Timos Blog: Ausgerastet – am Tisch keine Kontrolle mehr?

    Wie emotional darf’s sein? In den Tischtennis-Hallen ist schon so mancher Schläger zerbrochen oder Frust ausgelassen worden. myTT-Volontär Timo berichtet von seinen eigenen Gefühlsausbrüchen.

    Den Schläger ruhig auf den Tisch ablegen – dazu kann ich mich nicht immer beherrschen. (© Simon Fabig | Symbolbild)

    Ich habe zwar noch nie einen Schläger zerstört, aber ich war schon manches Mal kurz davor. Es ist immer nur ein kurzer Moment, in dem die Wut wie eine Welle über mich hereinbricht, und manchmal ist der Sog so stark, dass ich mich nicht länger dagegenstemmen kann. Auch bei meinem letzten Spieltag habe ich mich nicht im Zaum halten können und meinen Schläger auf den Tisch geworfen.

    Der Wurf war eigentlich harmlos, er sollte auch nicht in Richtung des Gegners gehen – so etwas hätte ich mir nie verziehen. Weil der Schläger allerdings wie eine Frisbee-Scheibe unter dem Netz hindurchrutschte und dann auf der gegnerischen Seite liegenblieb, entschuldigte ich mich sofort.

    Heile geblieben war mein Holz zumindest, ich konnte weiterspielen. Aber nach einem missglückten ersten Satz seinen Schläger so auf den Tisch zu pfeffern – nein, so etwas mache ich eigentlich nicht. Dachte ich.

    Ernst oder sehr ernst

    Ich hätte nicht gedacht, dass ich den Sport so ernst nehme. Nach meiner Abwehr-Umstellung von vor zwei Jahren meinte ich, darüber hinweg zu sein. Aber weit gefehlt.

    Als Kind war ich sehr emotional. Ich habe den Sport viel zu ernst genommen, obwohl ich absurderweise gar keine grundsätzlichen Ambitionen hegte, es professionell zu versuchen. Ich weiß auch nicht, woher dieser situative Ehrgeiz herrührte, aber sobald es um etwas ging, schaltete ich in einen anderen Modus.

    Gut – aber das war alles früher! Als Kind. Das ist etwas anderes. Davon bin ich zumindest ausgegangen, und wie sich jetzt herausstellte, war ich zu gönnerhaft. In den zehn Jahren Unterschied zu damals bin ich nicht so gereift, wie ich es mir erhofft hatte. Am Tisch bin ich in manchen Momenten wieder der kleine Junge, der seine Gefühlsausbrüche nicht im Griff hat.

    Vor zwei Jahren habe ich wieder seriöser mit dem Tischtennis begonnen und wollte es als Abwehrspieler probieren. Ich habe das Abwehr-Projekt vor allem auch deshalb begonnen, weil ich mich selbst überlisten wollte. Denn geduldig bin ich nicht wirklich, und verbessern wollte ich mich rein über den Spaß-Faktor – und nicht verbissen.

    Außerdem ist in den unteren Amateur-Ligen auch deshalb so angenehm, weil ich überhaupt keinen sportlichen Leistungsgedanken hegen muss. Schließlich sind wir alle keine Profis. Oder?

    Alles (keine) Profis

    Nicht nur an mir selbst habe ich es beobachtet, auch an anderen Spielern, die trotz der Tatsache, dass wir alle in den unteren Ligen spielen, unseren Sport oft furchtbar ernst nehmen. Dabei ist es für uns alle nur ein Hobby. Um es abgedroschen zu formulieren: Die schönste Nebensache der Welt.

    Sieht man sich in den deutschen Amateur-Hallen um, dann wirkt es oft aber überhaupt nicht wie eine Nebensache. Geschweigen denn schön. Es wird geflucht, gejubelt, geärgert, gebissen gekämpft. Ich bin beileibe nicht der Einzige, der seinen Schläger schon geworfen hat. Einige Menschen haben sich manchmal noch weniger im Griff.

    Warum ist das so? Eigentlich geht es uns doch nur darum, eine schöne Zeit zu erleben. Wir alle freuen uns doch oft sogar mehr auf das gesellige Essen danach. Spätestens dann sind die meisten sportlichen Ergebnisse nicht mehr wichtig.

    Aber – so werden Einige einwenden, mich selbst eingeschlossen – nur weil wir keine Profis sind, heißt es nicht, dass wir den Sport nicht ernsthaft betreiben wollen. Auch als Nicht-Profi darf und soll man Tischtennis durchaus ernst nehmen. Die Emotionalität am Tisch rührt oft daher, dass man eben dem Sport eine gewisse Liebe und Aufrichtigkeit entgegenbringt. Wäre man total gefühllos am Tisch, müsste man dem Sport ja auch nicht nachgehen.

    Witzigerweise spiele ich selbst viel besser, wenn ich mich unter Kontrolle habe. Ich weiß genau, dass ich ein besserer Spieler bin, wenn ich mich beherrsche. Und damit meine ich nicht, dass ich mich für jeden Ball verkrampfe – sondern, dass ich in eine kleine Mir-egal-Haltung komme. Natürlich ist es mir nicht wirklich egal. Aber wenn ich eine emotionale Distanz zu bewahren kann, dann erst kann ich mein bestes Tischtennis spielen.

    In der Ruhe liegt die Kraft – bis zu einem gewissen Grad

    Es ist natürlich ein schmaler Grat, denn wenn man in diesen Zen-Modus kommt, dann darf man nicht dazu abdriften, dass es einem zu egal ist. Dann fehlt das gewisse Etwas, der Wille, mit dem man die Spiele entscheidet. Und: Erzwingen lässt sich dieser Modus der Ruhe leider auch nicht. Mit Ruhe in eine Partie zu gehen und diese aufrechtzuerhalten, auch das muss gelernt und trainiert werden. Dieser Aspekt ist mit entscheidend, warum gerade Tischtennis ein mental so anspruchsvoller Sport ist.

    Mir fällt es auch manchmal leichter und manchmal verteufelt schwierig, mich mental in ein Spiel einzugraben. Vergangene Woche gelang es mir in den Sätzen nach dem Schlägerwurf wieder deutlich besser, mich zu fokussieren. Eine Art Wut-Fokus, in dem ich für Punkt zu Punkt gespielt habe. Aber diesen mentalen Schutzschild aufzubauen, das gelang mir dann doch wieder nur zeitweise. Im entscheidenden fünften Satz war es wieder vorbei, am Ende habe ich verdient verloren. Angesichts meines Ausbruchs hätte ich es mir selbst auch nicht gegönnt.

    Für mich ein deutliches Zeichen, weiter an diesem mentalen Aspekt des Tischtennis-Sports zu arbeiten. Bis jetzt habe ich diesen Aspekt zu sehr vernachlässigt, mich gar nicht darum gekümmert. Aber versuchen, diesen Zustand der Ruhe zu erreichen – das übe ich ab jetzt.

    Nicht nur bei den Profis, auch im Amateursport kommen Wutausbrüche immer mal wieder vor. Oft werden diese als Unsportlichkeit gewertet. Wie sollten wir damit umgehen – und ist euch schon am Tisch etwas in der Art passiert?

    11 Kommentare

    Um einen Kommentar abzugeben, musst du mit deinem myTischtennis.de-Account eingeloggt sein.