Timos Blog: TTR-Absturz nach Katastrophen-Premiere
Die Freude am Tischtennis neu entfacht: myTT-Volontär Timo Gotsch ist erst spät den Fußstapfen seiner Profi-Mutter Qianhong gefolgt und erzählt, wie wackelig seine ersten Gehversuche als Abwehrspieler waren.

„Was mache ich hier überhaupt?“ – Das hätte ich mal besser gedacht, als ich zu meinem ersten Einzel in die Box stieg. Es war ein früher Abend, ein Samstag im März, das vorletzte Punktspiel der Saison 2023/24. Vor einer Woche hatte ich zum ersten Mal einen Abwehrschläger in der Hand gehalten. Jetzt würde ich damit richtig spielen.
Hätte ich noch ein paar Wochen länger gewartet, hätte ich in der Sommerpause in aller Ruhe üben können. Sicherer in den Abwehrschlägen werden, mich überhaupt an die Noppen auf der Rückhand gewöhnen – über Monate hinweg. Eine Systemumstellung braucht Zeit, das haben mir alle gesagt. Ein bis zwei Jahre, mindestens. Aber geduldig war ich noch nie.
Ein missglückter erster Versuch
Aufschlag – und bevor mein Gegner den ersten Ball spielen konnte, sprang ich nach hinten. So macht man es doch als Abwehrspieler, oder? Hinten stehen und einen Topspin nach dem anderen abwehren.
Mein erster Schlag gelang … nicht. Ich stand falsch, musste mich halb nach vorne beugen, weil der Topspin meines Gegners nicht dorthin kam, wo ich ihn gerne gehabt hätte. Ich konnte den Ball zwar auf die gegnerische Tischhälfte zurückbringen, aber er stieg so hoch, dass ich ihn direkt um die Ohren geschossen bekam.
Die nächsten Bälle sahen nicht anders aus. Bald lag ich deutlich zurück. Im Grunde machte ich immer nur eins: Ich ließ mich fallen, gab den Ball hoch zum Gegner und ließ ihn angreifen. Weihnachtsgeschenke verteilen, so würde das meine Mutter nennen. Mein Gegner nahm die Geschenke dankbar an, und ich verlor den ersten Satz.
Selbst ein Schnippchen schlagen
„Du musst auch angreifen“, sagte meine Mutter in der Satzpause zu mir. Sie weiß wohl, wovon sie spricht, immerhin nennt man sie nicht einfach so den Bundesliga-Dino. „Wenn du deine Chance hast, musst du sie nutzen. Als Abwehrspieler erarbeitest du dir stets Chancen.“
Ich war ratlos. Wie – angreifen? Ich hatte doch vor allem deshalb auf die Abwehr gewechselt, um eben nicht jeden Ball angreifen zu müssen!
Eigentlich war meine System-Umstellung vor allem auch deshalb, weil ich mir selbst ein Schnippchen schlagen wollte. Einer der Gründe, weshalb ich als Kind mit Tischtennis aufhörte, war der, dass ich um Himmels willen keine Geduld hatte und stets jeden Ball angreifen wollte. Meine Angriffe missglückten aber oft und ich war dann frustriert. Also: Nein, sagte ich mir. Ich würde in dem Match bei der reinen Abwehr bleiben.
Tiefe TTR-Delle
Als ich das Einzel schließlich mit 1:3 verlor und ich mich verschwitzt und (mal wieder) frustriert auf die Bank setzte, dachte ich noch einmal über den Ratschlag meiner Mutter nach. Ich hatte gerade gegen einen Gegner verloren, der über 100 TTR-Punkte weniger hatte als ich. Autsch! Nicht, dass mir die Punkte so wichtig wären, aber eigentlich war das Ziel meiner Umstellung gewesen, besser zu werden – und nicht, mich zu verschlechtern.
Natürlich, mein Abwehrspiel war noch lange nicht auf einem Level, mit dem ich meine Gegner zu Fehlern bringen konnte. Aber war es überhaupt die richtige Idee? Mich zur Geduld zu zwingen, obwohl ich eigentlich eher zur Ungeduld neige? Vielleicht war das Spiel auch nur ein Ausrutscher. Ich würde es in meinem zweiten Einzel nochmal mit Geduld probieren, denn die musste man ja als Abwehrspieler haben.
Angreifen ist die Lösung?
Im ersten Satz meines zweiten Einzels spielte ich also wieder so abwartend. Und – zu meinem Erstaunen – ging der Satz dann auch sehr schnell vorbei. 3:11. Was für eine Klatsche. Okay, sagte ich mir, so komme ich nicht weiter.
Ich warf meine bisherige Linie komplett über Bord. Abwehr spielte ich kaum noch, sondern nur, wenn es unbedingt notwendig war. Und ich merkte: Unbedingt notwendig war die Abwehr nur selten. Auf meinem bisherigen Niveau zog kaum jemand zwei Vorhand-Topspins nacheinander.
Konsequent nutzte ich jede Möglichkeit, die sich mir zum Angriff bot: Ein zu hoch abgelegter Ball des Gegners oder ein Schupfball gegen meine Noppen, die ich zuvor für einen schnittlosen Schlag eingesetzt hatte. Wieder ging es schnell: 11:5, 11:7 und 11:3. Ich gewann 3:1. Na bitte!
Die richtige Mischung
Die Niederlage im Match zuvor war zwar nicht wettgemacht, aber ich begann zu begreifen: Der Schritt zu mehr Geduld in meinem Spielsystem war richtig, weil ich dadurch kontrollierter zu meinem Angriff komme – aber gleichzeitig sollte ich mein Naturell, oft die Offensive zu suchen, nicht unterdrücken. Diese richtige Mischung galt es, für mich zu finden.
Die erste Erkenntnis meiner Reise als Abwehrspieler: Finde ein Spielsystem, das zu deiner Persönlichkeit passt.
Mit dieser Erkenntnis im Gepäck konnte ich mich in der Sommerpause endlich dem richtigen Training widmen. Wie es damit weiterlief und welche Kniffe ich von einer langjährigen Bundesliga-Spielerin (Stichwort: Mischmasch) lernte, erfahrt ihr im nächsten Blog.
Habt ihr auch mal euer Spielsystem umgestellt oder auf Material gewechselt? Wenn ja, berichtet gern in einem Kommentar davon!
4 Kommentare
Um einen Kommentar abzugeben, musst du mit deinem myTischtennis.de-Account eingeloggt sein.
