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Jans Blog: Konstante DTTB-Herren – zwei Seiten der Medaille

Ist auch mit 36 Jahren noch unter den Top 30 der Weltrangliste zu finden: Bastian Steger (©ITTF)

09.10.2017 - Mit Timo Boll und Dimitrij Ovtcharov haben zum ersten Mal in der Geschichte zwei deutsche Spieler den Sprung in die Top 5 der Weltrangliste geschafft. Auch sonst lesen sich die Platzierungen der männlichen DTTB-Asse alles andere als schlecht und vermeintliche 'Oldies' wie Boll und Steger mischen weiterhin gut mit. Den noch ausbleibenden Generationswechsel im deutschen Lager nimmt Jan Lüke in seinem Blog unter die Lupe.

Wenn sich an den Wänden der DTTB-Geschäftsstelle in Frankfurt noch kahle Stellen finden lassen, gibt es für die seit der letzten Woche ein neues Bildmotiv zum Selbstausdrucken: Die ITTF hat die Oktober-Weltrangliste veröffentlicht. Für das deutsche Herren-Tischtennis ist das neue Ranking eine prächtige Standortbestimmung. Vier Spieler unter den Top 30, sieben Spieler unter den Top 60, neun Spieler unter den Top 100. Auch weit hinter der Schlagzeile, dass die deutschen Herren erstmals in der Geschichte mit zwei Spielern unter den ersten Fünf der Weltbestenliste vertreten sind, ist die aktuelle Weltrangliste ein Sinnbild von Stärke. Die deutschen Männer sind – natürlich weit hinter den Chinesen und weitaus knapper hinter den Japanern, die für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio aufrüsten – im Welttischtennis beeindruckend gut aufgestellt.

Bis auf wenige Ausnahmen positive Entwicklungen zuletzt
Dabei ist eingetreten, was man vor einigen Jahren kaum hätte erwarten können: Die Herren-Nationalmannschaft hat ihr Niveau halten oder gar weiter nach oben schrauben können. Am ehesten war das noch bei Dimitrij Ovtcharov absehbar: Die Nummer eins des DTTB hat ihren Status bestätigt. Ovtcharov spielt konstant auf sehr hohem Niveau, liefert abermals eine starke Saison mit zahlreichen internationalen Titeln ab. Die große Herausforderung für ihn wird sein, bei den Großevents wie Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften so erfolgreich zu sein, wie es der Ehrgeizling gerne sein möchte. Ovtcharov wird seine Lehren aus den schmerzhaften Niederlagen von Rio de Janeiro (Viertelfinale der Olympischen Spiele gegen Vladimir Samsonov) und Düsseldorf (Achtelfinale der Einzel-WM gegen Koki Niwa) ziehen – und es wieder probieren. Mehr überrascht hat derweil das bisherige Sportjahr des deutschen Tischtennis-Aushängeschilds Timo Boll. Auch wenn sein fünfter Platz in der Weltrangliste auch dadurch zustande kommt, dass einige Konkurrenten ihren Wettkampfkalender nach der WM ausgedünnt haben, so gibt er dennoch ein Spiegelbild dessen ab, was der Düsseldorfer in den vergangenen Monaten an den Tisch bringt. Besser als dieser Tage jedenfalls war der olympische Fahnenträger seit vielen Jahren nicht. Boll spielt aggressiver, bewegt sich geschmeidig – und scheint zudem dauerhaft beschwerdefrei, was es ihm ermöglicht, die für ihn so wichtigen regelmäßigen Wettkämpfe zu spielen. Boll ist offenkundig – ähnlich wie der ebenfalls 36 Jahre alte Roger Federer im Tennis – nicht gewillt, sich dem Altern zu beugen. Ganz im Gegenteil.

Auch hinter der deutschen Doppelspitze ist die Entwicklung positiv: Ruwen Filus hat sich als deutsche Nummer drei etabliert. Seit Jahren geht es für den variablen Allroundspieler Saison für Saison ein Stückchen nach vorne. Derweil hat Bastian Steger sich nach einer verletzungsreichen Nach-Olympia-Saison mit einem schwachen WM-Abschneiden wieder in die Spur gebracht. Ricardo Walther und Benedikt Duda – Letzterer am Wochenende Halbfinalist bei den Polish Open – arbeiten weiter erfolgreich daran, sich in den Top 50 der Weltrangliste festzusetzen. Und auch Patrick Franziska hat sich erfolgreich aus seinem ersten Karrieretief herausgekämpft. International und gerade jüngst bei der EM zeigte sich der Saarbrücker so stabil wie in den letzten beiden Spielzeiten nicht mehr. Vor dem Hintergrund kann Bundestrainer Jörg Roßkopf es wohl verschmerzen, dass der zweimalige Deutsche Meister Steffen Mengel gerade aus dem Tritt gekommen ist und ihm mit Patrick Baum eine frühere Stütze der Nationalmannschaft fehlt. Deutschlands Kader hat eine breite Spitze, wie es sie im Welttischtennis sonst nur in China und Japan gibt.

Kein Grund, gezielt auf junge Akteure zu setzen
Dass die deutschen Herren ihre eigene Erfolgsgeschichte fortschreiben und auch die ältere Garde um Boll und Steger nicht nachzulassen gedenkt, könnte in Zukunft allerdings Probleme mit sich bringen. Denn für den DTTB gibt es gerade keinen Grund, gezielt auf junge Akteure zu setzen. Das derzeit so überragende Nationalteam, in dem selbst hart um Startplätze für große Turniere gekämpft werden muss, lässt kaum Spielraum für Experimente: U-20-Spielern Einsätze auf internationalem Parkett zu ermöglichen, ist kaum einmal denkbar. Während sich ihre europäische Konkurrenz aus den Jugendjahrgängen auf internationalen Turnieren probieren kann, bieten sich solche Möglichkeiten etwa für beiden letzten Deutschen Jugendmeister Dennis Klein und Gerrit Engemann, aber auch für die Jugend-Mannschaftseuropameister Tobias Hippler oder Cedric Meissner kaum einmal. Der Leistungsunterschied, der zwischen ihnen und den deutschen Topspielern klafft, ist schlichtweg noch zu groß. Dadurch wird es wiederum schwieriger für den deutschen Nachwuchs, näher an das Topniveau heranzurücken – ein Teufelskreis. Wohin der führen kann, hat das schwedische Tischtennis im letzten Jahrzehnt durchleben müssen. Die Goldene Generation um Waldner, Persson und Karlsson, die bis ins fortgeschrittene Sportleralter auf Weltklasseniveau spielte, sorgte unfreiwillig dafür, dass Schwedens Herren nach ihr in ein Loch fielen.

Einer, dem gelungen ist, diesen Teufelskreis in Deutschland zu durchbrechen, ist Benedikt Duda. Duda ist mit 23 Jahren derzeit der jüngste unter Deutschlands Topspielern. Der Bergneustädter holte spät auf, dafür aber mit großen Schritten. Nun darf man am ehesten dem hoch veranlagten Kilian Ort in den nächsten Jahren den Sprung unter die Top 100 zutrauen. Doch auch der frisch gekürte Sieger der Bundesrangliste, den Verletzungen immer wieder zurückwarfen, hat als 172. des Rankings und als Bundesliga-Debütant noch weite Wege vor sich – und ist mit 21 Jahren auch bereits in seinem letzten großen Entwicklungszyklus angekommen.

Der DTTB wird ein großes Interesse daran haben, ihn und die Jahrgänge unter ihm nach Kräften zu unterstützen. Genauso gerne wird man sich beim Verband aber die Oktober-Weltrangliste anschauen. Vielleicht ja auch als Poster an der Wand.

(Jan Lüke)

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