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Examensarbeit: Gibt es einen Heimvorteil beim Tischtennis?

Vor heimischer Kulisse konnte Zweitligaaufsteiger Ober-Erlenbach den Erstligisten Werder Bremen im Pokal-Achtelfinale bezwingen (©Roscher)

12.10.2015 - Gibt es einen generellen Heimvorteil im Tischtennis? Spielt der Heimvorteil auch in bestimmten Spielsituationen einen Rolle? Lässt sich der Heimvorteil in Form von exakten TTR-Punkten erfassen? Diesen Fragen ist Sportstudent Kai Veenhuis nachgehen und untersuchte in seiner Examensarbeit die Partien der 1.000 besten Tischtennisspieler. Daraus ist ein Artikel entstanden, dessen Zusammenfassung Sie hier nachlesen können!

So geht es in der Einleitung des Artikels, der aus Veenhuis' Examensarbeit (betreut von Dr. Timo Klein-Soetebier, dem Leiter des Fachbereichs Tischtennis an der Deutschen Sporthochschule in Köln) entstanden ist, um den EM-Triumph Portugals über Deutschland in Lissabon 2014. Es heißt dort: „Es stellt sich die Frage, ob dieser (eher überraschende) Erfolg auf die Tagesform der Spieler zurückzuführen ist – oder ob diese eventuell durch den Austragungsort beeinflusst wurde." Für eine Art Heimvorteil würde eine Reihe von historischen Erfolge sprechen, z.B. die WM-Titelgewinne der Ungarn 1929 und 1931 in Budapest, der Japaner 1956, der Schweden 1985 in Göteborg etc.

Es sei noch unklar, auf welche Ursachen der Heimvorteil zurückgeführt werden könne. Es gebe erste Anzeichen, dass die Unterstützung durch Zuschauer einen Vorteil für die Heimmannschaft bewirke, was mittlerweile jedoch durch ebenso viele Studien zum sogenannten „Choking under pressure“-Phänomen wiederlegt worden sei. Diese Studien hätten gezeigt, dass sich die soziale Unterstützung bei Spielen, in denen die Spieler unter hohem Druck stünden (z.B. in Relegationsspielen), auch negativ auf die Leistung auswirken könne – gerade dann, wenn die Fans einen Sieg der Heimmannschaft erwarteten.

Anpassung an Lichtverhältnisse, Tische und Bällle
Im Artikel heißt es an einer anderen Stelle: „Viele Trainer und Spieler führen die Vertrautheit mit der Spielstätte als relevanten Einflussfaktor auf den Ausgang des Spiels an: So würde die Anpassung an wechselnde Licht- bzw. Sonnenverhältnisse, unterschiedliche Tische oder Bälle, aber auch Bodenbeschaffenheiten eine gewisse Zeit benötigen.“ Über die Länge der Anreisezeit gäbe es Studien mit unterschiedlichem Ergebnis – zum einen hätten sich Reisen in andere Zeitzonen als Nachteil herausgestellt. Als positiver Aspekt hätte sich auf der anderen Seite bei langen gemeinsamen Reisen das Mannschaftsgefüge weiter ausgeprägt. „Zuletzt wurden evolutionsbasierende Ursachen (z.B. aus dem Tierreich) für den Heimvorteil angeführt, die bessere Leistungen zu Hause darauf zurückführen, dass der Mensch (evolutionsbiologisch) sein eigenes Territorium aggressiver verteidigt als er in ein fremdes eindringt. Es stellt sich die Frage, inwieweit sich dieses aggressivere Verhalten bis in die heutige Gesellschaft und damit den Sport fortgepflanzt hat und für den (filigranen) Tischtennissport nützlich ist.“

Studien zum Heimvorteil im Tischtennis habe es schon im letzten Jahr gegeben – mit Bezug auf die TTBL und die 1. Damen-Bundesliga hätten diese Studien aber keinen Heimvorteil nachgewiesen. Zwar wurde das Auftaktspiel des an Position 1 gesetzten Spielers der Heimmannschaft signifikant häufiger gewonnen (64,8 %), dies lässt sich jedoch vermutlich auf die Spielstärke zurückführen, da umgekehrt der 'Einser' der Auswärtsmannschaft signifikant häufiger gegen den 'Zweier' der Heimmannschaft gewann (63,3 %), so dass dies keine Auswirkung auf das Gesamtergebnis hatte. Dies galt allerdings nur für die 1. Bundesliga der Damen und Herren. Veenhuis schreibt weiter: “Um zu prüfen, ob diese Erkenntnisse auch auf andere Spielklassen zu übertragen sind, wurden die Spiele der 1.000 besten Tischtennisspieler bzw. -spierinnen in Deutschland betrachtet. Dabei standen die Fragen im Fokus: ‚Gibt es einen generellen Heimvorteil im Tischtennissport?’ , ‚Spielt der Heimvorteil auch in bestimmten Spielsituationen eine Rolle?’, ‚Lässt sich der Heimvorteil in Form von exakten TTR-Punkten erfassen?’ und ‚Fehlt in der berechneten TTR-Gewinnerwartung der Faktor ‚Spielort‘?’"

Ziele werden im Artikel  bzw. der Examansarbeit schließlich formuliert, nämlich zu klären,
1.) ob der Heimvorteil bei diesen 1.000 Spielern nachgewiesen werden kann;
2.) 'Heimspieler' in Satzsituationen wie einem 0:2-Rückstand, dem Gewinn des ersten Satzes oder des Entscheidungssatzes im Vorteil sind;
3 und 4.) Ob es eine Art TTR-Heim-Bonus geben sollte.

Die Ergebnisse zu diesen formulierten Zielen:
1.) Die Gewinnwahrscheinlichkeit für Heimspiele bei diesen 1.000. besten Spielern liegt bei 63,22 %, die für Auswärtsspiele bei 60,30 %. Somit ließe sich der Heimatvorteil mit einem Ausmaß von knapp 3 % bestätigen.

2.) Der Heimspieler gewinnt den ersten Satz signifikant häufig und auch nach einem 0:2-Satzrückstand ist die Gewinnwahrscheinlichkeit für den ‚Heimspieler’ geringfügig größer (11,52 % im Vergleich zu 11,33 %), ebenso im Entscheidungssatz (55,49 % im Vergleich zu 55,18 %). Beide letztgenannten Fälle sind jedoch statistisch nicht relevant, somit „lässt sich über den Heimvorteil in besonderen Spielsituationen sagen, dass er sich bloß zu Beginn in signifikanten Ergebnissen für den Sieg des ersten Satzes zeigte, wodurch der Heimspieler häufiger den psychologischen Vorteil einer frühen Führung genießt. Mit fortschreitendem Verlauf der Spielbegegnung scheint die Spielstätte an Bedeutung zu verlieren, was sich in nicht signifikanten Unterschieden von Siegen nach 0:2-Rückstand oder dem Sieg des Entscheidungssatzes zeigte.

3.) Laut TTR-Statistiken gewinnen die 1.000 besten Spieler/-innen gegen bessere Spieler häufiger als erwartet. Im Hinblick auf den Punkt Heimvorteil ergaben die Auswertungen von Veenhuis, dass diese Spieler auswärts gegen durchschnittlich elf TTR-Punkte bessere Gegner, bei Heimspielen sogar gegen 23 TTR-Punkte bessere Gegner gewinnen. Einer erwarteten Heimsiegwahrscheinlichkeit von 59,37 % steht eine tatsächliche Heimsiegwahrscheinlichkeit von 63,22 % gegenüber. „Die erwarteten Gewinnwahrscheinlichkeiten divergieren demnach besonders bei den Heimspielen von den tatsächlichen Resultaten – zumindest bei den 1.000 besten Spieler/-innen Deutschlands“, so Veenhuis weiter.

Heimvorteilkonstante in der TTR-Berechnung?
Unter dem anschließenden Punkt 'Diskussion' regt der Student der Deutschen Sporthochschule Köln an, über eine „Heimvorteilkonstante“ bei der TTR-Berechnung nachzudenken. Der Befund eines generellen Heimvorteils von ca. 3 % – basierend auf den Daten zu den Spielen der 1.000 besten Spielern – stehe im Widerspruch zur früheren Studie zur TTBL und Damen-Bundesliga. Zukünftige Forschung sollte sich mit der Frage auseinandersetzen, ob in unteren Spielklassen der Heimvorteil stärker oder schwächer ausgeprägt sei. „Es ließe sich vermuten, dass aufgrund geringerer Standardisierungen (z.B. Lichtverhältnisse, Bälle, Tische, Bodenbeschaffenheiten, Größe der Box, etc.) die Anpassung an den Spielort dort noch größer ausfällt.“

Erstaunlich sei, dass gerade der erste Satz enorm durch den Spielort beeinflusst sei. Dies könne darauf hindeuten, dass es wirklich die Vertrautheit mit der Spielstätte sei, die den Heimvorteil generiere, da die Daten zeigen würden, dass dieser temporäre Effekt im Laufe des Spiels an Relevanz verliere. „Somit lässt sich für Training und Wettkampf ableiten, dass im Training über variable Situationen nachgedacht werden sollte (z.B. Trainieren mit unterschiedlich ‚schnellen’ Tischen bzw. Tischausrichtungen, unterschiedlichen Lichtverhältnissen, auch mal auf anderen Bodenbelägen oder wenn möglich mit anderer Akustik), um weniger sensibel für Veränderungen zu werden und Trainingsleistungen besser im Wettkampf abrufen zu können.“

Fazit des Artikels/ der Examensarbeit:
"Für die besten 1000 besten Spieler/-innen Deutschlands gibt es nachweislich den Heimvorteil im Tischtennis! Zwar liegt dieser Vorteil 'nur' bei einer um 3 % erhöhten Siegwahrscheinlichkeit, allerdings scheinen die Auswärtsspieler gerade im ersten Satz empfindlich für die 'neue' Umgebung zu sein. In späteren Spielsituationen fällt der Spielort dann nicht mehr ins Gewicht. Die Abweichung der tatsächlichen Spielresultate von den erwarteten Resultaten abhängig vom Austragungskontext (Heim vs. Auswärts) um 12 TTR-Punkte regt die Diskussion an, eine 'Heimvorteilkonstante' in die Berechnung der Ranglistenwerte aufzunehmen."

Dazu das DTTB-Ressort Rangliste sinngemäß: "Das Ergebnis ist verwunderlich, da es bisher Studien mit anderen Ergebnissen gab. Die 1.000. besten Spieler sind jedoch nicht repräsentativ für alle Aktiven in Deutschland. Man bräuchte eine viel ausgedehntere Stichprobe, die das gesamte Spektrum der deutschen Tischtennisspieler abdeckt. Darüber hinaus könnte die TTR-Berechnungsformel verkompliziert werden, denn bei Turnieren gibt es diesen Heimvorteil ja z.B. nicht, genauso wenig wie bei Heimspielen, die irgendwo anders ausgetragen werden, wie kürzlich das TTBL-Spiel zwischen Borussia Düsseldorf und Fulda-Maberzell in Bielefeld. Zunächst stehen für das DTTB-Ressort Rangliste andere Probleme an, die gelöst werden müssen (z.B. Integration der Punktspiel- und Turnierergebnisse aller deutschen Landesverbände), danach besteht sicher die Gelegenheit, sich dem Thema Heimvorteil im Detail zu widmen."

Was ist Ihre Meinung? Glauben Sie, dass es den Heimvorteil beim Tischtennis gibt?

Den gesamten Artikel können Sie hier einsehen!

(DK)

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