Timos Reise-Blog: Das Trainings-Geheimnis der Chinesen

    Gemeinsam mit deutschen (Nachwuchs-)Spielern reiste myTT-Volontär Timo nach China. Im Huiyou-Internat wurden deutsche und chinesische Talente vom früheren Fan-Zhendong-Trainer gecoacht.

    Wenn der deutsche Nachwuchs auf den chinesischen trifft – die vier TTVN-Athleten und ihr Trainer Sören Dreier (schwarz-grüne Trikots) gemeinsam mit chinesischen Internatsspielern und dem Trainer Wu Jinping (Mitte, Tibhar-Trikot). (Foto: Timo Gotsch)

    Die Huang Shan, die Gelben Berge, sollen malerisch schön sein – verzweigte Täler und steile, mit Fichten bewachsene Felsen, die aus einem Wolkenmeer ragen. Als die niedersächsischen Nachwuchsspieler Maris, Daniel, Alex und Matthis, ihr Trainer Sören sowie der Verbandschef Markus Söhngen und ich die Steintreppen nach oben wandern, sehen wir allerdings nicht viel von Tälern oder bewachsenen Felsspitzen – nur eine weiße Wolkenwand.

    Es regnet, der Wind kühlt uns aus. In Shanghai waren es feuchtwarme 28 Grad, jetzt, zwei Tage später auf dem Gipfel, sind es nasskalte 15 Grad. Die Stufen scheinen kein Ende nehmen. „Willensschulung ist das“, sagt Sören. „Eigentlich sind die vielen Treppen ein gutes Aufwärmtraining für nachher.“ Nachher steht das Training mit den chinesischen Nachwuchsspielern aus dem Huiyou-Internat an. Das Internat ist von den Bergen eine halbstündige Autofahrt entfernt.

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    • Die Wege auf dem Huang Shan-Gebirge sind sehr gut befestigt. Nur: Es gibt wirklich viele Treppenstufen. (Foto: Timo Gotsch)
    • Was für eine Aussicht! Ohne die Wolkendecke wäre sie sogar noch schöner ... (Foto: Timo Gotsch)
    • Bei der Aussicht bin ich ausnahmsweise mit auf dem Foto. Von links nach rechts: Sören Dreier, Maris Miethe, ich, Matthis Kassens, Markus Söhngen, Daniel Nagy, Alexander Uhing. (Foto: Timo Gotsch)

    Nach einer Stunde brechen wir ab. Eigentlich dauert die Tour noch deutlich länger, aber Wind und Regen machen die Treppenpfade entlang der Berghänge unangenehm, und eine Aussicht haben wir sowieso nicht. Auf dem Rückweg kommen uns Lastenträger entgegen. Auf ihre Schultern wuchten sie einen Holzstab, an dem je links und rechts Güter hängen – vor allem Lebensmittel, abgepackt in Styropor und farbigen Plastiksäcken. Die Ladung ist deutlich zu schwer, aber getragen wird sie trotzdem. Die Träger ächzen, quetschen sich auf der dünnen Treppe an uns vorbei, tragen bei der Kälte noch kurze Hosen – wirklich eine Willensschulung. In Deutschland sicher nicht erlaubt. Aber in China ist vieles anders.

    Ein Mann, ein Plan

    Wir sind zurück im Internat, nachmittags steht die gemeinsame Trainingseinheit an. Gestern ist der Wettkampf mit noch einigen anderen deutschen Spielern gewesen. Geblieben sind nur noch die vier Spieler des niedersächsischen Verbands (TTVN), Sören, Markus Söhngen und ich. Das Programm für die zwei Tage: vormittags kulturelle Besuche, nachmittags Training. Für diesen Austausch sind die TTVN-Jungs in die chinesische Anhui-Region gekommen.

    Der Mann, der dieses Aufeinandertreffen ermöglicht hat, heißt Li Deyong. Ihm gehört das Huiyou-Internat. 2020 wurde der erste Teil des Internatskomplexes in Betrieb genommen, im kommenden Jahr sollen noch mehr Einrichtungen und Wohnheime fertiggestellt werden. Die Tischtennis-Anlage beheimatet zwar nicht die Spitze des chinesischen Nachwuchses, weist noch keine Nationalkader-Athleten auf – aber Li will es erreichen. Und er hat einen Plan.

    Am Abend zuvor haben wir im Nachbardorf in Lis eigenem Feuertopf-Restaurant gegessen, und dort hat uns der Internatsbesitzer seinen Cheftrainer vorgestellt: Wu Jinping. Wu, über 70 Jahre alt, ist eigentlich schon in Tischtennis-Rente. Gecoacht hat er die Besten der Besten: Wang Hao, Fan Zhendong, Xu Xin und Wang Chuqin. Im Huiyou-Internat geben er und sein Trainer-Team ihr Wissen an die jungen Athleten weiter.

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    • Die deutsche Delegation vom Taicang-Turnier (siehe vorherige Blogs) beim Besuch im Feuertopf-Restaurant. Mit dabei: Trainer Wu Jinping (ganz links) und Internatsbesitzer Li Deyong (vorne, Vierter von links). (Foto: Timo Gotsch)
    • Jeder von uns hat einen solchen Feuertopf bekommen – auch Hotpot (englisch) oder Huǒguō (chinesisch) genannt: In die brodelnde Brühe werden verschiedene Zutaten gegeben. Zum Beispiel ... (Foto: Timo Gotsch)
    • ... Zutaten wie diese. Neben vielen verschiedenen Fleischscheiben gibt es auch eine Auswahl an Gemüse – und unbekannten Dingen. Auf unserer Reise waren die Speisen öfter etwas ungewohnt. „Das Essen ist gar nicht so wie in den China-Restaurants bei uns zuhause“, sagt Maris. (Foto: Timo Gotsch)

    Jetzt steht Wu am Tisch, gemeinsam mit Alex und einem der Internatszöglinge. TTVN-Trainer Sören schaut zu. Es geht um Alex‘ Rückhand, die soll sicherer und noch besser werden. Immer wieder schupft Wu die Bälle ein, der chinesische Jugendspieler oder Alex eröffnen, dann spielen beide den Ballwechsel mit Topspin auf Topspin aus.

    Wu spricht – wie alle anderen Chinesen hier – kaum Englisch, kommuniziert wird mit Gesten und dem Smartphone, das mehr oder weniger gut übersetzt. Gemeinsam mit dem 15-jährigen Internatsschüler, der die chinesische Nummer 15 seiner Altersklasse ist, zeigt Wu, worauf er hinauswill: Der junge Chinese steht mit dem rechten Bein deutlich weiter vorne als Alex.

    „Das ist interessant“, sagt Sören, „die chinesische Spielweise eben.“ Die Chinesen nehmen das rechte Bein als Ausgangspunkt für die ganze Kraft, die sie in den Ball legen können – sowohl für die Rückhand, später aber auch bei der Verlagerung in die Vorhand. Der Seitenwechsel wird damit ohne große Gewichtsverlagerung möglich. „Sie nehmen außerdem die rechte Hüfte und die Schulter mehr nach vorne“, analysiert Sören.

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    • Trainer Wu Jinping (im grauen Trainingsanzug) schaut beim Einspielen zu. (Foto: Timo Gotsch)
    • Kommunziert wird mit technischen Hilfsmitteln: Sören Dreier (vorne rechts), ein junger Trainer vom Internat und Wu Jinping stimmen sich ab, welche Übung sie spielen lassen wollen. (Foto: Timo Gotsch)
    • Wie soll sich die Hüfte drehen? Sören erklärt Alex, mit welcher Technik die Chinesen spielen. (Foto: Timo Gotsch)
    • Wu spielt Alex und einem chinesischen Nachwuchsspieler die Bälle ein, dann geht es mit Rückhand auf Rückhand weiter. Die Chinesen trainieren viel mit solchen Ballwechseln. (Foto: Timo Gotsch)

    Es fällt auf, wie scheinbar mühelos alle jungen Chinesen eine Vorhand nach der nächsten durchziehen, immer konstant, immer kraftvoll. „Wie geölte Maschinen“, sagt Sören. „Aber schau mal ihre Oberschenkel an. Dass die damit gut aus dem Körper spielen, ist dann kein Wunder.“ Man merkt auch den jungen Chinesen an, dass sie ihre Basis seit Jahren trainieren.

    Mit dem Körper

    Auf den Tischen nebenan spielen die anderen TTVN-Jungs, Matthis, Daniel und Maris. Der Unterschied zwischen den deutschen und chinesischen Talenten ist nicht nur an den Trikots ablesbar. Alle Chinesen spielen irgendwie gleich, sie stehen stets stabil und kompakt, wirken wie eine Einheit aus Körper und Hand. Jeder der TTVN-Jungs bewegt sich ein wenig anders, hat ein anderes Zusammenspiel aus Körper, Arm und Handgelenk – sie wirken nicht so einförmig wie Chinesen, dafür etwas flexibler. „Unser Spielsystem ist im Vergleich zu dem der Chinesen eben unterschiedlich“, sagt Sören.

    Gemeinsam mit ihren deutschen Gästen trainieren die chinesischen Internatszöglinge auch kaum Spielformen wie Auf- und Rückschläge, sondern viele Übungen für die Basis-Schläge und die Beinarbeit. Gegenseitig und unter Aufsicht eines anderen jungen chinesischen Trainers spielen sie sich auch gegenseitig Balleimer ein.

    Beim gemeinsamen Training spielen sich die Nachwuchsathleten gegenseitig Balleimer ein. Hier spielt Matthis dem 15-jährigen Top-Talent des Internats die Bälle zu. (Video: Timo Gotsch)

    Ist das unablässige Basis-Training ein Teil des chinesischen Erfolgsgeheimnisses? Als ich mich in der vierten Etage der Internatshalle umsehe, sehe ich ein rund Dutzend junge Chinesen, die eine makellose Vorhand nach der nächsten ziehen. Insgesamt trainieren und leben rund 40 Zöglinge in dem Internat, aktuell sind mehrere Kinder aus den Jahrgängen 2015 bis 2019 in der Ausbildung – „künftige Schlüsselspieler“ sollen sie werden, so steht es zumindest in der Internatsbroschüre. Aber wie viele von diesen Spielern werden es bis an die Spitze schaffen?

    Profis von klein auf

    Auch Besitzer Li ist beim Training mit dabei. Er erzählt, dass die Kinder im Internat sich von Beginn an als Profis betrachten. In der Regel haben ihre Eltern nicht viel Geld, und in China scheint es dann nicht abwegig, eine Tischtennis-Laufbahn einzuschlagen – schon im Alter von sechs Jahren. Das ganze Leben wird dem Sport gewidmet, im Internat gibt es zwar auch eine Schule, aber das Augenmerk liegt auf Tischtennis. Denn das Finanzierungsmodell des Internats zwingt die jungen Chinesen früh zu Leistung – wie bei einem richtigen Profi eben.

    Der Monatspreis für einen der Internatszöglinge soll umgerechnet bei 57 Euro liegen. Fahren die jungen Spieler zu Turnieren oder Wettkämpfen, bezahlen sie auch das selbst. Sind sie allerdings erfolgreich, gibt es Begünstigungen – dann bekommen sie die Fahrtkosten bezahlt oder eine „Gebührenermäßigung“ für das Internat. In der Internatsbroschüre steht außerdem zum Motivationssystem: „Mediale Hervorhebung für herausragende Leistungen“ und „Prämien und materielle Anreize (z.B. Geldpreise) zur Steigerung der Trainingsmotivation.“

    Dieses Leistungskonzept ist auch auf das gesamte Internat gemünzt. Li bezahlt das Internat zwar privatwirtschaftlich, bekommt aber Geld vom Staat, wenn die Spieler seines Internats gute Ergebnisse erzielen. Diese rein auf Leistung getrimmte Denkweise scheint tief im chinesischen System verwurzelt zu sein.

    Neuer Schwung

    Wu nickt, Alex hat gerade den letzten Ball der Übung gespielt. Technisch ist Alex‘ Grundlage anders als die seines chinesischen Gegenübers, aber die kurze gemeinsame Arbeit mit Wu scheint etwas gebracht zu haben. Alex‘ Rückhand wirkt sicher und stabil. „Er ist glücklich“, erkennt Sören. „Alex neigt dazu, recht kritisch mit sich zu sein. Aber das Training gerade ist gut gelaufen.“

    Der Abschied kommt nach den beiden Tagen ziemlich schnell: Der deutsche und chinesische Nachwuchs versammelt sich für ein letztes Foto – die vier TTVN-Jungs und ihr Trainer Sören gemeinsam mit dreizehn der Internatsspieler und ihrem Trainer. (Foto: Timo Gotsch)

    Zwei Tage später sitzen wir im Bus – die erste Etappe einer langen Heimreise. Während wir an den bewaldeten Gebirgsketten des Huang Shan vorbeifahren, liest Sören vor, welche Notizen er sich gemacht hat. Bei Alex geht es natürlich um die Rückhand. Beim WTT-Turnier einige Tage zuvor in Tunesien hatte er sich nicht wirklich sicher mit seiner Rückhand gefühlt. „Aber jetzt sah sie doch super aus“, sagt Sören. Eines der chinesischen Trainingsgeheimnisse hat Alex wohl mitgenommen.

    Kurz vor Abflug in Shanghai: Eine Woche lang haben wir nur chinesisch gegessen, jetzt wollten alle einen Burger. Die Reise hat uns viele neue Eindrücke beschert – und ist für mich eine großartige Erfahrung gewesen. Eine Woche lang habe ich hinter die Kulissen des Profisports geblickt, sowohl beim chinesischen als auch beim deutschen Nachwuchs. Und obwohl ich die jungen Talente aus Niedersachsen erst eine Woche zuvor kennengelernt habe, werde ich sie und unsere gemeinsame Zeit vermissen.

    Dieser Blog ist der Abschluss einer vierteiligen Reihe. Über die Reise nach China hat myTT-Volontär Timo außerdem in den folgenden Blogs berichtet: Im ersten Teil lest ihr, wie es im Café des chinesischen Superstars Xu Xin aussieht. Wie die TTVN-Jungs Shanghai erkunden und wie das Turnier in Taicang verlaufen wird, erfahrt ihr im zweiten Teil von Timos Reise-Blog. Und vom ersten Aufeinandertreffen der deutschen Spieler mit den chinesischen Talenten in Anhui bekommt ihr im dritten Teil einen Einblick.

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