EM-Blog: Viele Eindrücke & ein Wunsch nach mehr Einheitlichkeit

Acht Tage Europameisterschaften sind vorbei und es wird Zeit für einen Rückblick. In ihrem Blog schaut Redakteurin Chiara Ullrich auf ihren ersten EM-Einsatz zurück und hofft auf baldige Einheitlichkeit bei großen Tischtennis-Turnieren.

Die Tischtennis-EM ist vorbei – und damit auch mein erstes EM-Abenteuer für myTischtennis. Acht Tage lang durfte ich in Ljubljana hochklassiges Tischtennis erleben, Artikel schreiben und mich in einer Rolle ausprobieren, die für mich noch komplett neu war. Es war eine anstrengende Woche, voller spannender Spiele, Überraschungen und vieler neuer Eindrücke. Und auch wenn ich vor meiner Abreise noch nicht genau wusste, was mich erwarten würde, nehme ich aus Slowenien jede Menge Erfahrungen mit.
Vor einer Woche habe ich an dieser Stelle noch über meine Nervosität und meine Erwartungen an die EM geschrieben. Heute möchte ich zurückblicken: auf sportliche Highlights und ein paar Dinge, bei denen ich mir wünschen würde, dass sie sich in Zukunft verändern.
Eine EM im kleinen Kreis
Was mir gleich zu Beginn aufgefallen ist: Die Atmosphäre vor Ort war angenehm und fast schon familiär. Als Journalistin hatte ich kurze Wege, konnte problemlos zwischen Pressezentrum, Pressetribüne und Mixed Zone wechseln und fand immer einen Platz, von dem aus ich die Spiele verfolgen konnte. Gerade für meinen ersten internationalen Einsatz war das natürlich entspannt.
Gleichzeitig hatte diese entspannte Atmosphäre auch eine Kehrseite. Denn wirklich voll wurde es in der Arena Stožice nie. An den vollen Tagen saßen schätzungsweise maximal 300 Zuschauer (vergleicht das mal mit Bundesligaspielen von beispielsweise Borussia Düsseldorf) auf den Rängen – darunter dann sogar zahlreiche Spieler, Trainer und Betreuer. In einer Halle, die bei Sportveranstaltungen rund 12.000 Menschen Platz bietet, sah das doch ziemlich verloren und traurig aus.
Natürlich ist Tischtennis nicht die einzige Sportart, die mit der Frage kämpft, wie sie mehr Menschen für ihre Veranstaltungen begeistern kann. Trotzdem habe ich mich gefragt, ob man aus solchen Großveranstaltungen nicht mehr machen könnte. Lag es am Marketing? Oder spielte es eine Rolle, dass der slowenische Lokalmatador Darko Jorgic bereits im Achtelfinale ausschied und damit ein wichtiger Publikumsmagnet wegfiel? Vermutlich lässt sich das nicht auf einen einzigen Grund reduzieren.
Eine Idee, die ich persönlich sehr cool fände, wäre, die Europameisterschaften wieder stärker mit anderen Sportarten zusammenzubringen. Bei den European Championships 2022 in München fanden mehrere Europameisterschaften parallel statt – unter anderem in der Leichtathletik, im Turnen, Rudern, Volleyball und Tischtennis. Das Konzept hatte einen großen Vorteil: Wer ohnehin wegen einer anderen Sportart vor Ort war, konnte auch einmal beim Tischtennis vorbeischauen. Vielleicht bleibt der eine oder andere dann hängen und entdeckt, wie spannend unser Sport eigentlich ist.
Wenn ein Aufschlag zum Gesprächsthema wird
Neben den Zuschauerzahlen ist mir vor allem ein anderes Thema im Gedächtnis geblieben: der Umgang mit Aufschlägen und die Frage, wie viel Einheitlichkeit es im internationalen Tischtennis eigentlich aktuell gibt.
Ich habe mich vor allem auf die deutschen Spiele konzentriert, in den späteren Hauptrunden aber auch viele Partien anderer Nationen verfolgt. Dabei kam es immer wieder zu Diskussionen, weil Schiedsrichter Aufschläge beanstandeten – teilweise in sportlich enorm wichtigen Situationen. Was mir bei diesem Turnier schon fehlte, war die Möglichkeit des TTR-Reviews, wie es beispielsweise beim Smash, dem WTT-Champions oder der Team-WM in London zum Einsatz kommt, beziehungsweise kam. Bei der EM stand diese doch sehr anspruchsvolle Technologie eben nicht zur Verfügung.
Zum einen war da das Damendoppel von Ying Han und Sabine Winter. Han bekam im Viertelfinale bei 1:2-Satzrückstand und 0:3 hinten einen Aufschlag aberkannt, weil der Ball beim Aufschlag offenbar vor der Grundlinie gewesen sein soll. Sabine Winter äußerte während des Spiels, anschließend aber auch in der Mixed Zone klare Zweifel an der Entscheidung. Sinngemäß meinte sie, dass es fast schon unmöglich sei, den Ball so zu werfen, dass er sich vollständig über der Linie befinden kann. Bei solch einem wichtigen Spiel kann ich absolut verstehen, wenn da Ärger aufkommt. Interessanterweise hat Winter erste eine Woche vorher einen genau solchen beanstandeten Aufschlag beim China Smash gechallenged. Im Mixed mit Dang Qiu konnte Winter ihren Aufschlag überprüfen lassen (gleiches Thema), der anschließend als regelkonform gewertet wurde.
Noch hitziger wurde es im Achtelfinale zwischen Truls Moregard und Borgar Haug. Beim Stand von 2:1 für Moregard im sechsten Satz wurde dem Schweden ein Aufschlag wegen einer zu geringen Wurfhöhe aberkannt. Es folgte eine längere Diskussion mit dem Schiedsrichter. Danach verlor der Schwede komplett den Faden, Haug setzte sich deutlich ab und machte schließlich den überraschenden 4:2-Erfolg perfekt. Moregard sagte im Interview danach zwar, dass er das Spiel ohnehin nicht mehr gewonnen hätte, schrie den Schiedsrichter aber trotzdem an mit: „Es ist so ein tolles Spiel, warum zerstörst du es damit. Ich habe das ganze Spiel schon diesen Aufschlag gemacht.“
Auch das Frauenviertelfinale zwischen Elena Zaharia und Prithika Pavade lieferte ein Beispiel dafür, wie entscheidend einzelne Punkte sein können. Beim Stand von 15:14 für Pavade im dritten Satz wurde Zaharia ein Aufschlag aberkannt – in einem Spiel um eine sichere Medaille. Pavade gewann den Satz anschließend mit 16:14, setzte sich am Ende aber deutlich mit 4:0 durch.
Mir geht es dabei ausdrücklich nicht darum, einzelne Schiedsrichterentscheidungen im Nachhinein pauschal als falsch zu bewerten. Aber gerade für die Spieler fände ich nachvollziehbare und möglichst einheitliche Verfahren, die gerade bei knappen Entscheidungen zusätzliche Sicherheit schaffen persönlich besser. Und tatsächlich werden die Challenges dann ja auch sehr oft gewonnen. Ein weiterer Punkt ist, dass der TTR-Review, wenn er zum Einsatz bei Turnieren kommt, auch nur an ausgewählten Tischen zur Verfügung steht. Wer Glück hat, kann challengen, wer Pech hat, nicht.
Und damit sind wir bei einem grundsätzlichen Problem: Warum muss man im internationalen Tischtennis gefühlt vor jedem Wettbewerb erst einmal nachschauen, welche Regeln und Besonderheiten diesmal gelten?
Meine Kollegin Janina Schäbitz hat sich in ihrem Blog „Ein bisschen mehr Einheitlichkeit, bitte“ bereits mit dem neuen Modus der Damen-Champions-League beschäftigt. Dort unterscheiden sich nicht nur die Spielsysteme der Damen und Herren. Auch innerhalb des Damenwettbewerbs wechselt der Modus von Phase zu Phase. Schaut da gerne vorbei.

Eine Goldmedaille, die in Erinnerung bleibt
Natürlich bestand meine EM-Woche nicht nur aus kritischen Beobachtungen. Sportlich gab es jede Menge Geschichten, die mir im Gedächtnis bleiben werden. Aus deutscher Sicht war die Bilanz mit fünf Medaillen – einmal Gold, einmal Silber und dreimal Bronze – durchaus erfreulich.
Besonders schön war es für mich, den EM-Titel von Nina Mittelham und Benedikt Duda im Mixed mitzuerleben. Gerade das Finale gegen Alexis Lebrun und Charlotte Lutz war an Spannung kaum zu überbieten. Nach mehreren vergebenen Matchbällen der Franzosen entschieden Mittelham und Duda den fünften Satz mit 17:15 für sich. Bei meiner ersten Europameisterschaft eine deutsche Goldmedaille aus nächster Nähe zu erleben, sorgte definitiv für Gänsehaut.
Auch Annett Kaufmanns Silbermedaille im Einzel war eine besondere Geschichte. Die 20-Jährige kämpfte sich bis ins Finale und musste sich dort erst nach sieben Sätzen Elizabet Abraamian geschlagen geben. Dazu kamen die Bronzemedaillen von Nina Mittelham im Einzel, von Annett Kaufmann und Nina Mittelham im Doppel sowie von Dang Qiu im Herren-Einzel. Es gab also genügend Gründe, sich über die deutschen Leistungen zu freuen.
Und auch international wurde einiges geboten: Darko Jorgic musste seinen Traum vom Titel vor heimischem Publikum bereits im Achtelfinale begraben, Truls Moregard schied überraschend gegen Borgar Haug aus.
Mittendrin statt nur dabei
Neben all diesen sportlichen und organisatorischen Themen war die EM für mich vor allem eines: eine unglaublich wertvolle Erfahrung.
Ich habe zum ersten Mal bei einer internationalen Großveranstaltung gearbeitet, zum ersten Mal regelmäßig in einer Mixed Zone auf die Spieler gewartet. An mehreren Stellen hätte ich mir noch mehr mediales Interesse gewünscht. Gerade in der Mixed Zone hatte ich häufig den Eindruck, dass so gut wie nur deutsche, schwedische und französische Medien vertreten waren.
Trotzdem habe ich viel mitgenommen. Ich konnte beobachten, wie andere Journalistinnen und Journalisten arbeiten, wie Gespräche nach engen Spielen ablaufen und wie wichtig es ist, auch in stressigen Situationen den Überblick zu behalten. Nicht alles lief sofort perfekt, und sicher gibt es Dinge, die ich beim nächsten Mal anders machen würde. Aber genau darum geht es ja: Erfahrungen sammeln, dazulernen und sich weiterentwickeln.
2 Kommentare
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