nord hat er noch nie gewonnen, gegen Kalle vom SV Ost noch nie verloren und gegen den langen Norddeutschen vom SC West ist es immer fünfzig-fünfzig. Alles klar!?

(Philipp Hell)

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