WM-PK vor London: „China ist angreifbarer geworden“

Die Jubiläums-WM steht vor der Tür: Die Deutschen sehen sich gut gerüstet. Schwerpunktthema auf der Pressekonferenz im DTTZ war neben der hohen Leistungsdichte auch die Entwicklung der Tischtennis-Supermacht China.

Am kommenden Dienstag startet in London die nächste Mannschaftsweltmeisterschaft. Das Turnier läuft vom 28. April bis 10. Mai und bedeutet 13 Tage Spitzentischtennis im historischen Rahmen. Der Austragungsort ist nicht zufällig England: 1926 wurde die ITTF in Berlin gegründet, die Wurzeln des Sports liegen im späten 19. Jahrhundert auf der Britischen Insel. Die erste Tischtennis-Weltmeisterschaft wurde vor 100 Jahren, vom 6. bis 12. Dezember 1926, in London ausgetragen.
Für die deutschen Mannschaften, die zu den Top acht der gesetzten Teams zählen, beginnt das Turnier am 2. Mai, die Vorrunde im neuen Modus dient ausschließlich dem Ausspielen der Setzung. Ausscheiden kann zunächst niemand.
Die Stimmen der Damen-Mannschaft:
Richard Prause über die historischen Rahmenbedingungen:
„Eine WM motiviert jede Mannschaft, ihr bestes Tischtennis zu spielen. Es heißt in England immer ,Football’s coming home‘. In gewisser Weise ist es auch ein ‚Table Tennis coming home‘. Die Sportart verfügt über eine unglaubliche Tradition. Man spürt, dass es eine Jubiläums-WM wird. Darauf freuen wir uns alle extrem.“
… zur Dominanz Chinas:
„China ist bei den Damen weiterhin sehr dominant. Das gilt vor allem für Spielerinnen wie Sun Yingsha und Wang Manyu. Ein Blick auf den Nachwuchs könnte ein vorsichtiger Hinweis darauf sein, dass das nicht immer so sein muss. Koharu Itagaki hat auf dem Weg zum Schülerinnen-Weltmeistertitel auch gegen eine Chinesin gewonnen. Hinter China kommt Japan. Wir haben die Möglichkeiten, beide zu ärgern.“
Tamara Boros (Bundestrainerin):
„Wichtig ist, dass wir komplett fit ins Turnier gehen. Auch Teams wie Nordkorea, ein möglicher Gegner im Achtelfinale, können gefährlich werden – sie spielen selten international, sind daher schwer einzuschätzen und können überraschen. Das haben sie schon bei Olympia gezeigt. Wir haben viele unterschiedliche Spielsysteme im Team und sind auf verschiedene Gegnerinnen vorbereitet. Unser Ziel ist klar: Wir wollen eine Medaille. Druck zu haben, gehört dazu. Das ist Teil des Profisports.“
Zoltan Batorfi (Assistenztrainer):
„Wir können uns vor allem auf die Gruppenphase gezielt vorbereiten. Danach kommt es stark darauf an, auf wen man trifft. Dann müssen wir improvisieren.“
Sabine Winter über ihren Aufstieg zur Top-10-Spielerin und ihre neue Rolle als „Team-Mama“:
„Ich denke nach dem Aufstehen nicht groß darüber nach, was in den letzten Monaten passiert ist. Natürlich bin ich stolz, manchmal auch perplex oder überrascht. Es läuft aktuell sehr gut, ich habe Spaß und will mich weiter verbessern. Anders als bei vorherigen Turnieren vermute ich, etwas öfter zu spielen (lacht). Es ist eine andere Rolle und ich freue mich darauf.“
… ihren britischen Vater Mark:
„Als ich jünger war, sind wir schon mal öfter im Familienurlaub in England gewesen. Ich habe somit einen anderen Bezug dorthin als zu den meisten anderen Austragungsländern. Mein Vater wird vor Ort sein, mein Bruder auch mit seiner Familie. Ich freue mich über die Unterstützung und war schon länger nicht mehr dort. Ich bin gespannt, welche Kindheitserinnerungen sich noch mal auftun.“
… einen gewissen Druck nach dem EM-Titel:
„Eine WM ist keine EM. Es heißt nicht, wenn man Europameister wird, dass man automatisch Weltmeister wird. In den letzten 16 Jahren hat es nur drei europäische Mannschaftsmedaillen gegeben, zwei für Deutschland und eine für Frankreich. Eine WM-Medaille ist immer etwas Besonderes. Wir haben eine gute Mannschaft. Wenn wir unser Potenzial abrufen, können wir eine Medaille holen. Wir schauen dabei nur auf uns und werden gemeinsam alles dafür tun.“
Ying Han zu ihrem Comeback für einen Teamwettbewerb:
„Ich freue mich sehr, wieder dabei zu sein. Nach zwei Jahren bin ich etwas aufgeregt und hoffe, dass ich dieser starken Mannschaft helfen kann. Nach meinen Knieproblemen trainiere ich ganz normal, war viel Fahrradfahren und bin happy, dass ich jetzt wieder spielen kann.“
Nina Mittelham über ihr aktuelles Leistungsniveau nach ihren Bandscheibenproblemen:
„Ich fühle mich körperlich wieder wohl, kann alles machen und fange wieder an, besser zu spielen. Das macht wieder deutlich mehr Spaß. Wir sind ein super Team und uns alle einig, dass wir mit etwas Zälhbarem nach Hause kommen wollen. Die Setzung verrät, wo wir uns befinden.“
Annett Kaufman nach ihrer Verletzung beim World Cup:
„Mir geht es gut, ich habe keine Beschwerden mehr. Ich bin wieder ins Training eingestiegen und konnte ohne Schmerzen spielen. Für die WM habe ich das medizinische Okay vom Arzt bekommen und fühle mich bei 100 Prozent. In Zadar sind wir ins Mittelmeer gesprungen, bei einer WM-Medaille springen wir wieder ins Wasser, vielleicht in die Themse. Das ist jetzt unser Brauch (lacht).“
Yuan Wan:
„Ich bin seit Januar wieder komplett fit und sehr glücklich, Teil dieser Mannschaft zu sein. Ich möchte das Team bestmöglich unterstützen, damit wir unser gemeinsames Ziel erreichen.“
Die Stimmen der Herren-Mannschaft:
Richard Prause (Sportvorstand DTTB):
„Die Team-WM ist das Herzstück des Tischtennis. Wir freuen uns unglaublich darauf. Ich erwarte ein Turnier, das so eng und spannend wird wie lange nicht mehr. Es gibt keinen absoluten Favoriten. China, der Serienweltmeister der vergangenen Jahrzehnte, wirkt angreifbarer und nicht unkaputtbar. Unser Ziel ist es, um die Medaillen mitzuspielen. Es gibt acht bis zehn Nationen, die ein vergleichbares Ziel verfolgen.“
… zur aktuellen Situation in China:
„China durchläuft – wie jede Nation – einen Generationswechsel. Die Spieler der jungen Generation hinter Wang Chuqin müssen Entwicklungsschritte machen, die nicht so einfach zu vollziehen sind, wenn man bei der hohen Wettkampfdichte reduziert trainiert. Auch die Chinesen müssen mit den Kräften haushalten und könnten nur mit ganz intensivem Training auf allerhöchstem Niveau Top-Leistungen bringen. Ich sehe sie nach wie vor als Favoriten, aber die Talente fallen auch dort nicht von den Bäumen. Früher gab es eine 1A und eine 1B mit beispielsweise Zhang Jike und Ma Long. Nun ist die Fluktuation höher.“
… zur generellen Entwicklung im Welttischtennis:
„Vielleicht erleben sie aktuell eine kleine Delle, aber man darf nicht vergessen: Auch die Chinesen sind nur Menschen. Die Wettkampfdichte ist durch die vielen WTT-Turniere extrem hoch, dadurch bleibt weniger Zeit für Training. Wissensvorsprünge sind irgendwann aufgebraucht, der Austausch zwischen den Nationen ist größer geworden. Früher gab es in China teilweise monatelange Trainingslager mit klaren Strukturen. Das ist heute so nicht mehr möglich. Auch dadurch rückt die Weltspitze insgesamt enger zusammen.“
… zur geäußerten Kritik am neuen WM-System:
„Es gab Briefverkehr mit der ITTF und wir haben Präsidentin Petra Sörling darüber informiert, dass wir über die aktuelle Entwicklung irritiert sind. Uns war wichtig, dieses Thema einzuordnen und in den Dialog zu gehen. Ob das noch während der WM oder danach weiter vertieft wird, bleibt abzuwarten. Entscheidend ist für uns: Als sportpolitische Nation müssen wir in der Lage sein, konstruktive Kritik zu äußern und in Gespräche einzutreten. Wir sind dabei auch ein Stück auf die ITTF zugegangen. Uns war wichtig, dass Entscheidungen nicht in einem kleinen Gremium getroffen werden, sondern die Mitgliedsverbände stärker eingebunden werden. Genau das haben wir angestoßen.“
… zur internationalen Resonanz:
„Die meisten Nationen, mit denen wir gesprochen haben, haben uns positive Rückmeldungen gegeben. Über einen Zeitraum von zwölf bis 24 Monaten haben sich die Teams ihre Positionen in der Weltrangliste erarbeitet und das wird nun innerhalb von eineinhalb Tagen teilweise ad absurdum geführt. Das ist für uns der entscheidende Punkt. Die Nachteile überwiegen ein Stück weit.“
Jörg Roßkopf (Bundestrainer):
„Wir haben die Möglichkeit, uns in einen guten Rhythmus zu spielen und eine gute Ausgangsposition für die K.-o.-Phase zu erarbeiten. Richtig los geht es dann ab Montag mit der Runde der letzten 32. Das sind genau die Spiele, die wir Sportler lieben: gewinnen und weiterkommen oder verlieren und nach Hause fahren.
Gerade die ersten beiden Tage werden extrem schwierig. In unserer Gruppe mit starken Nationen ist alles möglich. Ich hoffe ehrlich gesagt, dass wir dieses System einmal spielen und dann nicht wieder sehen. Im normalen Modus ist vieles einfacher und nachvollziehbarer, als irgendwelche Setzungen auszuspielen.“
… zur Ausgeglichenheit und Teamstärke:
„Wir versuchen, das Maximum rauszuholen. Egal, wer die Punkte macht. Als Mannschaft müssen immer drei Punkte her. Wir gewinnen und verlieren zusammen, machen uns nicht von einem Spieler abhängig. Wir haben ein sehr ausgeglichenes Team mit viel Selbstvertrauen, um China anzugreifen. Auch Japan hat eine extrem starke Mannschaft und ist vielleicht sogar der größere Favorit. Viele Nationen haben eine klare Nummer eins, wir nicht. Dafür haben wir fünf Spieler auf einem ähnlichen Niveau, die alle darauf brennen zu spielen. Das gibt uns viele taktische Möglichkeiten bei der Aufstellung.“
Lars Hielscher (DTTZ-Cheftrainer):
„Wir haben den Abschlusslehrgang intensiv genutzt. Bis zum Wochenende wird noch mit hohen Umfängen trainiert, danach fahren wir das Pensum bis zur Abreise bewusst runter, um frisch ins Turnier zu gehen. Gleichzeitig arbeiten wir sehr individuell, um jeden Spieler optimal vorzubereiten.“
Deutschlands Nummer eins Dang Qiu (WM-Tipp außer China und Deutschland: Japan):
„Ich fühle mich gut vorbereitet und körperlich fit, das gilt für das ganze Team. Wir haben das Potenzial, auf sehr hohem Niveau zu spielen. Wenn wir das abrufen, sind wir für jeden Gegner gefährlich. Die Vorbereitung war intensiv, ich bin zuversichtlich, dass ich bei der WM mein bestes Tischtennis zeigen kann.“
Benedikt Duda (WM-Tipp außer China und Deutschland: Frankreich):
„Ich hatte eine kleine muskuläre Verletzung im Schlagarm und habe deshalb kurz pausiert, bin jetzt aber wieder voll im Training. Ich fühle mich körperlich gut und hatte zuletzt auch eine starke Einheit. Die Leistungsdichte in der Weltspitze ist enorm gewachsen. Wir haben vier oder fünf Spieler im Team, die jeden auf der Welt schlagen können. Das haben wir zu Beginn des Jahres auch schon gezeigt. Wir gehen mit Selbstvertrauen ins Turnier. Wenn wir unsere Leistung bringen, können wir eine sehr gute WM spielen.“
Patrick Franziska (WM-Tipp außer China und Deutschland: Japan):
„Unser großer Vorteil ist der Teamgeist. Wir kennen uns seit vielen Jahren, haben unzählige Mannschaftsturniere zusammen gespielt und gehen alle voll in diesem Wettbewerb auf. Man merkt, dass es uns allen unglaublich viel Spaß macht, gemeinsam zu spielen. Wir sind eine erfahrene und gleichzeitig hungrige Mannschaft. Das gibt uns Zuversicht. Ich habe viele gute Erinnerungen an Teamwettbewerbe und freue mich sehr auf das Turnier. Auch Spieler wie Andre, die neu dazugekommen sind, haben sich schnell eingefügt und waren sofort für das Team da. Wir können uns auf den jeweils anderen verlassen und haben durch die enge Dichte viele starke Einzelspieler. Wir können in alle Richtungen aufstellen.“
Dimitrij Ovtcharov (WM-Tipp außer China und Deutschland: Frankreich):
„Die Weltspitze ist aktuell so ausgeglichen wie selten zuvor. Heute gibt es fünf oder sechs Mannschaften, die Weltmeister werden können. Diese Breite und Qualität habe ich so in meiner Karriere oder auch davor noch nicht erlebt.“
Andre Bertelsmeier (WM-Tipp außer China und Deutschland: Schweden):
„Ich habe bei der EM schon erlebt, wie besonders Teamwettbewerbe sind, und erwarte jetzt eine ähnliche Stimmung. Wir harmonieren gut und ich freue mich riesig, dabei zu sein. Für uns alle ist das System neu, deshalb ist es schwer einzuschätzen, wie sich das Turnier entwickelt.“
… das Entscheidungsduell gegen seinen Kumpel Wim Verdonschot um den fünften Teamplatz:
„Wir sind es gewohnt, in wichtigen Spielen und unter Leistungsdruck gegeneinander zu spielen. Ich habe mir schon gedacht, dass es in den siebten Satz geht und mich am Ende natürlich sehr gefreut.“
Das WM-Aufgebot des DTTB
Herren
Dang Qiu (Borussia Düsseldorf), Benedikt Duda (TTC Schwalbe Bergneustadt), Patrick Franziska (1. FC Saarbrücken-TT), Dimitrij Ovtcharov (TTC RhönSprudel Fulda-Maberzell), Andre Bertelsmeier (TSV Bad Königshofen)
Trainer
Jörg Roßkopf (Herren-Bundestrainer), Lars Hielscher (DTTB-Cheftrainer Düsseldorf)
Damen
Sabine Winter (TSV Dachau), Ying Han (KTS Tarnbrzeg, Polen), Annett Kaufmann (SV DJK Kolbermoor), Yuan Wan (TTC Weinheim), Nina Mittelham (ttc berlin eastside)
Trainer
Tamara Boros (Damen-Bundestrainerin), Zoltan Batorfi (Assistenz-Bundestrainer Damen)
WM 2026, Gruppeneinteilung Stufe 1A
Herren
Gruppe 1: China, Schweden, Südkorea, England
Gruppe 2: Frankreich, Japan, Deutschland, Taiwan
Damen
Gruppe 1: China, Südkorea, Taiwan, Rumänien
Gruppe 2: Japan, Deutschland, Frankreich, England
Die Vorrundenspiele der Deutschen in der Stufe 1A (MESZ)
2. Mai
Damen: Deutschland – Frankreich 11 Uhr, Tisch 3
Herren: Deutschland – Japan 13:30 Uhr, Tisch 2
Damen: Deutschland – England 18 Uhr, Tisch 1
Herren: Deutschland – Frankreich 20:30 Uhr, Tisch 2
3. Mai
Damen: Deutschland – Japan 13:30 Uhr, Tisch 2
Herren: Deutschland – Taiwan 18 Uhr, Tisch 4
Der allgemeine Zeitplan der WM:
28.04.-01.05.: Stufe 1B - Copper Box Arena
Vorrunde mit Gruppenspielen
Qualifikationsturnier mit 56 Teams um 24 Endrundenplätze in Stufe 2
02./03.05.: Stufe 1A - Ovo Arena Wembley
Vorrunde mit Gruppenspielen
Turnier mit je 8 Teams um die acht Setzungsplatzierungen in Stufe 2
04.-10.05.: Stufe 2 - Ovo Arena Wembley
Endrunde im K.o.-System
4./5. Mai: Runde der besten 32 Teams
6. Mai: Achtelfinale
7./8. Mai: Viertelfinale
9. Mai: Halbfinale
10. Mai: Finale

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