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Der Phasendrescher: Zeit für eine Auszeit?

Hilft jetzt noch eine Auszeit? (©Koch/Laven)

17.04.2017 - Wenn gar nichts mehr läuft und man die Niederlage schon vor Augen hat, hilft nur noch eins: eine Auszeit zu nehmen! Unser ‚Phasendrescher‘ Philipp Hell nimmt sich in seinem Blog diese psychologisch wichtige Phase in einem typischen Amateurspiel vor und stellt fest: Die Gründe, aus denen ein Timeout genommen wird, können von Typ zu Typ sehr unterschiedlich sein. Vom stillen Gebet zum Tischtennisgott bis zum emotionslosen Anstarren der Hallenwand ist alles dabei.

Das Match biegt langsam, aber sicher auf die Zielgerade ein und ebenso langsam, aber sicher steuert der Gegner auf einen klaren Erfolg zu? Irgendwie scheint nichts zu helfen und man ist der Verzweiflung nahe? Die Punkte rinnen einem einfach so zwischen den Fingern durch und abwechselnd schlägt es links und rechts von einem ein? Wenn gar nichts mehr hilft im Tischtennis – hilft dann vielleicht eine Auszeit? Vermutlich nicht – einen Versuch ist es aber sicherlich trotzdem wert.

Eine tolle psychologische Waffe

Als vor einigen Jahren die – neudeutsch als Timeout – bezeichnete Auszeit auch für Kreisliga-Spieler und ähnliche Athleten ins Tischtennis-Regelwerk aufgenommen wurde, sahen einige Spieler eine große psychologische Möglichkeit in der Schlussphase eines Matches auf sich zukommen. Andere befürchteten wiederum, aus ihrem Flow gerissen werden zu können und somit sicher geglaubte Matches gegen Taktikfüchse noch zu verlieren. Und dann gibt es da noch diejenigen Spezialisten, welche bis heute nichts von der Regeländerung mitbekommen haben und völlig verdutzt an der Platte verharren, wenn ihr Gegner bei 9:6 im Entscheidungssatz mit seinen beiden Händen ein „T“ bildet, um sich dann minutenlang mit seinen Teamkameraden zu beraten.

Ja, minutenlang. Auch wenn das im Regelbuch vielleicht etwas anders steht, der ein oder andere Spieler sieht auch bei sieben Matchbällen für den Gegner noch ausführlichen Redebedarf mit seinem Coach – selbst wenn ihn das in den Satzpausen zuvor keinen Deut weitergebracht hat. Aber egal, vielleicht erhält man ja jetzt endlich den alles entscheidenden Tipp, mit dem man diesen verzwickten Aufschlag des Gegners mit diesem gemeinen Seit-Unterschnitt erstmals retournieren kann.

Stilles Gebet zum Tischtennisgott

So lässt man sich von drei Kameraden gleichzeitig bequatschen und beratschlagen, hört, dass man sowohl offensiver als auch defensiver spielen muss, versucht verzweifelt, in Ruhe einen Schluck zu trinken oder betet zum Tischtennisgott, dass man bitte heute nicht gegen diese Pappnase verliert!

Ganz anders die Kalkulierer: Sie brauchen selber eigentlich keine Auszeit, wollen ihren hektischen Gegner, der sich gerade in Topspin-Rage geprügelt hat, aber irgendwie bremsen. So halten sie entweder ein kurzes ungezwungenes Schwätzchen mit dem Schiri oder starren eine Minute lang die Hallenwand an. Nur um sich dann mit regungsloser Miene wieder an den Tisch zu stellen und dem völlig aus seinem Konzept geratenen Gegner die nächsten vier Punkte in Folge abzuknöpfen.

Manch einer wird aber auch förmlich zu einem Timeout gezwungen: Der 87-jährige Routinier etwa, der bei seinem zweiten Einzel im vierten Satz bei jedem Ballaufheben kurz vor dem Exitus steht und von seinen Mitspielern gezwungen werden muss, endlich ein Päuschen einzulegen. Schließlich will niemand Mund-zu-Mund-Beatmung mit einem ebenso wallenden wie ungewaschenen Rauschebart ausführen. Andere wiederum sehen sich selbst zu einer Unterbrechung gezwungen, wenn sie gerade in der Verlängerung verzweifelt gegen den Satzverlust ankämpfen, am Nachbartisch jedoch ein episches Match inklusive Zeitspiels und diverser anscheinend diskutabler Situationen nach 47 Minuten endet und sieben Mann vorne und hinten durchs eigene Spielfeld laufen, während bereits die nächste Paarung lautstark aufgerufen wird.

Auszeit aus Versehen

Schließlich sei noch der alte Haudegen „im Tunnel“ genannt: Schon immer bekanntermaßen ein großer Gegner der Auszeit, wird er eines Tages einfach überlistet. Als er einen völlig missratenen Satz bei 2:10 fälschlicherweise bereits beendet wähnt, verlässt er die Platte und stellt sich grübelnd ans Ende der Box, sicherlich auf der Suche nach einer neuen Strategie. Gegner und Schiri bleiben verdutzt am Tisch zurück. Die Mitspieler machen ihren Mann mit hektischen Bewegungen darauf aufmerksam, dass er doch ein „T“ als Zeichen geben muss, wenn er eine Auszeit nehmen will. Jaja, die Deppen, denkt sich der Haudegen, ich nehme doch keine blöde Auszeit. Zum Spaß macht er aber doch das Zeichen um seine nervigen Mitspieler ruhigzustellen – schließlich muss er sich dringend auf seine Stärken besinnen. Aber erst als er wieder an den Tisch zurückkehrt, um vermeintlich in den Entscheidungssatz zu starten, klärt sich das Missverständnis auf: Noch immer steht es 2:10 im vierten Satz. Große Erheiterung in der Halle, der alte Adalbert hat unfreiwillig die erste Auszeit seines Lebens genommen.

Das wäre dem Cleveren sicherlich nicht passiert, weiß er doch: Wer muss sich schon auf eine Auszeit pro Match verlassen, wenn er ja ein Handtuch dabei hat, mit dem er sich nach jedem Ballwechsel den nicht vorhandenen Schweiß sekundenlang von der hohen Stirn wischen kann?

(Philipp Hell)

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