Kritik am neuen WM-Format: DTTB sucht Dialog mit ITTF
Die Neuerungen, die sich die ITTF für die Austragung ihrer 100. Weltmeisterschaften in London ausgedacht hat, lösen Kritik aus. Der DTTB sucht nun den öffentlichen Dialog mit dem Weltverband.

Im Jahr des 100-jährigen Jubiläums der International Table Tennis Federation (ITTF) werden die Team-Weltmeisterschaften in London (28. April bis 10. Mai 2026) in einem grundlegend modifizierten Format ausgetragen. Der Deutsche Tischtennis-Bund (DTTB) erkennt zwar die Bestrebungen des Weltverbands zur Weiterentwicklung der Veranstaltung an, bewertet den von der ITTF für London festgelegten Austragungsmodus jedoch deutlich kritisch. Aus Sicht der Verantwortlichen birgt das aktuelle System strukturelle Risiken für die sportliche Qualität und Fairness des Wettbewerbs. „Das aktuelle WM-System birgt die Gefahr negativer Auswirkungen auf den Sport. Darüber müssen und wollen wir mit der ITTF diskutieren“, sagt Dr. Wolfgang Dörner, der Vorstandsvorsitzende des DTTB.
Duelle der Top-Teams schon in der Vorrunde
Für die Titelkämpfe in London wurde das WM-System modifiziert und auf jeweils 64 Teilnehmernationen bei Damen und Herren aufgestockt. Vom 28. April bis 1. Mai kämpfen 56 Mannschaften der zweiten Kategorie zunächst in der Copper Box Arena in Stufe 1B um jeweils 24 freie Plätze in der Endrunde. Diese finale Stufe 2 beginnt am 4. Mai in der OVO Arena Wembley im K.-o.-System mit 32 teilnehmenden Teams.
Komplettiert wird die Endrunde von acht bereits automatisch für Stufe 2 qualifizierten Mannschaften. Abweichend von der üblichen Praxis treten die Nummern 1 bis 7 der Weltrangliste plus Gastgeber England in Stufe 1A am 2. und 3. Mai bereits in der Vorrunde gegeneinander an und ermitteln die Setzungspositionen für die Endrunde – die üblicherweise über die Weltrangliste erfolgen.
Die Kritikpunkte am neuen System
Nach Rückmeldungen aus dem Kreis der Nationalspielerinnen und -spieler sowie des Trainerstabs formulierte der Verband in einem Schreiben an ITTF-Präsidentin Petra Sörling seine Kritik am neuen System:
- Gegenüber früheren Formaten führt das aktuelle Format durch die Vorrunden-Gruppenphase mit den Top-Teams zu einer erschwerten Belastungssteuerung sowie zu verringerter Flexibilität bei der Rotation des Kaders. Dies erschwert die Steuerung der physischen Belastung und reduziert außerdem die Chance, aufstrebenden Spielern internationale Wettkampfpraxis zu ermöglichen.
- Das aktuelle Format führt in Einzelfällen für nicht zur Topkategorie zählende Teams zu einer zeitlichen Verlängerung der WM in einem ohnehin bereits sehr dichten internationalen Turnierkalender.
- Das System beeinflusst die „Storytelling“-Aspekte und die sportliche Dramaturgie des Wettbewerbs. Frühzeitige Begegnungen zwischen führenden Nationen beeinträchtigen die Spannungsentwicklung bis zur K.-o.-Phase und damit ein Element, das traditionell einen wesentlichen Teil der Attraktivität der WM ausmacht.
- Die direkte Qualifizierung der Topteams für die Endrunde und die nicht geringe Wahrscheinlichkeit eines erneuten Aufeinandertreffens in der Turnierendphase beinhaltet die Gefahr, dass Spieler/Mannschaften in der Vorrunde aus taktischen Gründen nicht in jeder Partie ihr volles Leistungsvermögen ausschöpfen. Dies wirft Fragen hinsichtlich der Intensität, der Vergleichbarkeit der Ergebnisse und letztlich der sportlichen Fairness innerhalb des Wettbewerbs auf.
- Hypothetisch, aber nicht unmöglich: Im Extremfall schafft das aktuelle Format strategische Anreize zur Beeinflussung des sportlichen Gleichgewichts. Ein Beispiel: Die bestplatzierte Nation schont in der Gruppenphase ihre Topspieler und trifft anschließend als letztplatzierte Mannschaft ihrer Vorrundengruppe schon im Achtelfinale der K.-o.-Phase auf den neuen Topgesetzten. Diese Überlegung unterstreicht die Bedeutung eines möglichst robusten und transparenten Systems.
Transparenter Kommunikationsprozess notwendig
Zur Weiterentwicklung des internationalen Tischtennissports sucht der DTTB den Dialog mit der ITTF. „Angesichts der Tragweite der mit dem neuen System eingeführten Veränderungen müssen wir in einen öffentlichen Dialog treten. Wir würden bei zukünftigen Entscheidungen einen breit angelegten Kommunikationsprozess begrüßen – am besten unter Einbindung vieler nationaler Verbände“, sagt DTTB-Vorstandsvorsitzender Dr. Wolfgang Dörner.
(DTTB)
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