Richard Prause: „Uns fehlen fünf Prozent“
Früher Chinas Herausforderer Nummer eins, nun mehrfach ohne Medaille: DTTB-Vorstand Sport Richard Prause analysiert im Interview, was getan werden muss, damit die deutschen Herren wieder aufs Treppchen kommen.

myTischtennis.de: Früher waren die Herren das Aushängeschild des DTTB, jetzt erkämpfen sich die Damen immer mehr Aufmerksamkeit. Wie erlebst du diese Verschiebung aktuell?
Richard Prause: Ich bin mit solchen großen Ausdrücken sehr vorsichtig. Eine Verschiebung würde ich erst dann sehen, wenn zwischen den beiden Mannschaften viele Runden liegen würden. Aber so haben die Herren eine gute WM gespielt, ohne sich am Ende mit einer Medaille zu belohnen, und die Damen stehen nach einer sehr guten Leistung im Halbfinale. Darüber freuen wir uns als DTTB unheimlich – und mal schauen, was gegen Japan noch geht. Bei den Herren müssen wir anerkennen, dass sich hier unglaublich viel verändert - noch mehr als vorher für möglich gehalten wurde. Hier gehören wir weiter zu den sieben Nationen, die um Medaillen spielen. Aber dafür müssen wir in den entscheidenden Augenblicken die Chancen, die sich bieten, auch optimal nutzen. In der Vorrunde haben wir gezeigt, dass es geht. Im Viertelfinale war Japan in diesen Augenblicken besser als Deutschland, so dass wir verdient verloren haben.
myTischtennis.de: Unter den sieben Medaillenkandidaten zu sein, ist ja aber natürlich bislang nicht der Anspruch der deutschen Herren gewesen. Wir waren lange ein fester Finalkandidat, mussten aber jetzt zwei Weltmeisterschaften und die Olympischen Spiele ohne Medaille auskommen. Welche Gedanken machst du dir als DTTB-Vorstand Sport darüber, wie man da wieder hinkommt?
Richard Prause: Wir waren viele Jahre die Nummer zwei, der erste Herausforderer Chinas. Doch jetzt gibt es ein Konglomerat an Herausforderern - und wir stehen auf keinen Fall mehr an der Spitze dieser Gruppe. Hier müssen wir schauen, welche Möglichkeiten wir haben, um diese fünf Prozent mehr noch zu erlangen - denn viel mehr sind es nicht. Wir haben ein tolles Team mit vier Spielern, die vom Level her Top 20 sind. Aber wir haben keinen Spieler, der unter den besten Fünf steht. Dazu fehlen uns diese fünf Prozent, da müssen wir ran. Mit diesem Viererteam planen wir für die nächsten Jahre - und dann gilt es natürlich, die nächste Generation heranzuführen. Da sind die anderen Nationen sicher schon ein Stück weiter als wir. Es ist super, dass Andre (Bertelsmeier, Anm. d. Red.) hier dabei gewesen ist, aber wir brauchen in der Relation leider ein bisschen länger als die anderen Mannschaften. Die Erwartungshaltung an uns, der wir uns auch stellen, ist, dass wir immer mindestens eine Medaille holen müssen. Aber die Breite unter den besten Teams ist inzwischen eine andere. Das ist eine schwierige Situation.
myTischtennis.de: Welche Stellschrauben siehst du, an denen man drehen kann? Wäre es vielleicht sogar eine Idee, bei den nachkommenden Spielern mehr auf unorthodoxere Spielsysteme zu setzen, wofür Sabine Winter ein gutes Beispiel ist, von denen es aber ja auch im Herrenbereich ein paar gibt?
Richard Prause: Ein gutes Beispiel für einen dieser Spieler, die laut öffentlicher Meinung nicht nach dem Lehrbuch spielen, ist Truls Moregard. Was die meisten aber nicht sehen, ist, dass er eigentlich eine sehr klassische Art hat, seine Punkte zu gewinnen. Er will in den entscheidenden Augenblicken nach dem Aufschlag möglichst aggressiv mit der Vorhand spielen. Aber woran wir uns bei ihm tatsächlich ein Beispiel nehmen können, ist seine hohe Variabilität - zum Beispiel, was den Einsatz des langen Aufschlags auch in engen Situationen angeht oder seine Möglichkeiten, dem Gegner das Punktemachen zu erschweren. Indem er mal absticht, weg vom Geschwindigkeitstischtennis geht und sich mehr Gedanken um die Platzierung macht. Früher war die Rotation das entscheidende Element im Tischtennis, das hat sich in den letzten Jahren verändert, die extreme Rotation gibt es nicht mehr, so dass man viel mehr mit dem Ball machen kann. Und bezüglich dieser Variabilität haben wir noch Luft nach oben - das ist die Aufgabe für die nächsten zwei Jahre.
myTischtennis.de: Jörg Roßkopf hatte nach dem Aus seines Teams gesagt, dass man künftig daran arbeiten wolle, wieder eine bessere Setzung zu bekommen. Nun hat man die Setzung in diesem Turnier ja in der Vorrunde ausgespielt. Wird das auch künftig bei Weltmeisterschaften so sein oder war das nur eine einmalige Geschichte?
Richard Prause: Nach meinem Wissen gab es keine Mannschaft, die mit dieser Vorgehensweise sehr glücklich gewesen ist. Und ich sage mal ganz vorsichtig: Ich glaube schon, dass das bei den Verantwortlichen angekommen ist. Ich rechne also nicht damit, dass es noch mal ein vergleichbares System gibt.
myTischtennis.de: Dann läuft der Weg zu einer besseren Setzung also wieder über die Weltrangliste. Wie wollt ihr es schaffen, da in eine günstigere Position zu kommen?
Richard Prause: Was die Breite in der Spitze angeht, sind wir schon super. Wann hatten wir das letzte Mal vier Spieler, die konstant so weit oben in der Weltrangliste stehen? Aber du brauchst einen Spieler, der noch einen Schritt weiter geht. Das, was Benedikt (Duda, Anm. d. Red.) vor eineinhalb Jahren gemacht hat, müssen wir mit einem Spieler auf diesem höheren Niveau noch mal schaffen. Dann haben wir schon viele unserer Herausforderungen gemeistert. Gegen einen Hugo Calderano, Tomokazu Harimoto, Truls Moregard oder Lin Yun-Ju können unsere Spieler gewinnen - aber von zehn Matches dann vielleicht nur zwei oder drei. Das ist der Unterschied zu früher, als wir mit Timo Boll und Dimitrij Ovtcharov unsere Vertreter in den Top 5 hatten. Ich halte das bei all unseren vier Spielern für möglich, noch mal diese fünf Prozent draufzulegen. Auch wenn sie jetzt um die 30 Jahre alt sind, sind sie nicht an dem Punkt, nur ihren Status Quo halten zu wollen. Das hat man hier in London gemerkt: Sie wollen mehr.
myTischtennis.de: Vielleicht sieht die Zukunft ja auch sowieso ganz anders aus, wenn man die allgemeine Tendenz hin zur Wichtigkeit der Mixed-Wettbewerbe weiterverfolgt, zumal die olympischen Disziplinen für Los Angeles 2028 entsprechend angepasst wurden. Was meinst du: War das hier vielleicht eine der letzten getrennt-geschlechtlichen Weltmeisterschaften? Und was bedeutet das für euch in der Zusammenarbeit der Herren und Damen?
Richard Prause: Ich glaube nicht, dass es geplant ist, die Damen- und Herren-Weltmeisterschaft in eine Mixed-Weltmeisterschaft zusammenzulegen. Erst mal ist nur der Mixed-Team-World-Cup gesetzt. Aber glauben heißt nicht wissen. Ich gehe davon aus, dass die Planung bis einschließlich 2028 geht und man dann evaluiert, was Sinn ergibt. Man hat hier gesehen, dass die Jungs und Mädels ihr Herz am Tisch gelassen haben, und ich würde mir wünschen, dass man eine Lösung findet, dass die getrennten Mannschaftsweltmeisterschaften fortbestehen. Denn das ist für mich ganz klar ein Herzstück. Aber das Mixed-Team wird olympisch sein. Und die Verantwortlichen müssen sich sehr genau Gedanken machen, ob man eine solche WM noch ‚on top‘ dazustellen möchte.
myTischtennis.de: Hast du das Gefühl, dass ihr in dieser Entwicklung hin zum Mixed-Wettbewerb - gerade auch mit Blick auf LA 2028 - schon genug macht? Im Training aber auch in Wettkämpfen, in denen es ja nicht immer so leicht ist, Mixed-Doppel zu platzieren?
Richard Prause: Wir haben damit jetzt sehr intensiv begonnen und sind schon ein gutes Stück weitergekommen. Es ist aber nach wie vor von der Koordination her schwierig. Ein Beispiel: Eine weibliche Nummer 50 der Welt möchte mit einem männlichen Top-20-Spieler ein Mixed bilden. Der Spieler konzentriert sich aber eigentlich auf WTT Champions und Grand Smashes. Wie soll er da das Star Contender oder Contender noch hinkriegen, wenn er auch noch Liga-Verpflichtungen zu erfüllen hat? Das ist eine ganz große Herausforderung. Der erste Schritt ist, dass die Restriktionen bei diesen WTT-Turnieren fallen, so dass auch ein Top-20-Spieler einfach ein Star Contender spielen kann und die Planung so leichter fällt. Genauso kann man überlegen, ob bei einem Champions auch Doppel und Mixed gespielt werden könnten oder ob bei einem Grand Smash das Doppel- und Mixed-Feld erweitert wird. Aktuell melden wir bei jedem Turnier, bei dem es irgendwie möglich ist, verschiedene Mixed-Paare, diese werden aber sehr häufig abgelehnt oder müssten erst noch in die Quali, die aber vielleicht zeitgleich zu einem Bundesligaspiel liegt. Das alles unter einen Hut zu kriegen, ist wirklich schwer. Aber wir sind auf einem guten Weg, mehr und mehr Duos an den Start zu bringen und unsere Mixed- und Doppelpaare weiterzuentwickeln.
Alle Ergebnisse kann man auf der Turnierseite abrufen.
Alle Spiele sind live und auf Abruf bei Dyn zu sehen.
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