Timos Reise-Blog: Wie gut ist der chinesische Nachwuchs?
Gemeinsam mit deutschen (Nachwuchs-)Spielern reiste myTT-Volontär Timo nach China. Im Internat in Anhui trafen die deutschen Asse auf erstaunlich gute chinesische Talente und knüpften Freundschaften.

„Jiā yóu“, ruft Maris, als er an einem Tisch im chinesischen Huiyou-Internat steht. Den Ruf würde man von dem Nachwuchsathleten des niedersächsischen Tischtennis-Verbands eher nicht erwarten, sondern von einem der chinesischen Jugendspieler, mit denen der 15-jährige Deutsche spielt. Maris aber hat Gefallen an dem chinesischen Anfeuerungsruf gefunden und benutzt ihn oft. Die Internats-Zöglinge, gegen die er spielt, lachen vergnügt. Sie freuen sich so sehr darüber, dass sie ebenfalls anfangen zu rufen. Obwohl die chinesischen Jungen und Maris nicht dieselbe Sprache sprechen, scheinen sie sich irgendwie zu verstehen.
„Jiā yóu“, wobei es bei Maris eher wie „Tschia-ju“ klingt, bedeutet so viel wie „Gib Gas!“ (wörtlich: „Gib Öl“). Besonders oft hört man diesen Schrei bei hochklassigen Events wie den WTT-Turnieren, wenn die chinesischen Fans ihre Stars anfeuern. An diesem Tag kann man den Ruf auch hier hören, in einem Internat in der Anhui-Provinz Chinas, etwa drei Zugstunden von Shanghai entfernt, wo sich die besten von rund 40 jungen chinesischen Nachwuchsathleten mit den deutschen Spielern messen, die tags zuvor noch beim Taicang-Turnier angetreten waren.
Ein Internat nicht wie jedes andere
Das Huiyou-Internat liegt recht abgeschieden zwischen mit Tannen bewachsenen Hügelkuppen und idyllischen Tälern. Die Anhui-Region beheimatet die legendären Gelben Berge (wörtlich übersetzt, im Chinesischen heißt die berühmte Gipfelkette Huang Shan), und das Dorf, in dem das Internat liegt, ist verglichen mit der Metropole Shanghai ein kleiner, ländlicherer Flecken. In Shanghai weckt einen der Berufsverkehr, hier im Dorf der krähende Hahn.
Sonst ist das im Jahr 2020 errichtete Internat aber überraschend modern. Die Kantine wirkt klinisch und schlicht, aber bietet Essen an, das man bei uns in einem guten China-Restaurant erwarten würde. Direkt von den Wohneinheiten führt ein Gang zu einem Gebäude, das von draußen ebenfalls wie ein mehrstöckiges Wohnhaus aussieht, aber in Wahrheit die Halle beherbergt – auf vier Stockwerken (!), die zum Training und zum Lernen benutzt werden. In den Trainingsetagen sind zehn bis zwanzig Tische aufgebaut. Der Boden ist ausgekleidet mit dem roten Belag, den man auch von den deutschen Bundesligen kennt.
Wie Timo Boll
Ich will unbedingt wissen, wie gut hier der chinesische Nachwuchs ist. Während sich die deutschen Spieler, darunter auch Maris, Matthis, Alex und Daniel vom Niedersachsen-Verband (TTVN), auf den Weg in den vierten Stock machen, um dort mit den jungen Internatsspielern einen freundschaftlichen Wettkampf auszuspielen, bin ich ganz woanders.
Namensschilder, Unterlagen, ein langer Business-Tisch: In einem Nebenraum auf dem Internatsgelände treffen sich die Verantwortlichen des Internats mit DTTB-Vizepräsident Christian Sommer und TTVN-Geschäftsführer Markus Söhngen. Und mit am Tisch sitze ich. Ich habe sogar ein eigenes Namenschild bekommen. Für diese offizielle Begrüßung hat sich ein hoher Regierungsbeamter der Provinz Zeit genommen: Qin Junfeng, Direktor des Auswärtigen Amtes Anhui.
Mit beeindruckendem und fehlerfreiem Deutsch spricht Qin mit uns. Er freut sich, dass so viele deutsche Tischtennisspieler nach Anhui gekommen sind, und sagt, dieser erste Besuch kann als Ausgangspunkt für weiteren Austausch dienen. Am Ende seiner Ansprache blickt er auf mein Namensschild. „Timo“, liest Qin vor. „Wie Timo Boll!“ Alle lachen – so ziemlich jeder Chinese kennt den deutschen Ausnahmespieler.

Die offizielle Begrüßung ist danach rasch beendet. Mir wird bewusst, dass ich gerade Zeuge der Entstehung einer neuen deutsch-chinesischen Freundschaft gewesen bin – zwischen dem TTVN und dem Huiyou-Internat in Anhui. Die Verantwortlichen offiziell hier in diesem Besprechungszimmer, die jungen Nachwuchsathleten zwei Stockwerke über uns in der Halle.
Geölte Maschinen
Auf der Hallenetage Nummer vier läuft typisch westliche Warmspiel-Musik, Lieder wie Whistle und Roar, während sich die chinesischen Kids – niemand von ihnen ist älter als 15 Jahre – und die deutschen Asse einspielen. Zwei große Banner hängen an den Wänden, auf denen ein Willkommensgruß steht. Das Internat hat sich auf die Ankunft der deutschen Delegation perfekt vorbereitet.
Sören, der Trainer der vier TTVN-Jungs, blickt immer wieder zu den chinesischen Kindern. Einige der Internatsspieler sind in einem Alter, in dem in Deutschland der Nachwuchs erst anfängt. Topspins ziehen sie bereits wie künftige Weltmeister.
„Es macht so Spaß, ihrer Vorhand zuzugucken“, sagt Sören. „Ihre harten Beläge brauchen keinen Katapult – so schnell, wie die sich bewegen.“ Mir fällt auf: Der chinesische Nachwuchs ist nicht nur schnell, sondern unfassbar konstant. Ihre Basis – Beinarbeit, Haltung, Schlag – wackelt nie. Sie wirken wie geölte Maschinen.
Mit Händen sprechen
„Tschia-ju“, ruft Maris. Er und die TTVN-Jungs messen sich mit vielen verschiedenen Spielern, darunter mit einem linkshändigen Abwehrspieler oder dem Top-Talent des Internats, ein 15-jähriger Junge, der zugleich auch in seiner Altersklasse die Nummer 15 des Landes sein soll. Weiter hinten in der elf Tische fassenden Halle treten unter anderem Matthias Danzer, Kirill Fadeev und Benno Oehme gegen die jungen Chinesen an. Ist ein Match vorbei, suchen sich die chinesischen Talente einen anderen deutschen Spieler. Kommuniziert wird dabei mit den Händen, es wird gewinkt und auf den Schläger gezeigt.
Hinter den Banden schwirren plötzlich viele weitere Internatszöglinge herum. Sie sind aus den unteren Etagen nach oben gekommen und schauen bei den Partien zu. „Wir sind hier eine Attraktion“, sagt Sören schmunzelnd, als sich die chinesischen Kinder ganz nah an die Bande setzen – und nach den Spielen die deutschen Asse belagern, weil sie Autogramme wollen.
Der Cheftrainer des Internats, Wu Jinping, steht im Mittelgang und sieht zu – etwa, wie das 15-jährige Top-Talent gegen Kirill Fadeev gewinnt. Wu trägt einen grauen Trainingsanzug und ist Anfang 70, lächelt sanft und wirkt recht unscheinbar. Dabei war er früher Trainer der chinesischen Nationalmannschaft gewesen. Er hat sie alle gecoacht: Wang Hao, Fan Zhendong, Xu Xin und Wang Chuqin.
Am nächsten Tag sollen die TTVN-Jungs gemeinsam mit den chinesischen Kids trainieren. „Ich hoffe sehr, dass ich Wu mal das Feld überlassen kann“, sagt Sören. „Die Jungs sollen das chinesische Training kennenlernen. Sie glauben mir nie, wenn ich sage, wie viel Beinarbeit und Ballwechsel die Chinesen üben.“
Wu steht längere Zeit bei den vorderen Tischen und verfolgt die Spiele der TTVN-Jungs. Wie die anderen lacht er auch, als Maris „Tschia-ju“ ruft. Aber sonst schweigt er und lässt die deutschen Spieler auf sich wirken. Maris, Matthis, Daniel und Alex – die vier Jungs aus Niedersachsen gehören mit zu den besten Nachwuchsspielern, die Tischtennis-Deutschland bietet. Auch ich bin gespannt, welche Tipps und Tricks sie vom chinesischen Cheftrainer erfahren werden.
Im nächsten Teil des Reise-Blogs, „Das Trainings-Geheimnis der Chinesen“, geht es um die Entstehung des Internats und die Tipps des Star-Trainers.
Der Reise-Blog von der Reise nach China zum Taicang-Turnier und Anhui-Internat umfasst insgesamt vier Teile. Der erste Blog dreht sich um die Stippvisite beim Xuperman-Café der chinesischen Legende Xu Xin. Der zweite Blog behandelt den Freundschaft-Cup in Taicang.
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