Regelecke

Regellücke? Klärungsbedarf zum Ende des Ballwechsels

Wie ist zu entscheiden? Schiedsrichter haben manchmal einen schweren Job (©Roscher)

23.02.2018 - In der Regelecke versuchen wir stets, kniffelige Situationen zu finden, in denen nicht unbedingt sofort offensichtlich ist, wie dort zu entscheiden ist. So fragten wir vor wenigen Wochen, was passiert, wenn ein Ball die Grundlinie schon Richtung Aus überquert hat und dann noch der Tisch verschoben wird. Es entbrannte eine heiße Diskussion, die nachdenklich stimmte, ob die Regeln hier unterschiedlich auslegbar sind. Nun wollen wir beim DTTB-Ressort Schiedsrichter eine offizielle Antwort erfragen.

Ob beim Fußball, Mensch-ärgere-dich-nicht oder Tischtennis - Spielregeln dienen stets dazu, die Bedingungen zu definieren, unter denen ein Spiel ablaufen soll. Dabei muss beim Aufstellen eines Regelwerks an alle möglichen Fälle gedacht werden, die vorkommen und für Diskussionen sorgen könnten. Ein schwieriges Unterfangen, was wir auch auf der Suche nach unseren Regeleckenfragen öfters merken, die sich gerne mit nicht ganz alltäglichen Situationen beschäftigen. In der Folge „Aus Versehen den Tisch verrutscht - wie geht’s weiter?“ stießen wir nun auf einen Fall, in dem es für mehrere Antwortmöglichkeiten gute Argumente gibt und bei dem sich selbst erfahrene Schiedsrichter nicht einig sind. So entbrannte nicht nur unter unserem Artikel, sondern auch hinter den Kulissen eine heiße Diskussion - unter anderem zwischen absoluten Experten des Regelwerks. 

Aber was ist nun richtig? Wir möchten den Fall hier noch einmal ausführlich darstellen und verschiedene Paragraphen anbringen, die für die eine oder andere Seite sprechen, und dann das DTTB-Ressort Schiedsrichter bitten, eine offizielle Entscheidung zu treffen. Die Frage lautete wie folgt:

Der Ball von Spieler A hat gerade die Grundlinie Richtung Aus überquert, als Spieler B aus Versehen den Tisch verrutscht. Was passiert?
a) Spieler B bekommt den Punkt.
b) Spieler A bekommt den Punkt.
c) Wiederholung.

Zur Erläuterung: Der Ball hat die gegnerische Seite also nicht berührt, ist eigentlich schon im Aus, als der Tisch noch verrutscht wird. Dass die Spielfläche nicht bewegt werden darf, ist klar im § A 10.1.9 beschrieben: „Sofern der Ballwechsel nicht wiederholt wird, erzielt der Spieler einen Punkt, wenn sein Gegner oder etwas, das dieser an sich oder bei sich trägt, die Spielfläche bewegt.“ Der Knackpunkt ist also vielmehr, ob der Ball, als er die Grundlinie passiert hat, noch im Spiel war, wonach § A 10.1.9 zum Einsatz käme, oder ob das Überschreiten der Linie bereits den Ballwechsel beendet hat. Für die zweite Variante spricht der § A 10.1.4: „Sofern der Ballwechsel nicht wiederholt wird, erzielt der Spieler einen Punkt, wenn der Ball sein Spielfeld oder seine Grundlinie passiert, ohne sein Spielfeld zu berühren, nachdem er von seinem Gegner geschlagen wurde.“ 

Auf den ersten Blick erscheint es nach diesem Paragraphen somit logisch, dass Spieler B trotz des Tischwacklers den Punkt bekommen muss. Unser Regelexperte Lars Czichun, ein internationaler Schiedsrichter ‚Blue Badge‘, hält dagegen: „Der Ball ist auch nach dem Überqueren der Grundlinie noch im Spiel - und zwar so lange, bis er den Boden, die Umrandung, die Wand oder ähnliches berührt hat.“ Dies steht so zwar nicht explizit in den Regeln, Czichun beruft sich allerdings auf den § A 5.2: „Der Ball ist im Spiel vom letzten Moment an, in dem er – bevor er absichtlich zum Aufschlag hochgeworfen wird – auf dem Handteller der freien Hand ruht, bis der Ballwechsel als Let (Wiederholung) oder als Punkt entschieden wird.“ Danach ist der Ball so lange aktiv, bis der Schiedsrichter eine Entscheidung getroffen hat. 

Hätte der Schiri nun im Moment des Überfliegens der Grundlinie sofort eine Entscheidung treffen müssen, so wie in § A 10.1.4 angedacht? Dagegen sprechen Bälle, die ihre Richtung durch starke Rotation noch einmal ändern können, wie zum Beispiel zu weit geratene Ballonabwehrbälle, die hinter der Grundlinie noch eine Kurve fliegen und doch noch den Tisch treffen. „Daher muss gewartet werden, bis der Ball entweder zu Boden geht oder gegen die Wand oder Umrandung fliegt. Und dann trifft der Schiedsrichter eine Entscheidung“, erläutert Czichun. „In § A 10.1.4 steckt die Abhängigkeit, dass der Ball die Grundlinie passieren muss und das Spielfeld nicht berührt wird. Und das kann man am Ende nur dann ausschließen, wenn der Ball etwas anderes berührt hat. Davor ist er noch im Spiel.“

Auch wir haben in den vergangenen Wochen viel über diese Paragraphen nachgedacht und sind über eine Situation gestolpert, in der man sich diese Grundlinienthematik auch noch einmal genau anschauen sollte. Denn was ist eigentlich mit den allseits beliebten Showballwechseln, in denen die Spieler während des Ballwechsels die Seiten tauschen und den Ball quasi ‚falsch herum‘ im Spiel halten? Diese werden in hochklassigen, regulären Wettkämpfen zur Unterhaltung des Publikums durchgeführt, wie zum Beispiel im Halbfinale der Deutschen Meisterschaften 2017 zwischen Timo Boll und Ricardo Walther. Aber sind diese überhaupt regelkonform, wenn man § A 10.1.4 folgt, oder müssten die Schiedsrichter nicht früher eingreifen? 

Eines ist klar: Man kann sich über diese Fragen stundenlang den Kopf zerbrechen und wir finden, es gibt für beide Seiten gute Argumente. Allerdings liegt es in der Natur der Sache, dass nicht beide Meinungen richtig sein können. Somit bleibt die Frage: Wie ist in unserem Fall nun zu entscheiden? Wir erkundigen uns an der höchsten nationalen Stelle und halten Sie auf dem Laufenden.

(JS)

 

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