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SV Schleusingen 90: Gelebte Inklusion mit großen Erfolgen

Gewannen bei den Special Olympics World Games 2015 die Goldmedaille: Katrin Kerkau und Sina Schellenberger (©SV Schleusingen 90)

13.06.2022 - Seit dem Jahr 2008 wird Inklusion beim thüringischen Verein SV Schleusingen 90 großgeschrieben. Inzwischen spielen neun Menschen mit Förderbedarf bei der geistigen Entwicklung im Verein Tischtennis, zudem gibt es fünf "Unified Doppel". Bei den Special Olympics Invitational Games in Malta im Mai stellten die Thüringer zwei Unified Doppel, die mit insgesamt vier Medaillen zurückkehrten. Doch der Gewinn von Medaillen ist nur ein Teil der Erfolgsgeschichte.

Ursprung und Bindeglied des Ganzen beim SV Schleusingen 90, der 2017 mit dem thüringischen Inklusionspreis ausgezeichnet wurde, ist die Abteilungsleiterin Uta Schellenberger. Die Schulleiterin im Rehazentrum Schleusingen sitzt seit 20 Jahren gewissermaßen 'an der Quelle', arbeitet vor Ort mit geistig beeinträchtigten Menschen. "Ich habe im Rehazentrum Tischtennistraining gegeben und irgendwann gefragt: Warum sollte das nicht direkt im Verein stattfinden? Am Anfang kamen zwei Sportler, danach wurden es mehr", berichtet Schellenberger über die Anfänge. Mit den Wohnheimen der geistig beeinträchtigten Menschen sei damals abgeklärt worden, dass die entsprechenden Personen ganz normal zum Training kommen konnten – und das tun sie seit einigen Jahren regelmäßig. Inzwischen gehören neun Personen mit Förderbedarf bei der geistigen Entwicklung – das Spektrum umfasst u. a. Menschen mit Lernbehinderungen, geistigen Behinderungen und psychischen Problemen – dem SV Schleusingen 90 an. Zwei von ihnen nehmen auch am regulären Spielbetrieb teil.

Anfängliche Berührungsängste normal
Am Anfang habe es durchaus Berührungsängste bei den übrigen Vereinsmitgliedern gegeben, sagt Schellenberger. "Der Umgang mit geistig beeinträchtigten Menschen muss erst einmal gelernt werden. Es ist wichtig, dass man sie nicht wie kleine Kinder behandelt, sie durchaus auch in die Pflicht nimmt." Natürlich habe mal jemand gefragt: Was ist denn mit dem los? Beim konkreten Beispiel sei es um einen Spieler gegangen, der an einer Persönlichkeitsstörung leide. "Als sich die anderen dann aber ein Bild von ihm gemacht hatten, war der Umgang ganz normal. Das funktioniert nur durch Begegnungen. Indem beide Seiten merken, wie die andere tickt", so Schellenberger. Grundsätzlich müsse man sich bei der Arbeit mit geistig Beeinträchtigten individuell auf die Menschen einlassen, ein Händchen haben für den Bedarf und einen geeigneten Weg der Förderung finden. "Das sollte meiner Meinung nach aber auch bei den Nichtbehinderten immer der Anspruch sein. Und außerdem: Wer hat schon nicht irgendeine Macke? 'Special' ist doch eigentlich jeder, deshalb ist die Einteilung in behindert und nichtbehindert immer relativ."

Bei der Frage nach den größten Erfolgen der Sportler des SV Schleusingen 90 zählt Schellenberger dann auch nicht zuerst Medaillen auf. "Ein Gewinn ist die Teilhabe der geistig beeinträchtigten Menschen an sich und dass es im Verein dann auch genug Engagierte gibt, die sagen: Wir machen das, wir wollen das." Bei den "Special Olympics Invitational Games" in Malta Mitte Mai stellte der Verein mit zwei "Unified Teams", die stets aus einem behinderten und einem nichtbehinderten Spieler bestehen, die gesamte deutsche Delegation. Zwei Gold-, eine Silber- und eine Bronzemedaille sprangen für die beiden Teams heraus. Der international größte Erfolg der Schleusinger Athleten war die Doppel-Goldmedaille von Katrin Kerkau und Uta Schellenbergers Tochter Sina als Unified-Partnerin bei den Special Olympics World Games 2015 in Los Angeles.

Weltspiele 2023 in Berlin
Im kommenden Jahr finden die Special Olympics World Games in Berlin statt, was natürlich ein attraktives Ziel für die Sportler ist. Für die Weltspiele qualifizieren kann man sich über die nationalen Special Olympics, die in diesem Jahr vom 19. bis 24. Juni ausgetragen werden – ebenfalls in Berlin. "Als Sieger erfüllt man das Nominierungskriterium für die Weltspiele, dann geht es nach Quote und danach, ob schon mal jemand an Weltspielen teilgenommen hat. Wenn ein Sportler nämlich schon einmal mitgemacht hat, startet eher jemand anderes", erklärt Uta Schellenberger und weiß zu berichten: "Bei uns sind schon alle ganz aufgeregt angesichts der nationalen Spiele in Berlin. Es wird eine tolle Woche werden!"

(DK)

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